Matt Saunders, Hanna Watching #2, 2005
courtesy Andreas Grimm Gallery,
Viele
dieser Schauspieler stammen aus Deutschland. Was interessiert Sie gerade
am deutschen Kino.
Es hat mich schon
immer sehr stark angezogen. Vielleicht weil es außerhalb der Kultur
angesiedelt ist, zu der ich gehören sollte. Vielleicht geben mir aber
gerade auch meine Missverständnisse was das deutsche Kino anbetrifft die
Möglichkeit, ganz verschiedene Zugänge dazu zu finden. Ich liebe campe,
melodramatische Filme. Von daher war es ganz klar, dass ich eine Obsession
für Fassbinder entwickeln würde. Das war auch einer der Gründe, warum ich
2002 nach Berlin gegangen bin. Die Stadt kannte ich nur aus den ganzen
Filmen, die ich gesehen hatte – von Lola
rennt bis zu Kuhle Wampe. Ich wollte eigentlich ein Projekt
über die Schauplätze dieser Filme realisieren. Das habe ich nie beendet.
Seit ich in Berlin wohne, hat mein Interesse am deutschen Film sogar noch
zugenommen, denn ich entdecke immer mehr Dinge, die mich interessieren.
 Matt
Saunders, Couples (Margit & Karl-Heinz), 2004 courtesy private collection
Chicago and Andreas Grimm Gallery,
Was
ist für Sie das Besondere an den Filmen von Fassbinder?
Ich
mag Regisseure, die mit einem festen Ensemble arbeiten. Man begegnet den
gleichen Schauspielern immer wieder in verschiedenen Rollen. Wobei sie
nicht zwangsweise besser werden. Je weniger sie sich verändern, desto mehr
sieht man, was zwischen diesen Schauspielen tatsächlich passiert. Für
diese Art Film ist Fassbinder natürlich ein gutes Beispiel. Auf der
visuellen Ebene ist er unschlagbar. Seine campe Ästhetik, der Schnitt, die
fließende Bewegung der Kamera. Es ist die Kombination aus seinem Können
und dem Mythos, die mich interessiert.
Warum spielt Udo Kier in
ihrem Werk eine so zentrale Rolle.
Udo Kier ist nicht gerade
das, was man einen guten Schauspieler nennen würde, aber er besitzt eine
unglaublich starke Präsenz. Alles fing mit Warhols Dracula an.
Die Eröffnungssequenz ist eine meiner absoluten Lieblingsszenen. Man
sieht, wie sich Udo Kier vor einem Spiegel schminkt: Dracula trägt Make-up
auf, um noch mehr wie Dracula auszusehen. Man sieht gleichzeitig einem
Narzissten und einem Schauspieler bei der Arbeit zu. Zuerst ist Kier noch
bewusst, dass die Kamera läuft. Aber dann verliert er sich, in dem was er
tut, in seinem Spiegelbild. In seiner weiteren Laufbahn tauchte Kier dann
überall auf – von Fassbinder bis Hollywood, von Gus
van Sant bis Schlingensief
– wie ein Giftpilz. Er wurde zum Leitmotiv meiner Arbeit.
 Matt
Saunders, aus der Serie Udo, 2004, Sammlung
Deutsche Bank
Etwa Ihrer Serie
von Zeichnungen in der Sammlung
Deutsche Bank und dem Video "Udo", das in "Freeway Balconies" im
Deutsche Guggenheim zu sehen ist.
Seine
erste Hauptrolle spielte Udo Kier 1968 in Schamlos.
Der Film beginnt mit einer Nahaufnahme seines Gesichts. Zuerst sieht man
es verschwommen, dann wird es langsam scharf. Ich habe jedes einzelne
Filmbild dieser Sequenz fotografiert – über 600 fast identische Bilder.
Die habe ich dann gezeichnet und dabei versucht, eine Analogie zu den
unscharfen Filmbildern herzustellen. Ich habe die Tinte aber nicht einfach
zerfließen lassen, sondern es sollte so aussehen, dass sie sich bewegt, um
sich zu einem Bild zusammenzusetzen. Auf diesen Zeichnungen basiert das
Video, es ist eine Art bewegtes Porträt. Für Freeway Balconies
habe ich die erste Version, die ich bei Analix
Forever gezeigt habe, neu geschnitten. Es ist eine Art Remake.
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Matt Saunders, Couples (Joe and Holly),
2004 courtesy private collection Munich and Andreas Grimm Gallery
Im
"Freeway Balconies" sind außerdem Ihr Text-Video "Co-Stars" und das
Gemälde "Couples (Joe & Holly)" zu sehen.
Couples
(Joe & Holly) ist eines meiner Gemälde auf Mylar,
einem transparenten Kunststoff. Bei diesem Bild ging es mir darum, mit den
subtilen Unterschieden zwischen den Passagen auf der Vorder- und auf der
Rückseite des Mylar zu arbeiten. Auf dem Bild verbindet sich eine
theaterhafte Inszenierung der Personen mit einer ganz satten Farbigkeit.
Es entstand zu einer Zeit, in der ich mich mit Interaktionen zwischen
Schauspielern beschäftigt habe. Das Mylar habe ich als Filmleinwand
betrachtet, als Medium, auf dem sich die Protagonisten begegnen, das sie
aber auch voneinander trennt. Das Video Co-Stars entstand parallel
zu einer Gruppe von acht Gemälden. Der Hintergrund der Gemälde sowie des
Videos basiert auf einer Einstellung aus Fassbinders Film Martha.
Die zwei Schauspielerinnen, die auf jedem dieser Gemälde zu sehen sind,
habe ich aus verschiedenen Filmen "gecastet". Auf dem Video wird die
Beziehung der beiden Schauspielerinnen zueinander in ein bewegtes Diagramm
übersetzt: Statt der Schauspielerinnen sieht man hier eine Namensliste
aller Rollen, die sie jemals gespielt haben. Die Listen schlängeln sich in
Form zweier Linien vor dem Hintergrundbild. Sie überschneiden sich immer
dort, wo beide Schauspielerinnen gemeinsam in einem Film zu sehen sind.
Daraus resultiert ein seltsames Spiel bewegter Diagramme.
 Matt
Saunders, Co-Stars, Videostill, 2004 courtesy the artist
 Matt
Saunders, Co-Stars (Marina & Margit), 2004 courtesy private collection
Munich and Andreas Grimm Gallery,
Ein
zentrales Thema von "Freeway Balconies" ist das Subversive, das
Performances häufig innewohnt. Spielt das auch für Ihr Werk eine Rolle?
Ich
glaube, dass meine Assoziationen zum Thema Performance von vielen
Künstlern der Ausstellung geteilt werden, denn wir besitzen einen
ähnlichen kulturellen Hintergrund. Der Begriff Performance wird häufig mit Drag
oder Camp
in Verbindung gebracht und hat von daher einen subversiven Unterton. Wenn
ich als heterosexueller, weißer Mann Joe
Dalessandro betrachte, dann ist das zwar kein Hinweis auf meine eigene
sexuelle Orientierung. Ich bin mir aber bewusst, dass allein die Tatsache,
dass ich ein Fan von ihm bin, im Widerspruch zu den gängigen
amerikanischen Rollenbildern für Männer steht. Dallessandro ist auf der
Leinwand ein Objekt, er wird begehrt, beobachtet und missbraucht, und das
wendet sich gegen eine Menge Dinge. Darin drückt sich auch eine Distanz
zum Mainstream aus. Vieles, was mich interessiert, zeichnet sich durch
diesen Abstand aus.
 Matt
Saunders, Hanna Schygulla (autograph card), 2006 courtesy the artist,
Es
geht Ihnen in Ihrer Arbeit aber nicht nur um eine Hommage an Schauspieler.
Meine
Arbeit setzt sich damit auseinander, wie es ist, in einer Welt voller
Bilder zu leben. Die Schauspieler in den Arbeiten stehen für meine
persönlichen Interessen. Ich erwarte aber von niemandem, dass er Udo Kier
gut findet. Kunst sollte die Dinge verallgemeinern. Arbeiten, die voller
Anspielungen stecken, können problematisch sein. Betrachter, die den Film
nicht kennen, könnten denken: "Ich weiß nicht, wovon er redet." Mir geht
es aber darum, dass man dieses Wissen nicht unbedingt braucht. Wer den
Film kennt, der führt eben ein anderes Gespräch mit mir. Die Arbeit sollte
aber auch in anderen Zusammenhängen funktionieren.
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