Auf einmal diese Nähe: Anmerkungen zu Collier
Schorr
In den USA gehört Collier
Schorr zu den einflussreichsten Vertreterinnen ihrer Generation. Auch in
der europäischen Kunstszene wurde sie durch ihre inszenierten Fotografien
von deutschen Jugendlichen, die in Uniformen des dritten Reiches, der
US-Streitkräfte oder der israelischen Armee posieren, beinahe über Nacht
bekannt. Jetzt ist im Deutsche Guggenheim ihr Ausstellungsprojekt "Freeway
Balkonies" zu sehen. Doch was treibt Schorr dazu, sich mit den
Männerwelten von Soldaten, Ringern oder Rennfahrern auseinanderzusetzen? Oliver
Koerner von Gustorf über das kontroverse Werk der New Yorker
Künstlerin.
 Collier
Schorr, Opium, 2005 Courtesy 303
Gallery, New York
"Ich blieb mit den Eltern
zuhause, spielte Karten, sah Boxkämpfe im Fernsehen und trank Vogelmilch."
Es klingt wie aus einer anderen Zeit, wenn Collier
Schorr von ihrer deutschen Familie spricht. Vor ihr auf dem Tisch
liegt ein Fotobuch mit Aufnahmen aus dem Vogelmilchland: unter einem
weiten Himmel blickt ein Mädchen mit blonden Zöpfen über verwilderte
Kornfelder, eine steinerne Maria hält das Grabtuch Christi in den Händen.
Sonne fällt auf verlassene Fabriken, Fachwerkfassaden und
heruntergelassene Jalousien. Jungen posieren in Uniformen der Wehrmacht
oder der US-Armee, lümmeln sich im Gras. Neighbors/ Nachbarn
heißt der Band, der zu Forests & Fields, Schorrs erster
deutscher Einzelausstellung im Badischen
Kunstverein, Ende 2006 erschien.
 Collier
Schorr, Brother and Sister, reflection, 2002 Courtesy
303 Gallery, New York
Wir sitzen in ihrem
Brooklyner Atelier und nippen am mitgebrachten Cappuccino aus dem
Coffee-Shop um die Ecke. Draußen säumen Backsteinbauten, Werkstätten und
Garagen die Straße, ab und zu donnern LKWs die Driggs Avenue herunter.
Während an diesem kalten Frühlingstag kleine Hunde in Mäntelchen
ausgeführt werden und Kunststudenten auf Mountain-Bikes vorbeiradeln,
wirkt das sommerliche Deutschland in Schorrs Buch fern wie ein hyperrealer
Traum. Und der sieht so schwarz-weiß, kristallklar und schonungslos aus,
als hätte Walker
Evans seine Bilder von den verarmten Landarbeitern des amerikanischen
Mittelwestens nicht während der großen Depression der 1930er Jahre,
sondern in Schwaben aufgenommen. Oder genauer, in Schwäbisch
Gmünd, jenem Ort, an dem Schorr seit 19 Jahren jeden Sommer
verbringt. Der Ort, fünfzig Kilometer östlich von Stuttgart, ist ihre
zweite Heimat. Hier leben jene Menschen, für die Collier die
"amerikanische" Schwester ist, die mit ihnen Feste, Geburtstage und
Beerdigungen zelebriert, deren Häuser, Kinder, Freunde und Verwandte sie
immer wieder fotografiert hat. Doch was treibt eine New Yorker Künstlerin
aus einem liberalen, jüdischen Elternhaus ausgerechnet in die Enge einer
schwäbischen Kleinstadt?
 Collier
Schorr, The Master, 2007 Courtesy
303 Gallery, New York
Als sie erzählt,
dass sie hier 1989 auf ihrer ersten Deutschlandreise mit 30 Dollar in der
Tasche strandete und in der einzigen alternativen Bar im Ort ihre damals
18-jährige Freundin kennen lernte, scheint klar: so verliebt man sich mit
den Leuten auch in die Städte und Länder. Tatsächlich klingt es zunächst
wie eine Liebesgeschichte, wenn sie beschreibt, wie sie über Nacht von den
Eltern ihrer Freundin aufgenommen wurde - Siebenbürger
Sachsen, die als Aussiedler nach Schwaben gekommen waren, mit denen
sie nachts unter gerahmten Puzzeln Karten spielte. Dann schildert sie ihre
anfänglichen Trennungsversuche, die Panik, die sie bei dem Gedanken an die
so unterschiedlichen Herkünfte überfiel. Sie spricht über die sanfte
Beharrlichkeit ihrer Freundin, die Nachmittage, an denen sich die gesamte
Großfamilie zum Grillen im Schrebergarten traf, und wie die bedingungslose
Zuneigung sie ihre Ängste irgendwann vergessen ließ. Wenn Schorr ohne
Zögern von "ihrer" Familie redet und in ihrem New Yorker Tonfall "Vogelmilsch"
sagt, ganz so, als müsse jeder diese rumänische Süßspeise kennen, dann hat
das den Beigeschmack von Eischnee und Zucker und erinnert an das milchige
Weiß von Haut und blonden Haaren, das auf ihren Fotografien aufleuchtet:
die Haut der Kinder, die aus dem Schatten von Obstbäumen treten, der
adoleszenten Jungen, die in Camouflage-Hosen ausgestreckt auf Feldbetten
oder in blühenden Landschaften liegen und in die Kamera schauen, als seien
sie heroische Gefangene.
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Collier Schorr, Matti,
Back (There I was...), Ellwangen, 2001 Courtesy
303 Gallery, New York
Angesichts von
Schorrs fotografischen Exkursion wird ein weiteres Motiv ihrer Faszination
für deutsche Kultur offenbar: die Möglichkeit, in eine andere Identität zu
schlüpfen, in ein bis zur Feindlichkeit fremdes Land zu gehen und all das
zu absorbieren, dessen völliges Gegenteil man eigentlich verkörpert. Doch
erst nach vier Jahren, Mitte der Neunziger, fing sie tatsächlich an, in
Schwäbisch Gmünd zu fotografieren. Genau in dem Moment, als die US-Armee
abzog. Sie konnte in Deutschland an keinen Gleisen vorbei gehen, ohne an
die Deportationen ins KZ zu denken, und rauchende Schornsteine lösten bei
ihr ein bedrückendes Gefühl aus. Sie hätte sich als Jüdin damals nur in
dem Bewusstsein hier aufhalten können, sagt die 1963 geborene Schorr, dass
sie als Teil einer Siegermacht in einem okkupierten Land war, in dem sie
von der US-Armee beschützt wurde: "In der Minute, in der sie den
Stützpunkt schlossen, wurde ich geradezu davon besessen, ihre Präsenz in
der Stadt in meiner Arbeit wiederherzustellen. Ich begann gleichzeitig die
Familie zu fotografieren und ganz verschiedene Projekte um diese
Charaktere herum zu entwickeln, die sich mit ihrer Identität
beschäftigten."
 Collier
Schorr, Fussball Spieler, 2004 Courtesy
303 Gallery, New York
Aufgrund von
Schorrs offensivem Umgang mit männlichen Ritualen, Militär- und
Sport-Fetischen ist ihr fotografisches Interesse häufiger auf eine
homoerotische oder "queere"
Perspektive reduziert worden. Dazu beigetragen hat auch eine ihrer
bekanntesten Äußerungen. Als sie vor Jahren gefragt wurde, warum sie denn
Wrestler und Soldaten aber keine Mädchen aufnehme, antwortete sie: "Tue
ich doch, ich nutze nur Jungs dafür." Allerdings hat sie ziemliche
Probleme, wenn ihre Arbeit vor allem einem schwulen Kontext zugerechnet
wird: "Das Wort 'queer' hat einfach zu viele Bedeutungen. Ich würde lieber
als Künstlerin, denn als 'queer' verstanden werden. Ich sehe mich als Teil
der Kunstszene, genauso wie auch zum Beispiel Thomas
Demand. Es ist allerdings schwer, Deutschland davon zu überzeugen,
weil meine Arbeit so radikal anders wirkt. Dabei fußt sie auf dem Werk von August
Sander, der mit seinen fotografischen Porträts versuchte, ein weites
Spektrum der Gesellschafts- und Berufsgruppen der Weimarer
Republik festzuhalten. Alles in meiner Arbeit beruht auf dieser Idee,
verschiedene Charaktere zu erfassen, und in ein bestimmtes Format zu
bringen. Auch Sander brachte Kostüme und Kleidung mit und suchte sich
bestimmte Menschen als Stellvertreter aus."
 links:
Collier Schorr, Helmet,
Kindling and Deer Feed (Winter), Durlangen, 2000 Courtesy
303 Gallery, New York
rechts: Collier
Schorr, 2 Clicks North, 2000 Courtesy
303 Gallery, New York
Stellvertretend
für eine ganze Generation hat Schorr 2007 die Geschichte des 19-jährigen Drag-Car
Rennfahrers Charlie "Astoria Chas" Snyder und seiner '67 "Ko-Motion"
Corvette als Grundlage für ihre Installation There I Was in
der New Yorker 303
Gallery genutzt. Bereits als Kind begleitete sie ihren Vater, der als
Motorsport-Journalist und Fotograf arbeitete, zu Rennen, an denen
Jugendliche wie Snyder mit ihren hoch frisierten Wagen teilnahmen. Ein
Artikel ihres Vaters aus den späten Sechzigern dokumentiert das damalige
Lebensgefühl: "Während Astoria Chas in Vietnam
sein Ding durchzieht, fahren seine Freunde mit seiner L-88 das Rennen
weiter." Der Traum von Geschwindigkeit und jugendlicher Rebellion wird vom
Beigeschmack politischer Realität und der Ankündigung eines Todes
überschattet. Als der Beitrag veröffentlicht wird, ist Snyder bereits
gefallen.
 Collier
Schorr, Chas Posing For My Dad, 2007 Courtesy
303 Gallery, New York
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