Ayse Erkmen, Netz, 2006 Installationsansicht
Galerie Barbara Weiss, Berlin, 2007 Foto:
Jens Ziehe Courtesy Galerie
Barbara Weiss, Berlin
Anstatt
transportable und damit auch handelbare Objekte zu schaffen, realisiert
die Künstlerin oft ortspezifische Interventionen, die nur eine kleine
Weile bestand haben. Häufig manipuliert sie die Dinge, die sie in den
Ausstellungsräumen vorfindet und unterstreicht sie, indem sie einige
wenige Elemente abwandelt oder hinzufügt: So montierte sie 2004 Lampen auf
den Reinigungsmechanismus des Daches der Wiener
Sezession und verwandelte die Glasdecke in ein Spielfeld ständig
wechselnder Lichtquadrate. Das Hauptaugenmerk solcher Werke liegt auf dem
Sichtbarmachen der Ausstellungssituation und damit letztlich auf der
Beziehung der Kunst zum Menschen. Die Arbeiten offenbaren ihre
humanistische Komponente jedoch selten auf den ersten Blick. Sie sind vor
allem Angebote an den Betrachter: "Ich versuche absichtlich den Kern der
Arbeit zu verschleiern, so dass die Menschen etwas mehr arbeiten müssen,
um dahin vorzudringen."
Erkmens konzeptueller Ansatz macht
sich auch bei ihrer Lehrtätigkeit bemerkbar. Sie hat an der Kunsthochschule
Kassel und zwischen 1999 und 2004 an der Frankfurter Städelschule
unterrichtet. Ihre Frankfurter Klasse hat so unterschiedliche
Künstlertypen wie Dani
Gal, Michaela
Meise und Dirk
Fleischmann hervorgebracht. Ein Zeichen, dass im Unterricht weniger
ein festgelegtes Handwerksrepertoire als vielmehr ein besondere Art zu
Denken vermittelt wurde: "Anstatt den Studenten Ideen vorzugeben, habe ich
mich bemüht, ihre eigenen Gedanken nachzuvollziehen – selbst wenn sie mir
am Anfang uninteressant erschienen. Ich habe versucht zu verstehen, worauf
sie hinauswollen. Ich finde, wenn man junge Künstler unterrichtet, muss
man sich auf sie einlassen. So ist es mir gelungen, in ihr Werk
einzutauchen und darin einen Sinn für mich zu finden. Ich denke, dass ist
auch gut für den Lehrer. Ich habe viel von meinen Studenten gelernt."
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Ein solches Arbeiten erfordert selbstverständlich eine
Menge Diskussionen. "Ich führe mit meinen Studenten zunächst viele
Gespräche über ihr Konzept", sagt Erkmen. "Und im zweiten Schritt geht es
dann um technische Dinge. Wie sie ihre Idee am präzisesten und
effektivsten ausdrücken können." Erkmens konzeptorientierter Arbeitsansatz
überträgt sich hier auf ihre Lehrtätigkeit und selbstverständlich ist sie
keine Künstlerin, die handwerkliches Wissen vermittelt, wie sich gefällige
Kunst am besten für zahlungskräftige Abnehmer designen lässt: "Ich habe
meinen Stundenten immer gesagt, dass sie sich nicht um den Markt kümmern
sollen", erzählt die Künstlerin. "Vielleicht ist das auch ein schlechter
Rat." Sie selber allerdings konnte gar nicht an den Kunstmarkt denken. In
der Türkei gab es lange Zeit keine Sammler zeitgenössischer Kunst. Das hat
sie davor bewahrt, solide, marktorientierte Kunstware zu produzieren.
Die
Kuratoren ihrer Retrospektive muss dieses Insistieren auf dem Ephemeren
allerdings an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Wie soll man eine
solche Ausstellung organisieren, wenn von den maßgeblichen Arbeiten der
Künstlerin nicht viel mehr als das Konzept und ein paar
Dokumentationsfotos übrig geblieben sind. "Ich habe zuerst eine Liste
gemacht, um festzustellen, welches Konzept am besten durch welches
Kunstwerk ausgedrückt wird", sagt Erkmen. "Und dann habe ich mich zusammen
mit dem Kurator dazu entschlossen, die Werke noch einmal für den Hamburger
Bahnhof zu schaffen. Bis auf wenige Ausnahmen sind keine Arbeiten
angeliefert worden. Sie sind neu für die Räume entworfen worden."
 Ayse
Erkmen,Under the Roof, 2005 Ikon
Gallery Birmingham Courtesy
Galerie Barbara Weiss, Berlin
Das
Resultat wird also weniger eine Retrospektive sein, als vielmehr ein
umfassender Remix. Fans können nach ihrem Erkmen-Favoriten in neuer
Orchestrierung Ausschau halten. Nicht immer sind die Referenzen so
eindeutig, wie bei den grünen Linien im Hamburger Bahnhof, die den
Konturen eines Behindertenlifts folgen und damit auf das Projekt Imitating
Lines verweisen, mit dem die Kunststudentin 1977 die Ecken und Nischen
ihrer Akademie nachzeichnete. "Die Ausstellung wird für viele eine ganz
neue Erfahrung sein", sagt Erkmen. Eine flüchtige Erfahrung zudem, die
sich nach der Ausstellungsdauer wieder im Immateriellen auflösen wird:
Vielleicht war es so. Vielleicht auch nicht.
Ayse
Erkmen: Weggefährten Hamburger Bahnhof, Berlin 13.
September 2008 - 11. Januar 2009
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