Past, Present, Future Anish Kapoor im Institute of
Contemporary Art in Boston
Diesen
Herbst realisiert Anish Kapoor eine Auftragsarbeit für das Deutsche
Guggenheim. Die zweiundzwanzig Tonnen schwere Stahlskulptur wird fast den
ganzen Raum der Berliner Ausstellungshalle füllen. Wer sich aber schon
jetzt einen Eindruck von den unverwechselbaren Arbeiten des Bildhauers
verschaffen möchte, reist am besten nach Boston. Dort zeigt das Institute
of Contemporary Art vierzehn seiner monumentalen Skulpturen. "Past,
Present, Future", die erste amerikanische Werkschau Kapoors seit 15
Jahren, wird von der Deutschen Bank gefördert.
 Anish
Kapoor, Past, Present, Future, 2006, Courtesy
of the artist and Lisson Gallery, Foto:
John Kennard
Eine Halbkugel aus rotem
Wachs ragt vor der Stirnwand des weitläufigen Galerieraums empor. Wie ein
gigantischer Scheibenwischer, der sich in Zeitlupe hin und her bewegt,
bringt ein grauer Schaber die zähe Masse immer wieder in Form. Dabei
spritzt blutrotes Wachs an die makellose weiße Wand. Past,
Present, Future, 2006 konzipiert, ist eines der Highlights der
Schau im Bostoner ICA. Die
Skulptur wirkt wie ein Vorläufer von Svayambh, eine Arbeit,
die Anish Kapoor
2007 für seine Schau in München geschaffen hat. Dort war es ein riesiger
roter Block, der sich langsam durch die Räume des Hauses
der Kunst bewegte. Es sind ebenso faszinierende wie verstörende Werke,
die sich jeder eindeutigen Interpretation entziehen. Evozierte das
raumgreifende Objekt in München eher apokalyptische Szenarien, lässt die
Halbkugel in Boston an die Geburt eines Planeten denken.
 Anish
Kapoor, Ausstellungsansicht Past, Present, Future, ICA Boston, Foto:
John Kennard
Ganz anders wirkt
dagegen S-Curve (2006), eine lang gezogene, gebogene Wand aus
poliertem Edelstahl im Zentrum des Ausstellungsraums. Geht man am konkaven
Teil der Doppelkurve vorbei, scheint sich im Spiegelbild der Boden vor dem
Betrachter aufzurichten und seine verzerrte Figur zu verschlingen, während
zumindest einer der konvex geformten Teile die Umgebung ganz einfach nur
in verkleinerter Form reflektiert.
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Anish Kapoor, S-Curve, 2006, Courtesy
Regen Projects, Los Angeles. Foto:
Joshua White, Los Angeles
Die Oberfläche der
Skulptur erinnert an Kapoors bedeutende Arbeiten wie Cloud Gate
(1999-2006) im Chicagoer Millennium
Park oder Turning the World Upside Down III (1996) in der Lobby
der Londoner
Deutsche Bank, bei denen sich die spiegelnden Oberflächen zudem noch
mit technoid-organischen Formen verbinden. Alle drei Arbeiten setzen sich
mit der Entmaterialisierung von Skulptur auseinander.
"Mir
gefällt die Vorstellung, dass jede Materie gleichzeitig auch eine
immaterielle Präsenz besitzt" erklärt Anish Kapoors anlässlich der Schau
im Bostoner ICA. "Mich interessiert es wie Kunst und der Künstler die
physische Realität umgehen können, um sie dadurch realer zu machen. Die
Dinge sind da und gleichzeitig nicht da." Und tatsächlich besitzen seine
Objekte stets eine rätselhafte Vieldeutigkeit, wirken als stammten sie aus
einer anderen Welt: seinen es die monumentalen Metallarbeiten oder seine
fragilen Pigment-Skulpturen. Etwa die Arbeiten der Serie 1000 Names
(1979-80), die auf die Vielzahl von Namen der verschiedenen Hindu-Götter
anspielt und mit der er nach einer Reise in sein Geburtsland Indien
begann. Kapoor wurde 1954 in Mumbai geboren und siedelte 1973 nach London
über. Die Serie besteht aus geometrischen und organischen Formen, die er
mit intensiv leuchtendem Puder aus Pigmenten überzogen hat, der sich auch
von der Oberfläche löst und die Werke wie eine Art Farb-Aura umgibt.
 Anish
Kapoor, Marsupial, 2006, Courtesy
of the artist and Lisson Gallery, Foto:
John Kennard
Kapoors virtuoser Umgang mit
Raum und Farbe findet seinen Niederschlag in einem seiner wohl
verführerischsten Werke: dem 1993 entstandenen My Body Your Body.
Aus der Ferne wirkt es wie ein monochromes Gemälde in einem satten Blau.
Nähert sich der Betrachter dem Bild langsam an, erkennt er, dass das, was
zunächst wie ein dunklerer Fleck wirkt, tatsächlich ein Hohlraum ist.
Steht er direkt vor dem blauen Rechteck, sieht er, dass sich dieser Raum
weit in die Wand hinein fortsetzt. Ein Strudel aus Farbe, der ihn in die
tief in den hyperästhetischen, kryptischen Kosmos von Anish Kapoor hinein
saugt.
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