"Ich finde es spannend, wenn mich meine Arbeiten selbst
überraschen" Ayse Erkmens temporäre Interventionen
Ihr
bislang ambitioniertestes Projekt realisierte Ayse Erkmen für die
Kunstreihe "Moment" der Deutschen Bank: Für "Shipped ships" verfrachtete
die türkische Künstlerin drei Passagierfähren samt Besatzungen aus
Venedig, Istanbul und Japan auf den Main nach Frankfurt. Dort
unterrichtete sie auch an der Städel Schule und beeinflusste so
unterschiedliche Künstler wie Michaela Meise oder Villa-Romana-Preisträger
Dani Gal. Im Vorfeld ihrer großen Retrospektive „Weggefährten“im Hamburger
Bahnhof in Berlin hat Tim Ackermann die Künstlerin getroffen.
 Ayse
Erkmen, Shipped Ships, 2001, Projekt
für die Kunstreihe "Moment" der Deutschen Bank, Transport
einer der Fähren nach Frankfurt am Main
Vielleicht
war es so, vielleicht aber auch nicht: Das Türkische kennt eine besondere
Zeitform, die es in keiner anderen Sprache gibt. Es ist die Zeitform des
Hörensagens, der Fabeln und Träume. Sie drückt die Unsicherheit des
Sprechers in einer vielfältigen Variationsmöglichkeit von Silben aus, die
wie schuldbewusste Schuljungen dem Verb hinterher schleichen. "Es kann
sein." "Vielleicht." Der Schriftsteller Orhan
Pamuk hat in seinem Buch Istanbul geschrieben, dass die
"mis"-Vergangenheit "das geeignete Tempus ist, um alles wiederzugeben, was
wir in der Wiege erleben, im Kinderwagen oder bei unseren ersten
wackeligen Schritten." Es ist die Zeitform für vage Erinnerungen.
 Ayse
Erkmen, Am Haus, 1994, permanente
Installation, Oranienstr. 18, Berlin, Courtesy
Galerie Barbara Weiss, Berlin
Am belebten
Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg steht ein Wohnhaus, an dessen Fassade
die Endsilben der "mis"-Zeitform kleben, ausgeschnitten aus schwarzem
Plexiglas. Zahlreiche türkischstämmige Anwohner überqueren täglich diesen
Platz, lesen die gigantische Grammatik des Ungefähren, die auf die sehr
konkreten Steine des Miethauses appliziert wurde. Möglicherweise werden
sie sich eines kulturellen Verlusts bewusst: Denn die mis-Vergangenheit,
die zum festen Sprachgebrauch der urbanen türkischen Oberschicht gehört,
wird von vielen in Berlin geborenen Migrantenkindern längst nicht mehr
beherrscht.
Am Haus heißt das Kunstwerk, das von Ayse
Erkmen 1994 realisiert wurde und das mit vergleichsweise einfachen
Mitteln sehr komplexe Zusammenhänge von Zugehörigkeit und Fremdheit,
Migration und Veränderung illustriert. Als dauerhafte Installation ist die
Arbeit nun inoffizieller Teil der großen Ayse-Erkmen-Retrospektive, die
demnächst im Hamburger
Bahnhof in Berlin eröffnet und die wichtigsten künstlerischen
Entwicklungen der türkischen Künstlerin nachzeichnet. Der Titel ihrer
Schau, Weggefährten,
meint dabei gerade nicht die Kollaboration mit Kollegen. "Ich arbeite
normalerweise allein", erzählt Erkmen beim Interview in der Galerie
Barbara Weiss. Der Begriff "Weggefährten" habe sie aus assoziativen
Gründen gereizt: "Ich finde, dass es ein gutes Wort ist, weil es die Idee
des Reisens und der Straße enthält."
 Ayse
Erkmen, Sculptures on Air, 1997 Foto:
Ayse Erkmen1994, Courtesy
Galerie Barbara Weiss, Berlin
Das Bild
des Weges zieht sich auch als Leitmotiv durch ihre Kunst. Das Reisen und
die Bewegung sind wichtige Bestandteile vieler ihrer Arbeiten. Erkmen hat
lebendige Tiger in die Zeche
Zollverein in Essen gebracht und Sandsteinfiguren aus dem 19.
Jahrhundert mit dem Hubschrauber auf das Dach des Westfälischen
Landesmuseums fliegen lassen. Ihr bislang ambitioniertestes Projekt
war aber zweifellos 2001 die Aktion Shipped ships, für die sie drei
Passagierfähren mitsamt den dazugehörigen Besatzungen aus Venedig,
Istanbul und Japan auf den Main nach Frankfurt verfrachtete. Mit Erkmens
Arbeit eröffnete die Deutsche
Bank ihre Projektreihe Moment,
bei der temporäre Kunstaktionen im öffentlichen Raum realisiert werden.
Nachdem die Fähren auf dem Rücken großer Containerschiffe erst nach
Rotterdam gebracht und dann den Rhein aufwärts transportiert worden waren,
nahmen sie für eine festgelegte Zeit auf dem Main ihren regulären Betrieb
auf. "Ich fand den Teil des Projekts am spannendsten, an dem die Fähren
auf den anderen Schiffen reisen konnten", sagt Erkmen. "Es war der einzige
Moment, an dem sie sich ausruhen, aus ihrer täglichen Routine ausbrechen
konnten."
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Ayse Erkmen, Shipped Ships, Frankfurt am
Main, 2001, Projekt für die
Kunstreihe "Moment" der Deutschen Bank, Courtesy
Galerie Barbara Weiss, Berlin
Dem Reisen
haftet nach diesem Verständnis durchaus etwas Subversives an. Es ist eine
Art Weigerung, sich einem bestimmten Raum oder einer Gruppe zugehörig zu
fühlen. Eine Möglichkeit, all den Dingen zu entgehen, die gemeinhin von
einem erwartet werden. Auch ihre abstrakten Kunstwerke setzt die
Künstlerin oft in Bewegung: Sei es nun ein leerer, mit Stahlblechen
ausgekleideter Lastenaufzug, der 1995 bei der 4.
Biennale von Istanbul beständig zwischen zwei Stockwerken hin- und
herpendelte. Oder die monochromen Stoffbahnen, die sich 2005 im Sculpture
Center Long Island City in regelmäßigen Abständen hoben und senkten.
Minimalismus, ergänzt um die Komponente Zeit – und insofern doch ein Bruch
mit der Minimal Art und ihrem Anspruch auf zeitlose, universelle
Gültigkeit.
 Ayse
Erkmen, Busy Colors", 2005, Sculpture
Center, Long Island City Foto:
Oren Slor Courtesy Sculpture
Center und Galerie Barbara
Weiss, Berlin
Die reduzierte
Formensprache der Minimalisten habe sie schon als junge Künstlerin
gereizt, sagt Erkmen. Sie wurde 1949 in Istanbul geboren, wo sie auch ab
1969 Kunst studierte. Ausgebildet wurde sie zunächst als klassische
Bildhauerin, doch ihr Interesse galt eher zeitgemäßen Künstlern wie Robert
Morris und Richard
Serra. Die Skulpturen, die sie schuf, entsorgte sie umgehend nach der
Benotung durch die Professoren. "Ich hatte keinen Platz, an dem ich sie
aufbewahren konnte", erinnert sich Erkmen. "Weil das Studio direkt am Meer
lag, warf ich die Arbeiten ins Wasser. Vielleicht sorgte der Zwang, die
Skulpturen wegwerfen zu müssen, dafür, dass mir ihre Dauerhaftigkeit nicht
so wichtig war. Ich weiß es nicht mehr genau." Jedenfalls hat sie so
gelernt, sich von der Materialität ihrer Kunst zu lösen.
 Ayse
Erkmen, Ohne Titel, 2003 Sammlung
Deutsche Bank, © Ayse Erkmen/Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin
Heute,
nach zahlreichen Biennale-Teilnahmen, Ausstellungen in Europa, den USA und
Neuseeland ist Ayse Erkmen eine der wichtigsten zeitgenössischen
Künstlerinnen – und mit Sicherheit eine der meist unterschätzten. Junge
Künstler wie Ceal
Floyer und Jeppe Hein scheinen
sich in ihren Arbeiten auf sie zu beziehen. Doch das Publikum reagiert
häufig eher distanziert auf ihre "schwierigen" Rauminterventionen. Und
trotz ihrer Laufbahn ist Erkmen alles andere als ein Medienstar. "Ich
denke, es hat etwas damit zu tun, dass ich aus der Türkei komme", sagt
sie. "Von Anfang an hatte niemand Erwartungen mir gegenüber und so habe
ich mich daran gewöhnt, selbst auch keine Erwartungen zu haben. Das ist
eine Form von Freiheit, die ich gewonnen habe und die ich mir gerne
erhalten möchte. Ich finden es spannend, wenn mich meine Arbeiten selbst
überraschen."
 Ayse
Erkmen, Jalousie / blind, 2007 Installationsansicht
Galerie Barbara Weiss, Berlin, 2007 Foto:
Jens Ziehe Courtesy Galerie
Barbara Weiss, Berlin
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