Das Hin und Her als Methode, der Austausch von Argumenten
und Ideen, Ambitionen und Bestärkungen muss auch Bayrles Unterricht
bestimmt haben. Hört man genau hin, wie der Professor spricht, dann weiß
man schon viel über die Art seiner Lehre. Er singt die Sätze fast ein
wenig. Tastet sich vor, behutsam gegenüber einzelnen Wendungen, was ein
bisschen an Adornos Art zu sprechen erinnert. Beim Wort "Reife" stockt der
Künstler, wiegt den Ausdruck und sucht Ersatz, da es zu getragen klingt,
dieses "Reife". Anstatt von seinen "Schülern", "Studenten" oder
"Studierenden" zu reden, sagt er lieber "meine jungen Kollegen".
Dann
wieder wirkt die Sprache sorgloser, jugendlicher, ist durchsetzt von
Anglizismen. Nachlässig wird Bayrle, der in den sechziger Jahren den
Verlag Gulliver-Presse mitbegründete, dabei nie. Er benutzt Sprachbilder,
Gleichnisse und Metaphern. Häufig spielt er dialektisch ein Prinzip gegen
ein anderes aus, Melancholie gegen Leichtsinn etwa, und findet ein Drittes
- Gelassenheit. Vieles relativiert sich augenblicklich und sortiert sich
neu, kaum dass es ausgesprochen ist. "Ich bin überrascht", sagt er, "dass
immer noch ein Papier unter dem Papier liegt, das ich für das letzte
hielt."
 Thomas
Bayrle, Stadt, 1976, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
Der Künstler als Professor,
das bedeutet im Fall Bayrle: Mit Dialog neue Territorien erst erschließen.
Nichts ist gegeben, nichts ist als Erkenntnisblock verschiebbar vom
Sprecher zum Hörer, vom Lehrer zum Schüler.
Bayrle selbst
sieht sich in der Tradition der chinesischen Philosophie. Manchmal, sehr
selten, zieht er sich auch darauf zurück, dass etwas ungesagt bleiben
muss. Er liege ihm ja fern, zuviel Geheimnis um die Lehre zu machen, aber
die Auswahl seiner Schüler war dann doch Intuition. Deshalb wollte er auch
immer die Aufnahmekandidaten sehen - und nicht nur ihre Arbeiten. "Wichtig
war mir, dass sie eine existentielle Erfahrung gemacht haben", sagt
Bayrle, "Lebenserfahrung ist für Künstler eine Insel, auf die sie immer
wieder zurückkehren können. Wenn die nicht da ist, schwimmt alles." Bevor Silke
Wagner bei Bayrle studierte, war sie Krankenschwester, Phillip
Zaiser war Schmied, Thomas Zipp Bäcker. "Die haben alle einfach schon
was erlebt", urteilt ihr damaliger Lehrer.
 Thomas
Bayrle, Rimini II, 1974, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
Gelegentlich
manifestierte sich Lebenserfahrung oder ungewöhnlicher Ausdruck aber eben
doch in den Arbeiten der Kandidaten. Sergej Jensen unterlief alle formalen
Aufnahmebedingungen und reichte ein zwei mal zwei Meter großes Ölbild ein:
das Porträt seiner Mutter. "Da sieht man dann auch, dass da was los ist",
denkt Bayrle noch heute.
Tobias Rehberger
zählt zu den bekanntesten Schülern der Bayrle-Klasse - "Er wäre auch ohne
mich berühmt geworden", sagt Bayrle. Der Absolvent, der heute selbst an
der Städelschule unterrichtet, erinnert sich noch genau an die
Aufnahmeprüfung. Da habe es zwei Auswahlkommissionen gegeben, erzählt er.
In der einen saßen eher ätherische, in der anderen "poppige Leute" wie
Bayrle, und dort kamen Rehbergers Arbeiten, die viele mit Design
verwechseln, natürlich besser an. "Wer weiß, ob ich sonst angenommen
worden wäre", sagt der Frankfurter Künstler skeptisch.
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Thomas Bayrle, Schwarzer
Freitag, 1987, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
In der von Bayrle
geleiteten Orientierungsklasse bestätigte sich, dass Thomas Bayrle ein
"guter Typ ist, der komisches Zeug redet". Und später, als sein Lehrer
eine eigene Klasse bekam, ging Rehberger auch dort hin. "Weil er offen war
und mit vielen Dingen etwas anfangen konnte. Er kitzelte aus den Leuten,
was in ihnen steckte."
Thomas Bayrle
sieht das bescheidener: "Eigentlich habe ich nur eine Atmosphäre
geschaffen. Wie Hefe im Kuchen." Kunst ist in dieser Herangehensweise ein
"komischer Gedanke", wie Bayrle sagt, ein Gedanke, dem man auf die Sprünge
helfen muss als Lehrer. Die andere Hälfte der Arbeit besteht darin, die
Idee sauber zu materialisieren. Handwerk, das ist bei ihm keine
Dummlernerei, wie sie reaktionäre Nörgler einfordern, sondern die
Erfahrung von Stofflichkeit. Etwas, das nach dem vielen Gerede und nach
der Idee kommt. Den Unterricht als "Dauermassage" einzurichten, erreichbar
zu sein, damit Fäden jederzeit weitergesponnen werden können, - dazu
gehört auch ein bestimmtes Selbstverständnis als Künstler. Thomas Bayrle,
das merkt man schon im flüchtigen Gespräch, verfolgt kein populäres Ideal
vom authentischen, leidenden Künstler, dessen Prototyp heute etwa Neo
Rauch verkörpert. Der Leipziger Maler, der nun auch seine
Lehrtätigkeit niedergelegt hat, stöhnte schon häufiger über die Hochschule
als "Zeitvernichtungsaggregat". Wenn er in den lästigen
Lehrkörpersitzungen wegdämmerte, hörte er aus seinem Atelier das
"Wehklagen der nicht fertig gemalten Torsi, die auf Arme und Beine warten".
 Thomas
Bayrle, Sternenauto, 1970, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
In Thomas Bayrle Atelier
sind keine Klagen zu hören. Er suche die Mitte, wie die Chinesen, sagt der
Künstler in diese Stille hinein. Egal, ob in der Kindererziehung, dem
Unterricht in der Kunsthochschule oder die Produktion eigener Arbeiten.
Tobias Rehberger wird später am Telefon sagen, er selbst sei als Lehrer
"doch ein bisschen härter als der Thomas, etwas direkter zu den
Studierenden. Thomas war schon sehr nett zu allen." Aber das ist nicht als
Kritik gemeint. Es ist eine Frage des Naturells, vielleicht auch eine
Frage der Wortwahl. Denn statt "nett" könnte man auch sagen: "gelassen".
Thomas
Bayrle stellt vom 24. Oktober 2008 bis 25. Januar 2009 im Museum
Ludwig, Köln, aus. Bis zum 21. September ist dort noch Tobias
Rehbergers Schau "Das-kein-Henne-Ei-Problem" zu sehen. Bayrles Arbeiten
sind zudem vom 6. Februar bis zum 19. April 2009 im MACBA,
Barcelona, zu sehen.
 Thomas
Bayrle, Hofbräu, 1969, © VG Bild – Kunst, Bonn 2008, Sammlung
Deutsche Bank
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