"Lebenserfahrung ist für Künstler eine Insel, auf die
sie immer wieder zurückkehren können" Ein Besuch bei
Thomas Bayrle
Lange Reden,
irgendwann Sinn: Thomas Bayrle wurde mit viel Geduld einer der besten
Kunstprofessoren Deutschlands. Heute sagt er: "Ich habe genauso viel von
meinen jungen Kollegen gelernt, wie sie von mir." Daniel Völzke
unterhielt sich mit dem viel beschäftigten Emeritus, der mit zahlreichen
Arbeiten in der Sammlung
Deutsche Bank vertreten ist.
 Thomas
Bayrle Foto: Wolfgang Günzel Courtesy
Galerie Barbara Weiss, Berlin
Ob er das
Unterrichten vermisse? Vielleicht. Aber eigentlich habe er genug zu tun,
sagt Thomas
Bayrle. Vor sechs Jahren ging der Künstler in Pension, selten hatte er
soviel Arbeit wie heute. Teenager ziehen vorbei vor dem Atelierzimmer -
mal mit, mal ohne Zigarette, mal nachdenklich, mal ausgelassen.
Zwischendurch ist es still, wenn auch nur kurz. Die Bayrles sind hier, in
ihrem charmanten Altbau in Frankfurt-Eschersheim, regelrecht umzingelt von
Jugend: Ein Kindergarten und eine Schule in der Straße sorgen stoßweise
für Leben in der Nachbarschaft. Doch früher sei es lustiger hier
zugegangen, erzählt Helke Bayrle, die Frau des Künstlers. Damals habe es
noch keine Zäune zwischen den Grundstücken gegeben. Da habe "der Thomas"
sich als Hexe verkleidet und sei durch die Gärten gejagt, um die Kinder zu
erschrecken.
 Thomas
Bayrle, Lindwurm, 1970, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
Thomas Bayrle sitzt in
seinem Atelier, umgeben von Prototypen und Modellen für kommende
Ausstellungen, umgeben auch von Arbeiten seiner ehemaligen Studenten. Ab
1975 lehrte er an der Frankfurter Hochschule für Bildende Künste, der Städelschule.
Wie man einen Kinderladen führt, wusste er schon; gemeinsam mit seiner
Frau hatte er so eine selbst verwaltete Einrichtung gegründet. In der
Orientierungsklasse der Städelschule, die er nun übernahm, sah er eine
Fortführung des Kinderladen-Prinzips: erstmal machen lassen, Anregungen
geben, reden. Vor allem das: reden. Der Künstler, der selbst in der eher
strengen Werkkunstschule Offenbach
ausgebildet wurde, musste sein Talent zum Lehren erst entdecken. Viele
Zweifel habe er gehabt, ob er sich überhaupt eigne für diese Aufgabe, sagt
der emeritierte Professor heute.
 Thomas
Bayrle, Kennedy in Berlin, 1964, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
Über dreißig Jahre später ist
Thomas Bayrle als Künstler gefragt wie nie zuvor. Irgendwann war die
Kunstwelt neugierig auf diesen Mann, der so viele ihrer Lieblinge
ausbildete - Stars wie Tobias
Rehberger, Sergej
Jensen oder Thomas
Zipp. Sein eigener Erfolg sei auch ein Verdienst seiner Schüler, meint
der 71-Jährige immer wieder im Gespräch. Die hätten ihn immer unterstützt,
während Generationsgenossen nicht mehr an ihn glaubten und seine Arbeiten
nicht verstanden.
|
Thomas Bayrle, Christel von der Post,
1970, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
Es ist, als hole die Zeit den fortschrittlichen Künstler
nun langsam ein. Bei großen Retrospektiven, wie 2006 im Frankfurter Museum
für Moderne Kunst, konnte man sich ein Bild davon machen, wie
weit Thomas Bayrle vorausgeritten war: Gemeinsam mit dem befreundeten Peter
Roehr bastelte er in den Sechzigern an einer deutschen Variante der
Pop-Art, antwortete auf Massenkultur mit seriell hergestellten Grafiken,
auf denen Alltagsprodukte abgebildet sind, redundant zu Mustern
angeordnet. Bayrle bedruckte Mäntel und Tapeten, beschäftigte sich als
einer der ersten in Deutschland mit der Sprache der Werbung, ja, arbeitete
sogar selbst in einer Werbeagentur. Erstaunlich im Rückblick auch seine
automatischen Reliefs, die sozialistische Massenprozessionen sowie die
erst viel später grassierende Verpixelung der Welt durch digitale
Datenverarbeitung simulieren. In den siebziger Jahren arbeitet der
Frankfurter mit computergenerierten Grafiken, dann mit Grafik-Animationen.
Zu diesem Pioniergeist passt auch das hartnäckige Gerücht, dass der
Bildrevolutionär und Werbestratege das Logo der Roten
Armee Fraktion gestaltetet haben soll. Wenn jemand dermaßen neugierig
ist auf Neues, verwundert es nicht, wenn er von seiner Zeit als Professor
sagt: "Am Ende habe ich genauso viel von meinen jungen Kollegen gelernt,
wie sie von mir."
 Thomas
Bayrle, (b)alt 1997, Computeranimation, still: sleep, © VG Bild – Kunst,
Bonn 2008, Sammlung Deutsche Bank
Der
Unterricht, ein Austausch. Aus unterschiedlichsten Menschen setzt sich
eine Klasse zusammen, so verflechten sich Erfahrungen und Sichtweisen auf
die Welt. Man exportiert seine Probleme und importiert die Probleme des
Anderen. "Müllumschlagplatz", nennt Thomas Bayrle die Institution
Kunstakademie und vergleicht den Unterricht mit dem Vorgang des Webens. In
seiner Jugend, bevor er zur Werkkunstschule ging, machte er eine
Ausbildung zum Musterzeichner für Textildesign, als Färber und Weber in
Göppingen. "Damals dämmerte es mir schon, dass das Weben auch eine
Metapher ist", sagt Bayrle. In seinen Druckgrafiken, den dynamischen,
motorbetriebenen Reliefs, in den Collagen, Filmen, Tapeten oder Textilien
ist die gegenseitige Durchdringung wie von Schuss und Kette
allgegenwärtig: Da setzen sich kleinere Elemente zu etwas Großem zusammen,
bewegen sich winzige Figuren wie in einer Menschenmasse und
Miniaturautobahnen schieben sich ineinander zu einer Textur.
 Thomas
Bayrle, Der Tiger übt, 1969, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
[1]
[2]
|