Vik Muniz, Saturn devouring one of his
Sons, after Francisco de Goya Y
Lucientes, aus "Pictures of
Junk", 2005, Courtesy of
Vik Muniz and Sikkema Jenkins & Co.
Den
Schülern die konkreten Ergebnisse ihrer Anstrengungen vor Augen zu führen,
kann wichtig sein – doch Muniz glaubt vor allem an den Eigenwert einer
künstlerischen Grundausbildung, die zunehmend auch die notwendigen
Techniken für viele Beschäftigungsfelder in der weltweit wachsenden
Dienstleistungsgesellschaft vermittelt. "Künstler benutzen die gleichen
Werkzeuge wie die anderen Medien", lautet seine Argumentation. "Und wenn
wir als Künstler Strategien ersinnen, wie wir visuellen Information
umgehen, machen wir im Endeffekt nicht anderes als eine Werbeagentur. Man
kann nicht mehr einfach behaupten, Kunst sei rein und die kommerziellen
Medien eben nicht."
 Vik
Muniz, Beggar 4, after Rembrandt, aus
"Pictures of Nails, 2001 Courtesy
of Sikkema Jenkins & Co.
Leider
vermittelt konventioneller Kunstunterricht nicht immer die Fähigkeiten,
die von der freien Medienwirtschaft verlangt werden. "Kunststunden in der
High School sind doch ein Witz. Man bastelt kleine Geschenke und gibt sie
seiner Mutter", meint er. "Wenn ein Lehrer eine Fremdsprache unterrichtet,
müssen die Schüler die Grammatik und Literaturgeschichte lernen. Doch wenn
sich der Unterricht mit Bildern beschäftigt, geht es plötzlich nicht mehr
um die Geschichte der Bilder, die Grammatik der Bilder! All das wird als
selbstverständlich hingenommen, weil die Fotografie erfunden wurde. Die
Menschen denken, es gibt eine Maschine, die sich mit so was beschäftigt,
also müssen sie selbst nichts darüber wissen."
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Vik Muniz, Butterflies, after Odilon Redon, aus
"Pictures of Pigment", 2006 Courtesy
of Sikkema Jenkins & Co
Für Muniz ist
Kunst heute weniger das Resultat einer dandyhaften Freizeitbeschäftigung
sondern ein Produkt einess hektischen urbanen Lebensumfelds, das von der
Industrie, den Massenmedien und verschiedensten kulturellen
Unterströmungen geprägt wird. Ihm ist nur zu bewusst, wie nah sich Kunst
und Werbung im Grunde sind – schließlich haben international bekannte
Unternehmen in der Vergangenheit häufiger versucht, ihn für Projekte zu
gewinnen. Muniz hat nur selten mit großem Enthusiasmus auf diese Angebote
reagiert. Allerdings musste er feststellen, dass die Unternehmen nach
seinen Absagen sehr oft einen anderen bezahlten Handlanger anheuerten, der
dann seine Ideen klaute. Als neulich der Kosmetikgigant Lancôme
an ihn mit der Bitte herantrat, neue Variationen des Firmenlogos zu
entwickeln, antwortete der Künstler daher, dass er eine bessere Idee habe.
Er schlug vor, den Auftrag an die Schüler des Centro Espacial zu geben.
"Sie haben all diese Varianten geschaffen – sie haben das Lancôme Logo als
Graffiti in den Slums gesprüht, sie haben es aus Zeitungspapier
nachgebaut, aus Make-up, aus Erde, aus Müll. Es war unglaublich!" Das
Projekt war ein großer Erfolg, den Muniz in diesem Jahr zu wiederholen
hofft, wenn er Partnerschaften mit Nokia
und der brasilianischen Mobiltelefongesellschaft Oi entgeht.
 Apollo
and the Cumaean Sibyl, after
Giovanni Domenico Cerrini, aus
"Pictures of Junk", 2007 Courtesy
of Sikkema Jenkins & Co.
"Das letzte
Mal, dass die Menschen ernsthaft über visuelle Bildung geredet haben, war
in der viktorianischen Epoche", stellt Muniz fest. "Damals hatte eine
Gruppe Privilegierter Zugang zur zeichnerischen Praxis. Sie nutzten das
nicht um hübsche, dekorative Objekte zu schaffen sondern als Mittel, um zu
lernen, wie man Dinge betrachtet." Und so wie er das sieht, müssen wir
manchmal einfach nur zurückschauen, um nach vorn zu blicken.
Vik
Muniz: VERSO 6. September bis 11. Oktober 2008 Sikkema
Jenkins & Co., New York
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