In dieser Ausgabe:
>> Interview Anish Kapoor
>> Liz Christensen über "Feeling the Heat" / Jürgen Bock über "Drawing a Tension"

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Selbst als der Arbeiter gerade eben die Skulptur polierte, schwoll sein Abbild in der Spieglung an und verschwand dann plötzlich, als ob es gefangen gehalten gewesen wäre und dann die Flucht ergriffen hätte. Dieses Kunststück lädt zu einem Vergleich mit abstrakten Künstlern wie Barnett Newman oder Ad Reinhardt ein. Als das MoMA Reinhardts schwarze Gemälde wie das "Abstract Painting" von 1953 zeigte war es ähnlich. Man kann seine Bilder auch als Objekte begreifen, die zugleich den Raum reflektieren und den Betrachter mit einschließen. Man kennt dieses Einbeziehen des Ausstellungsraumes auch aus der Minimal Art. Wie reagieren sie auf dieses Vermächtnis?

Man wird dieses Vermächtnis los, indem man die Arbeit anschaut. Brandy Wine von 2007 - ein sehr physischer Raum voller Dunkelheit - bezieht sich auf bestimmte Aspekte von Ad Reinhardts Werk. Die Skulptur verkörpert den fließenden Raum zwischen dem Objekt und dem Betrachter. Der Hexagon Mirror von 2007 ist hingegen ein konkaver, vertiefter Spiegel, der ein sehr ungewöhnliches Verhältnis zwischen Sehen und Raum erzeugt. Die Sichtweise ändert sich kontinuierlich, die Dinge stehen auf dem Kopf, verschwimmen oder verzerren sich in die Länge.



Anish Kapoor, Brandy Wine, 2007
Courtesy the artist and Lisson Gallery,
Foto: Wilfried Petzi, München


Sie arbeiten also mit der Geschichte der Minimal-Art und versuchen sie gleichzeitig zu verändern und zu überholen. Welche Rolle spielt die Erinnerung in Ihrem Werk?

Erinnerung ist ein Mittel, um uns immer wieder neu zu erschaffen. Erinnerungen sind stark und tief. Grundsätzlich erzählen meine Skulpturen keine Geschichten. Sie gleichen vielmehr Erinnerungen an bestimmte Seinszustände, wenn man das so sehen will. Und ich glaube, dass sie in einem weiterarbeiten, dass man mit ihnen arbeiten kann, sich in unheimlichen Momenten an sie erinnert. Skulpturen sind etwas Merkwürdiges. Auf gewisse Weise arbeite ich abstrakt, aber dann auch wieder nicht. In der Vergangenheit habe ich viel mit Rot gearbeitet, als reiner Farbe aber auch als Mischung aus Farbe und Wachs, weil es diese große Kraft hat, Erinnerungen heraufzubeschwören. Etwas das mich ganz wesentlich beschäftigt, ist dieses Bewusstsein unseres inneren Selbst, das zum Teil auf unserer Kultur und zum Teil auf unseren Erinnerungen basiert. Dieses Bewusstsein, dass unser Inneres dunkel ist, diese Vermutung, dass wir im Inneren rot sind, voll – oder vielleicht auch leer.

Der Titel einer Ihrer größten Skulpturen, "Marsyas" von 2002, die auch in der Turbinenhalle der Tate Modern gezeigt wurde, ist einem Gemälde Tizians entlehnt, "Die Schindung des Marsyas" von 1575. Wie auch Ihr kommendes Projekt für das Deutsche Guggenheim presst es sich in den Ausstellungsraum und nimmt ihn vollständig in Beschlag. "Marsyas" ist verstörend und repräsentiert gleichermaßen Schmerz und Schönheit.

Wie bei allen Werken in dieser Ausstellung geht es bei Marsyas auch um Oberfläche und Haut. Es gibt eine lange Tradition in der Bildhauerei, die genau das Gegenteil behauptet, die sagt, ein Objekt könne entweder nur real oder nicht real sein. Aber ich möchte dem grundlegend widersprechen. Haut verleiht den Dingen Bedeutung und Wirklichkeit, während sie seltsamerweise weder etwas vom Inneren noch von der Entstehung preisgibt. Marsyas ist nichts anderes als eine Haut, die Volumen und Masse erzeugt und zugleich das Mythologische ins Gedächtnis ruft.



Anish Kapoor, Inwendig Volle Figur, 2006
Courtesy of the artist and Lisson Gallery.
Foto: Dave Morgan



Anish Kapoor, Untitled, 1998
Collection Prada, Foto: John Riddy, London.


Die zeitgenössische Bildhauerei geht weit über die Beschränkungen eines physischen Objektes hinaus und umfasst längst auch Film oder Lichtarbeiten. Trotzdem erwartet das breite Publikum noch immer ganz konventionelle Skulpturen. Wie widersetzen Sie sich diesen Erwartungen?

Das ist ziemlich schwierig. Letztendlich ist man gezwungen das Publikum respektlos zu behandeln. Aber das wird sich langsam ändern, hoffe ich.

2000 haben Sie mit dem Choreographen Steve Petronio gearbeitet. Zwei konkave Spiegel wurden auf der Bühne aufgehängt. Damals erläuterten Sie, dass die Spiegel erst mit den Tänzern die vollständige Arbeit ergäben und sagten, Sie wären fasziniert davon, wie diese Bühnenkonstruktion die Dinge festhält und zugleich auflöst - "vom Tod bis hin zu erhabener Liebe". In ihren jüngsten Arbeiten scheint es, als wären diese Prozesse des Festhaltens und Auflösens noch präziser und kondensierter auf den Punkt gebracht.

Mich beschäftigt die Idee, wie man Fragen nach Räumlichkeit und physischer Orientierung miteinander verschmelzen lassen kann. Betrachten wir die Skulptur Past, Present, Future, bei der es um die Erinnerung an eine Handlung geht. Ich habe dabei so etwas wie ein räumliches Negativ ausgeschnitten, wobei der Arm über den Wachsberg gleitet und dabei eine Form erzeugt, die konstant hin und her bewegt wird. Es handelt sich um ein Objekt, das sich in einem sehr langsamen Prozess selbst erzeugt. Interessant ist dabei die Fähigkeit der Skulptur, immer wieder neue Bedeutungen anzunehmen und allegorisch zu werden. Es ist eine furchtbare Erkenntnis, dass es eigentlich keine abstrakte Kunst gibt, sondern nur abstrakten Raum. Die Pigmentarbeiten wirken so, als würden sie von hinter der Wand oder aus dem Boden in den Raum hervordringen. Der eigentliche Raum, den die Spiegelarbeit Brandy Wine einnimmt, liegt hier, vor der reflektierenden Bildfläche.






Anish Kapoor, Past, Present, Future, 2006
Courtesy of the artist and Lisson Gallery,
Photo: Dave Morgan.



Wenn wir uns dem Inneren der konkaven Wölbung annähern, erscheint unser Abbild wie ein dreidimensionales Hologramm, aber wenn wir uns entfernen, sinkt es wieder in die Rundung zurück und wird flacher.

Ich würde behaupten, dass es sich hier um eine neue Art von Raum handelt. Es geht um ein räumliches Problem, das zugleich metaphysisch ist. Es gibt da diesen "tiefen und erhabenen Raum" von dem Dan Graham spricht. Ich würde das einen tiefen gegenwärtigen Raum nennen, einen Jetzt-Raum.

Unruhe und Stillstand scheinen die grundlegenden Elemente in Ihrer Arbeit zu sein.

Ich bin altmodisch genug, um mich für Sehprozesse zu interessieren, die dem Betrachter ein gewisses Maß an Zeit und Sachkenntnis abverlangen. Dieser Prozess gleicht der Verlängerung eines bestimmten Momentes, einer Träumerei, einer Endlosigkeit. Natürlich haben diese Momente etwas Meditatives an sich, etwas, das sich in der Schwebe befindet. Sie sind flüchtig, aber bestimmte Arten von Kunst können ihnen etwas Dauerhaftes verleihen.



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