Big Print #6 (Jungle Leaves - cotton twill
1947 design Dorothy Draper, courtesy
Schumacher & Co), 2007 Courtesy
of the artist and Johann Koenig Gallery, Berlin
Ihr
Faible für die übertriebene Dramatik der Stummfilme war auch der Auslöser
für ihre Beschäftigung mit alten Musikinstrumenten. Das erste Foto dieser
Serie ist ebenfalls bei Witte de With zu sehen. Es zeigt eine
Wurlitzerorgel, ein riesiges weißes Tastenungetüm, mit dem früher bei den
tonlosen Filmen Begleitmusik und Geräusche live erzeugt wurden. Bevor Kelm
auf den Auslöser ihrer Kamera drückte hat sie noch einen Miró-Druck
an eine Säule gepinnt, der Form und Farbe der Orgel aufnimmt. Man könnte
diese Doppelung für Ironie halten, denn die Szene sieht sehr nach
Konzertbühne einer Waldorfschulaula aus. Doch natürlich ist die Sache
nicht so einfach: "Ich schätze Miró sehr. Nur ist er so stark vermarktet
worden, dass man ihn kaum noch unvoreingenommen betrachten kann." Und dann
erzählt sie, dass sie den Miró-Druck in einem Secondhandshop der
Obdachlosenselbsthilfe entdeckt hat. Die Vermarktung des Künstlers ist in
die ärmsten Gesellschaftsschichten diffundiert – allerdings ist die
soziale Dimension von Kelms Bild selbst bei eingehender Betrachtung nur
schwer zu decodieren. Nicht selten wirken ihre Fotos, als hätte jemand Neo
Rauchs kleiner Schwester eine Kamera in die Hand gedrückt. So wie der
Leipziger Maler schafft sie rätselhafte Bildwelten, deren Zeichen absolut
lesbar sind, aber keine logischen Geschichten ergeben. Kelm legt Fährten
aus. Doch wer ihnen ohne Instruktion der Künstlerin folgt, verläuft sich
unweigerlich, weil in den Fotos die Referenten hoffnungslos durcheinander
geraten sind.
 Annette
Kelm, Untitled, 2005 Courtesy
Johann König Gallery, Berlin
Es
gibt ein Foto von ihr, das einen Cowboy auf einem Pferd zeigt. Das Motiv
erinnert an die Männer aus der Zigarettenwerbung und deren spätere
Appropriation als Kunstwerke durch den US-Künstler Richard
Prince – und doch scheint Kelm das Foto eher nicht als Hommage an den
markigen Wild-West-Mythos zu verstehen, denn es fehlt das essentielle
Symbol: die obligatorische Staubwolke hinter dem Reiter. Die Künstlerin
hat ihren Cowboy in der gezähmten Natur entdeckt – in einem Stadtpark in
Los Angeles. Sie hat ihn in völliger Bewegungslosigkeit fotografiert, als
handle es sich um ein Reiterstandbild. Und um seine heroische Pose mit dem
hinter dem Rücken gestreckten Arm ad absurdum zu führen, hat Kelm dem
Cowboy einen geöffneten Fächer in die Hand gedrückt. Ist der Reiter nun
unterwegs zum Brokeback Mountain? Soll das feminine Objekt in seiner Hand
das männliche Klischee des Cowboys hinterfragen? Dagegen spricht, dass er
dem Fächer keinerlei Beachtung schenkt und der Gegenstand durch eine
Fächerpalme im rechten Bildrand gespiegelt wird – möglicherweise also nur
aus formalen Gründen im Bild erscheint. "Ich denke, das Bild lässt
verschiedene Interpretationen zu", sagt Kelm. "Ich fände es langweilig,
wenn ein Foto nur eine Lesart erlauben würde. Das Bild ausschließlich
unter der Thematik Geschlechteridentität zu betrachten, ist mir zu
dogmatisch."
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Birdy, 2006 Courtesy
of the artist and Johann Koenig
Gallery, Berlin
Fast überflüssig zu
erwähnen, dass Kelms so deutlich inszeniertes Cowboybild auch den
Gepflogenheiten der Dokumentarfotografie zuwiderläuft. Dabei mag sie
eigentlich die Dokumentar- und Snapshot-Ästhetik. Zum Beispiel von Wolfgang
Tillmans. "Als ich damit begonnen habe, Kunst zu machen, war Tillmans’
Ästhetik wahnsinnig populär." Sie selbst malte zu Beginn ihres Studiums an
der Hochschule für Bildende Künste Hamburg noch in Öl. Bei ihren
Professoren und Kommilitonen stieß sie dabei auf wenig Interesse. "Ich
habe Diapositive abgemalt, die ich selber gemacht habe", erzählt sie. "Die
meisten Leute meinten: ‚Na ja, die Fotos sind ganz okay, aber die
Malerei...’" Also hat sie sich später ganz auf die Fotografie
konzentriert. Wobei sie den Blick der Malerin gewahrt hat: das Gespür für
die perfekte Komposition und den Eigenwert von Formen und Farben.
 Annette
Kelm, First Picture for a Show, 2007 Courtesy
Johann Koenig Gallery, Berlin
Annette Kelm
ist also nicht Tillmans gefolgt, sondern hat mit einer vieldeutigen
Fotografie einen anderen Weg eingeschlagen. Wie anders, dass demonstriert
ein kleines Foto in der Rotterdamer Ausstellung, dass eine Eichel zeigt.
Wolfgang Tillmans hätte die Eichel wohl auf seine Fensterbank gelegt und
so ein poetisches Bild vertrauter Studenten-WG-Wohlfühlatmosphäre
geschaffen. Annette Kelm hat dagegen die Eichel aus einer realistischen
Umgebung herausgelöst – so wie sie das geflochtene Baseballcap nicht im
Laden fotografierte – und sie einfach vor einem gelb-blauen
Papierhintergrund platziert. Es gehört vermutlich zu den Grundbedürfnissen
des Menschen, dass das Gehirn beim Anblick eines solchen Fotos die
Abwesenheit aller identifizierbaren Kontexte sofort durch das Erspinnen
neuer Geschichten ausgleicht. Etwa, indem man sich die Eichel als
gestrandetes Raumschiff in der Wüste vorstellt.
 Stars
Look Back, 2006 Courtesy of the
artist and Johann Koenig
Gallery, Berlin
Dass die Künstlerin den
Betrachter manipuliert, kann man ihr nicht vorwerfen. Denn was das Foto
dieser zufällig an einem Morgen auf einer Hamburger Straße aufgelesenen
Eichel für Kelm bedeutet, legt sie unmissverständlich im Titel offen. Es
ist ganz einfach Das erste Bild für eine Ausstellung in Los
Angeles. Genau das macht Kelms klare, spröde Fotos so unwiderstehlich:
ihre gnadenlose Ehrlichkeit.
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