In dieser Ausgabe:
>> Joseph Beuys und seine Schüler
>> Vik Muniz - Kunst in den Favelas
>> Ayse Erkmens Interventionen
>> Deutsche Pop Art: Thomas Bayrle

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Vik Muniz, Saturn devouring one of his Sons,
after Francisco de Goya Y Lucientes,
aus "Pictures of Junk", 2005,
Courtesy of Vik Muniz and Sikkema Jenkins & Co.



Den Schülern die konkreten Ergebnisse ihrer Anstrengungen vor Augen zu führen, kann wichtig sein – doch Muniz glaubt vor allem an den Eigenwert einer künstlerischen Grundausbildung, die zunehmend auch die notwendigen Techniken für viele Beschäftigungsfelder in der weltweit wachsenden Dienstleistungsgesellschaft vermittelt. "Künstler benutzen die gleichen Werkzeuge wie die anderen Medien", lautet seine Argumentation. "Und wenn wir als Künstler Strategien ersinnen, wie wir visuellen Information umgehen, machen wir im Endeffekt nicht anderes als eine Werbeagentur. Man kann nicht mehr einfach behaupten, Kunst sei rein und die kommerziellen Medien eben nicht."



Vik Muniz, Beggar 4, after Rembrandt,
aus "Pictures of Nails, 2001
Courtesy of Sikkema Jenkins & Co.


Leider vermittelt konventioneller Kunstunterricht nicht immer die Fähigkeiten, die von der freien Medienwirtschaft verlangt werden. "Kunststunden in der High School sind doch ein Witz. Man bastelt kleine Geschenke und gibt sie seiner Mutter", meint er. "Wenn ein Lehrer eine Fremdsprache unterrichtet, müssen die Schüler die Grammatik und Literaturgeschichte lernen. Doch wenn sich der Unterricht mit Bildern beschäftigt, geht es plötzlich nicht mehr um die Geschichte der Bilder, die Grammatik der Bilder! All das wird als selbstverständlich hingenommen, weil die Fotografie erfunden wurde. Die Menschen denken, es gibt eine Maschine, die sich mit so was beschäftigt, also müssen sie selbst nichts darüber wissen."



Vik Muniz, Butterflies, after Odilon Redon,
aus "Pictures of Pigment", 2006
Courtesy of Sikkema Jenkins & Co


Für Muniz ist Kunst heute weniger das Resultat einer dandyhaften Freizeitbeschäftigung sondern ein Produkt einess hektischen urbanen Lebensumfelds, das von der Industrie, den Massenmedien und verschiedensten kulturellen Unterströmungen geprägt wird. Ihm ist nur zu bewusst, wie nah sich Kunst und Werbung im Grunde sind – schließlich haben international bekannte Unternehmen in der Vergangenheit häufiger versucht, ihn für Projekte zu gewinnen. Muniz hat nur selten mit großem Enthusiasmus auf diese Angebote reagiert. Allerdings musste er feststellen, dass die Unternehmen nach seinen Absagen sehr oft einen anderen bezahlten Handlanger anheuerten, der dann seine Ideen klaute. Als neulich der Kosmetikgigant Lancôme an ihn mit der Bitte herantrat, neue Variationen des Firmenlogos zu entwickeln, antwortete der Künstler daher, dass er eine bessere Idee habe. Er schlug vor, den Auftrag an die Schüler des Centro Espacial zu geben. "Sie haben all diese Varianten geschaffen – sie haben das Lancôme Logo als Graffiti in den Slums gesprüht, sie haben es aus Zeitungspapier nachgebaut, aus Make-up, aus Erde, aus Müll. Es war unglaublich!" Das Projekt war ein großer Erfolg, den Muniz in diesem Jahr zu wiederholen hofft, wenn er Partnerschaften mit Nokia und der brasilianischen Mobiltelefongesellschaft Oi entgeht.



Apollo and the Cumaean Sibyl,
after Giovanni Domenico Cerrini,
aus "Pictures of Junk", 2007
Courtesy of Sikkema Jenkins & Co.


"Das letzte Mal, dass die Menschen ernsthaft über visuelle Bildung geredet haben, war in der viktorianischen Epoche", stellt Muniz fest. "Damals hatte eine Gruppe Privilegierter Zugang zur zeichnerischen Praxis. Sie nutzten das nicht um hübsche, dekorative Objekte zu schaffen sondern als Mittel, um zu lernen, wie man Dinge betrachtet." Und so wie er das sieht, müssen wir manchmal einfach nur zurückschauen, um nach vorn zu blicken.

Vik Muniz: VERSO
6. September bis 11. Oktober 2008
Sikkema Jenkins & Co., New York

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