"Erinnerung ist ein Mittel, um uns immer wieder neu zu
erschaffen" Anish Kapoor über seine Retrospektive im Bostoner ICA
"Past,
Present, Future" ist der Titel einer großen Werkschau Anish Kapoors, die
noch bis Anfang September im Bostoner ICA zu sehen ist. Die von der
Deutschen Bank geförderte Ausstellung vereint Arbeiten der letzten 25
Jahre und dokumentiert das Schaffen eines der bedeutendsten Bildhauer der
Gegenwart. Cheryl Kaplan hat ihn kurz vor der Eröffnung getroffen.
 Anish
Kapoor, Past, Present, Future, Ausstellungsaufbau
im ICA Boston, Mai 2008 © Cheryl
Kaplan 2008. All rights reserved.
Als ich
im Bostoner ICA den weitläufigen
Saal betrete, in dem Anish
Kapoors erste US-Retrospektive seit 15 Jahren gezeigt wird, stoße ich
zunächst auf drei Männer in Overalls und Gasmasken. Und die sehen ziemlich
blutverschmiert aus. Zwei von ihnen tauchen gerade kopfüber in metallische
Fässer und heben unter Einsatz all ihrer Kräfte Klumpen von rotem,
wächsernen Pigment aus den Tonnen, das sie auf einen riesigen Hügel
abladen, der denselben Titel trägt wie die Ausstellung: Past,
Present, Future. Die drei schaufelnden und rührenden Gestalten
erinnern mich an das berühmte Lied der Hexen aus Shakespeares
Macbeth:
"Doppelt plagt euch, mengt und mischt! Kessel brodelt, Feuer zischt." Dann
bildet sich so etwas wie eine merkwürdige Prozession, bei der einer von
ihnen auf eine Leiter steigt, um den Scheinwerferspot auf die gigantische
Skulptur zu richten, die aussieht wie ein gerade entstehender Planet – mit
dem feinen Unterschied, dass dieses Kunstwerk "nur" fünfzehn Tonnen wiegt.
Dies ist nicht die einzige Ausstellung, die Kapoor jüngst aufgebaut hat.
Nur ein paar Tage zuvor wurden zwei weitere Schauen von ihm in New York
bei Barbara Gladstone eröffnet. Während in den Stammräumen der Galerie
ausschließlich rote Arbeiten zu sehen waren, zeigte man in der neu
eröffneten Dependance in der 21. Straße seine Spiegelskulpturen.
 Anish
Kapoor mit Barbara Gladstone bei seiner Eröffnung in
der Gladstone Gallery, New York ©
Cheryl Kaplan 2008. All rights reserved.
Seit
1973 lebt und arbeitet der in Bombay als Sohn eines Hindu und einer
irakischen Jüdin geborene Kapoor in London. Der 54-Jährige ist genau eine
Generation älter als die "Young
British Artists" aber jünger als Bildhauer wie Donald
Judd oder Richard
Serra, mit deren minimalistischen Skulpturen sein Oeuvre
fälschlicherweise häufig verglichen wird. Bereits 1990 vertrat er
Großbritannien auf der Biennale
in Venedig, ein Jahr später gewann er den renommierten Turner
Prize. Seine Werke umfassen eine enorme formale und konzeptionelle
Spannweite: angefangen mit den frühen Pigmentarbeiten wie 1000
Names über Arbeiten, die in Wände oder Böden eingelassen werden, wie
etwa Descent into Limbo (1992) oder My Body Your Body
(1993), bis hin zu der Spiegelarbeit Sky Mirror von 2006, die vor
dem New Yorker Rockefeller
Center aufgestellt wurde und eine Höhe von drei Stockwerken einnahm.
Bereits seit 2004 begeistert sein 110 Tonnen schweres Stahlkissen Cloud
Gate im Chicagoer Millennium
Park die Besucher. Im Herbst 2008 wird er eine gigantische
Auftragsarbeit für das Deutsche
Guggenheim in Berlin realisieren.
Kapoors neue Arbeit wird den
Ausstellungsraum fast vollständig ausfüllen, wobei es unmöglich sein wird,
das Werk in seiner Ganzheit zu erfassen Gefertigt aus zweiundzwanzig
Tonnen verrostetem Cor-Ten-Stahl mit offenen Montageteilen, sondiert
dieses neue Projekt des Künstlers die Grenze zwischen Skulptur und
Malerei. Die Stahlhaut des ballon- oder eiförmigen Objekts schmiegt sich
mit äußerster Präzision an Wände und Decke. Ein provisorischer Fußweg um
das Deutsche Guggenheim wird drei verschiedene Zugangspunkte zur Skulptur
verbinden und durch das Innere der nahtlosen Stahlhöhle führen.
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Anish Kapoor, S-Curve, 2006, Polished steel Courtesy
Regen Projects, Los Angeles. Foto:
John Kennard
Cheryl Kaplan:
Der Effekt Ihrer Spiegelobjekte ist erstaunlich. Für einen Augenblick
sieht sich der Zuschauer wie auf einem Monitor, der ihn selbst und die
Umgebung als flüchtige, optische Sensation festhält. Ihre
Spiegelskulpturen erinnern an Filme, die nichts festhalten.
Anish
Kapoor: Mich interessiert die Frage, wie der Eindruck des Filmischen
mit den Objekten zusammenhängt. Die Spiegelarbeiten verlangen dem
Betrachter einiges ab. Was auch immer in der Arbeit passiert, passiert nur
wenn der Betrachter an einer bestimmten Stelle steht und in eine bestimmte
Richtung blickt. Mich fasziniert dabei der performative Aspekt. Die Arbeit
verlangt nach einer formalen Annäherung, bei der der Betrachter und das
betrachtete Objekt so etwas wie einen Tanz aufführen.
Ihre
jüngeren Spiegelarbeiten, wie etwa das bei Barbara Gladstone gezeigte
"Vertigo" (2008) oder "S-Curve" (2006), das hier im ICA zu sehen ist, sind
optisch noch ausgefeilter und komplexer geworden. So erscheinen gleich
mehre Perspektiven simultan in einer Spiegelung. Man sieht sich wie durch
ein Brillenglas zugleich ganz nah, in mittlerer und in weiterer
Entfernung, wie in einem Film, in dem verschiedene Einstellungen in einem
Einzelbild eingefroren sind.
Während sich Skulptur
vordergründig mit Gewicht und Masse auseinandersetzt, geht es dabei jedoch
grundsätzlich um die Auseinandersetzung mit dem Raum. Es sind die
Unwirklichkeiten, hinter denen ich her bin.
 Anish
Kapoor, S-Curve, 2006 Courtesy
Regen Projects, Los Angeles. Foto:
Joshua White, Los Angeles
Es gibt nie
ein endgültiges, fixes Abbild in ihrer Arbeit. Im selben Moment, in dem
sich jemand bewegt, konfiguriert sich das Bild neu. Funktioniert das,
indem Sie die Objekte in verschiedenen Bereichen unterschiedlich stark
polieren?
Es gibt kaum eine Politur, die
unseren hohen Standards genügt. Der Effekt entsteht durch die Politur und
die Form des Objektes. Über Jahre hinweg haben wir komplizierte Mischungen
entwickelt, mit kleinen Diamantpartikeln oder speziellen Pulvern. Das muss
alles sehr fein und ausgetüftelt sein, um die nötige Qualität zu erzielen.
Und dann passiert irgendwann etwas, entweder durch das Pigment oder die
Politur. Etwas, das außer Kontrolle gerät. Es ist plötzlich auf wundersame
und unwirkliche Weise da. Ich liebe das.
 Anish
Kapoor, Ausstellungsaufbau im ICA Boston, Mai 2008 ©
Cheryl Kaplan 2008. All rights reserved.
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