Lost in Movies Matt Saunders über Udo Kier,
Fassbinder und seine Liebe zum Kino
Buster
Keaton, Helmut Berger, Hanna
Schygulla – obsessiv eignet sich Matt
Saunders Bilder seiner ganz persönlichen Kino-Ikonen an. In "Freeway
Balconies" im Deutsche
Guggenheim ist der junge Amerikaner mit einer Hommage an Udo
Kier vertreten. Als Vorlage für diese Videoarbeit dienten ihm mehr als
600 Zeichnungen, auf denen er das Gesicht des Kultstars festhielt. Ein
Teil dieser Serie ist im IBC-C,
dem neuen Hauptsitz der Deutschen Bank in Frankfurt, zu sehen. Achim
Drucks hat Matt Saunders in seinem Berliner Atelier zum Interview
getroffen.
 Matt
Saunders, from the series Udo, 2004, Sammlung
Deutsche Bank
Immer wieder zerfließt das
Gesicht des jungen Mannes mit der Sonnenbrille. Es verschwimmt, wird
wieder scharf, löst sich völlig in schwarzen Farbflächen auf, wird erneut
sichtbar. Matt Saunders Videoarbeit Udo huldigt dem campen Glamour
des Schauspielers Udo Kier. Einst als "deutscher Alain
Delon" gehandelt, ist Kier heute mindestens so legendär wie Helmut
Berger. Seit den späten Sechzigern spielt er in allen Genres – in
Trash-Produktionen wie Hexen
bis aufs Blut gequält, Hollywood-Blockbustern, Madonna-Videos,
vor allem aber in Autorenfilmen von Rainer
Werner Fassbinder oder Lars
von Trier. Unterlegt sind Saunders bewegte Schwarz-Weiß-Bilder mit
einem melancholischen Soundtrack. Das Motiv dazu stammt aus Andy
Warhol’s Dracula in dem Kier den Vampir verkörperte. In
Saunders Video, das gerade im Rahmen von Freeway
Balconies im Deutsche Guggenheim zu sehen ist, scheint das Gesicht
des Schauspielers immer wieder kurz aus dem kollektiven Bildergedächtnis
aufzutauchen, um gleich wieder zu verschwinden. Der Künstler zeigt Kier
als Idol, das perfekt die Coolness der spätern Sixties verkörpert, und als
Sinnbild für vanity und vanitas – Eitelkeit und
Vergänglichkeit.
 Matt
Saunders in seinem Atelier, Berlin, Juni 2008 Foto
Achim Drucks
Auch beim Besuch in Saunders
Atelier wird man sofort mit Ikonen des europäischen Kinos konfrontiert.
Neben einer fast lebensgroßen, von einem eleganten Windhund flankierten Asta
Nielsen hängen zwei Porträts von Hertha
Thiele, einem Star des deutschen Kinos der frühern 1930er Jahre. Das
Medium Film ist der zentrale Bezugspunkt im Werk des 33-jährigen
Amerikaners, der seit 2002 in Berlin lebt. Saunders löst Filmbilder aus
ihrem ursprünglichen Kontext, bearbeitet sie in mehreren Schritten,
überträgt sie in Gemälde, Zeichnungen, Videos. Wie Karen
Kilimnik oder Elizabeth
Peyton setzt sich Saunders mit Phänomenen wie Camp
oder der Celebrity Culture auseinander. Allerdings konzentriert er
sich auf Stars, die abseits des Mainstreams stehen und mit denen ihn eine
ganz persönliche Zuneigung verbindet. Ihre Bilder transformiert er zu
Arbeiten, die gefühlvoll, aber gleichzeitig völlig unsentimental von
seinen Obsessionen erzählen. Neben Udo Kier sind das vor allem die Stars
der Fassbinder- und Warhol-Filme, aber auch Matti
Pellonpää, der in den Filmen von Aki
Kaurismäki gesellschaftliche Außenseiter verkörpert. Für sein
Video Double Matti zeichnete Saunders den 1995 verstorbenen Finnen
über 1.500 Mal. Dieser Herausforderung begegnet Saunders mit einem fast
konzeptuellen Ansatz: Um sich beim Zeichnen dazu zu zwingen, immer wieder
neue Lösungen zu finden, setzt er sich Regeln. Stellt die Stoppuhr auf 20
Minuten, um nach dem Klingeln mit der nächsten Zeichnung zu beginnen. Oder
er arbeitet exakt fünf Stunden an einer Zeichnung.
 Matt
Saunders' Studio Foto Achim
Drucks
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Seit einiger Zeit experimentiert der Künstler mit einer
Reproduktionstechnik des 19. Jahrhunderts, cliché
verre, Fotografien, die auf gezeichneten Vorlagen basieren. Auf
Transparentpapier zeichnet Saunders Negativbilder von Filmpostkarten oder publicity
stills seiner Stars. Dann legt er die Zeichnungen auf Fotopapier, das
er belichtet. In diesem Prozess entstehen merkwürdige Hybride, die den
Gestus der Zeichnung mit der glatten, glänzenden Oberfläche der Fotografie
verbinden. In dieser Technik hat er auch die Arbeit für seinen Beitrag auf
der diesjährigen Art Basel
realisiert. Im Zentrum der Installation stand das wechselvolle Schicksal
von Hertha Thiele. Bis zur Machtübernahme der Nazis ein gefeierter Star,
weigerte sie sich in Propaganda-Filmen mitzuwirken, erhielt Berufsverbot
und emigrierte 1937 in die Schweiz. Thiele musste sich als Hausangestellte
und Hilfskrankenschwester durchschlagen, bis sie ab 1966 in der DDR wieder
spielen konnte.
 Matt
Saunders, Hertha Thiele (Kuhle Wampe, 1932) #2, 2008 courtesy the artist
and Harris Lieberman Gallery
Achim
Drucks: Was fasziniert Sie an Hertha Thiele?
Matt
Saunders: Ein paar Jahre waren es nur ihre beiden Auftritte in Kuhle
Wampe und Mädchen
in Uniform. Mit ihrem androgynen Stil, den kurzen Haaren und der
Krawatte, die sie in Kuhle Wampe trägt, hat mich sehr beeindruckt.
Sie erinnerte mich an den Warhol-Superstar Edie
Sedgwick. Danach habe ich Hertha Thiele auch in Mädchen in Uniform
gesehen, wo sie völlig anders, total mädchenhaft wirkt. Später war ich
daran interessiert, Spuren von ihr zu finden und so wurde ihr Leben für
mich eine Art Erzählung. Wenn ich ihre Filme vor diesem Hintergrund
betrachte, denke ich an all die "weißen Flecken" in ihrem Leben. Diese
Leerstellen bilden den Subtext, vor dem ich ihre Filme heute sehe.
 Matt
Saunders, Hertha Thiele (1975), 2008 courtesy the artist and Harris
Lieberman Gallery
Sie haben Hertha
Thiele auch Ihr Projekt auf der Art Basel gewidmet.
Die
Installation in Basel ergibt ein Porträt von ihr. Es setzt sich aus einer
Vielzahl von Bildern aus unterschiedlichen Quellen zusammen. Ich
transformiere diese Vorlagen, indem ich die Negative, auf denen diese
"Fotografien" basieren, zeichne. So zeigen die Arbeiten auch die
Veränderungen meiner Beziehung zu ihr.
Die Art, wie sie mit
diesen Bildern arbeiten, drückt eine gewisse Zärtlichkeit aus.
Die
Arbeiten müssen einen emotionalen Gehalt besitzen. Es muss für mich eine
persönliche Verbindung geben. Die Arbeit soll weder sentimental noch
nostalgisch sein, gleichzeitig aber auch keinesfalls unpersönlich oder
neutral.
 Installationsansicht,
"Hertha, Second Book" , Galerie
Analix Forever, Genf, November 2007
Filme
spielen für Ihre Arbeit eine zentrale Rolle. Wie kam es dazu?
Als
ich jünger war, malte ich häufig nachts. Dabei ließ ich die meiste Zeit
Videos laufen, oft späte Warhol-Filme
wie Trash oder Dracula.
An den Filmen interessierte mich vor allem das, was nicht im Drehbuch
stand. Die Unfälle, die vor der Kamera passieren, und die dann als Teil
des kreativen Prozesses in den Filmen auftauchen. Dinge, die ganz
offensichtlich nicht perfekt sind, besitzen für mich eine eigene
Schönheit. Ich versuchte, diese Momente auf Polaroids festzuhalten, die
ich dann als Vorlagen für Gemälde verwendet habe. Dabei übernahm ich
beispielsweise den Anschnitt des Fernsehers, der auf Fotos zu sehen war.
Ich versuchte, die Stimmung, in der ich mich befand, während ich diese
Filme sah, einzufangen. Ich bin zwar kein totaler Film-Fanatiker, aber ich
besitze schon eine etwas obsessive Persönlichkeitsstruktur. Bestimmte
Dinge berühren mich einfach sehr stark. Der Eindruck, den Schauspieler auf
dich machen, kann eine ganz wichtige Rolle in deinem Leben spielen.
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