Apokalypse No! Feeling the Heat in der 60 Wall Street
Gallery
Bilder von schmelzenden Eisbergen oder
ölverseuchten Stränden sucht man in "Feeling the Heat" vergeblich. Zwar
setzt sich die Ausstellung in der 60 Wall Street Gallery der Deutschen
Bank New York mit einem der drängendsten globalen Probleme auseinander:
dem Klimawandel. Doch Kuratorin Liz Christensen verzichtet auf
apokalyptische Schreckensbilder. Sie setzt auf Kunst, die gut ist – und
nicht nur gut gemeint.
 Brian
Ballengée, DFA 23, Kharon, 2001/2007 Courtesy
of the Artist and Archibald Arts, NYC
Naturwissenschaftliche
Präparate oder doch bizarre Skulpturen? Bei Brandon
Ballengée kann man sich nicht sicher sein. Seine Fotoarbeiten
zeigen Froschskelette – mit einem erstaunlichen Schönheitsfehler. Die
Frösche haben sechs Hinterbeine. Nein, Ballengées Fotos zeigen keine am
Computer erzeugten Mutationen, sondern reale Exemplare des Pazifischen
Baumfroschs, die in Kalifornien gefangen wurden. Wegen ihrer empfindlichen
Haut reagieren diese Tiere besonders stark auf Umweltverschmutzung und
Klimawandel, sogar mit körperlichen Deformationen. Der Frosch als
Lackmustest für den Zustand seines – und unseres – Lebensraums.
 Brian
Ballengée, DFA 83, Karkinos, 2001/2007 Courtesy
of the Artist and Archibald Arts, NYC
Nicht
nur der Pazifische Baumfrosch, der weltweite Rückgang der
Amphibien-Populationen allgemein liegt Ballengée seit über einem Jahrzehnt
am Herzen. Der New Yorker arbeitet an der Schnittstelle zwischen Kunst und
Wissenschaft – wie viele der 16 Künstler in Feeling the Heat,
der aktuellen Schau in der 60 Wall Street Gallery der Deutschen Bank New
York. Die Ausstellung thematisiert eines der brisantesten Probleme unserer
Zeit – den globalen Klimawandel und seine Auswirkungen. Dabei geht es
Kuratorin Liz
Christensen nicht darum, ein möglichst düsteres Bild der Lage zu
zeichnen. Auch meidet sie allzu didaktische Ansätze. Stattdessen basieren
die Arbeiten auf einem – wie es Christensen formuliert – "Glauben an die
Kraft der Kunst, uns die Augen für das, was um uns herum geschieht, zu
öffnen". Das tun die Arbeiten von Chris
Jordan auf jeden Fall.
 Chris
Jordan, Plastic Bottles, 2007 Courtesy
of the Artist
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Seine Serie Running by Numbers: An American Self-Portrait
(2006-08) setzt sich mit den Hinterlassenschaften der Konsumgesellschaft
auseinander. Auf jeder seiner großformatigen Fotografien setzt er
statistische Werte in unglaubliche Bilder um. Sie zeigen die 106.000
Getränkebüchsen, die in den USA alle 30 Sekunden geleert werden, oder das
Meer aus zwei Millionen Plastikflaschen, das dort alle 5 Minuten immer
wieder aufs Neue entsteht. Mit dieser Arbeit ist er auch in Feeling the
Heat vertreten. Aus der Entfernung wirkt Plastic Bottles (2007)
wie ein pointillistisches Gemälde, das Motiv wird erst aus der Nähe
erkennbar. Mit seinen Bildern, die er aus tausenden von Fotos am Computer
zusammensetzt, geht es Jordan aber nicht nur darum, einen kritischen Blick
auf Verschwendung und Umweltverschmutzung zu werfen. Er setzt sich
gleichzeitig mit Fragen der Wahrnehmung, von Nah- und Fernsicht, von Ein-
und Vielzahl auseinander.
 Chris
Jordan, Plastic Bottles, 2007 Courtesy
of the Artist
Es ist die große Stärke der
Ausstellung, dass sie konsequent auf gute Kunst setzt. Denn die
künstlerische Beschäftigung mit Themen wie Erderwärmung oder
Umweltzerstörung bleibt allzu oft in der Beschwörung einer heilen
unberührten Natur oder in Bildern durch industrielle Ausbeutung ruinierter
Landschaften stecken. Ausstellungen wie Feeling the Heat oder auch Greenwashing
in der Turiner Fondazione
Sandretto Re Rebaudengo, in der Künstler wie Tue
Greenfort, Cornelia
Parker und Simon
Starling die gesellschaftlichen Aspekte des Themas ins Zentrum
stellen, zeigen dagegen alternative künstlerische Strategien in der
Auseinandersetzung mit diesem komplexen Thema – jenseits von Idyllen oder
apokalyptischen Schreckensbildern.
 Subhankar
Banerjee, Brant and Snow Geese with Chicks, aus
der Serie "Oil and the Geese", 2006 Courtesy
of the artist and Sundaram
Tagore Gallery, New York - Beverly Hills - Hong Kong
Auch
Künstler wie Olafur Eliasson
setzen sich mit dem Klimawandel auseinander: Seine 42-teilige Glacier
Series(1999), die im Rahmen von True
North im Deutsche
Guggenheim zu sehen war, zeigt Fotografien abschmelzender
Gletschermassive in Form eines strengen seriellen Rasters. Mit seinem BMW
Art Car Your mobile expectations (2008), einem tief gefrorenen,
mit Wasserstoff betriebenen Rennwagen, stellt Eliasson Fragen nach dem
Zusammenhang zwischen Erderwärmung, CO2-Ausstoß und individueller
Mobilität. Der dänische Künstler Nis Romer wiederum vernetzt mit seiner
Internetplattform Free
Soil Künstler, Forscher und Umweltaktivisten. Die enge
Zusammenarbeit von Künstlern und Wissenschaftlern kennzeichnete auch die
Ausstellung Weather
Report, die die Kritikerin Lucy
Lippard 2007 im Boulder Museum of
Contemporary Art organisiert hat und die Liz Christensen zu Feeling
the Heat inspirierte. Die Universitätsstadt Boulder ist mit
Einrichtungen wie dem National Center
for Atmospheric Research eines der weltweiten Zentren der
Klimaforschung. Ziel der Ausstellung war es, das öffentliche Bewusstsein
für das Thema zu schärfen und Visionen eines nachhaltigen Umgangs mit den
natürlichen Ressourcen zu entwickeln.
 Kim
Abeles, Presidential Commemorative Smog Plates, 1992 Courtesy
of the artist
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