Ausgehend von Zeitzeugnissen, Büchern, Artikeln, den
Reportagefotografien ihres Vaters und Aufnahmen, die Snyder selbst in
Vietnam machte, nähert sich Schorr der Biographie des Toten an.
Exemplarisch erzählt sie von den Schrecken, Fantasien, heroischen und
romantischen Klischees des Krieges, von persönlichen Mythologien, die um
historische Ereignisse wie Vietnam konstruiert werden. Zugleich
hinterfragt sie die Möglichkeiten der Fotografie, dieses vergangene Leben
tatsächlich zu erfassen. Wenn Schorr dem in Vitrinen ausgestellten
dokumentarischen Material assoziativ eigene Zeichnungen, Collagen, Bilder
aus ihrem Oeuvre zur Seite stellt, reflektiert sie den zweifelhaften
Anspruch dokumentarischer Fotografie, Vergangenheit objektiv zu
repräsentieren. There I was skizziert eine Zeitreise von
Queens in NY nach Vietnam und zurück und entwirft ein durchaus
gegenwärtiges Psychogramm eines Landes, das sich heute wieder im
Kriegszustand befindet.
 Collier
Schorr, Man Carrying Man, 2007 Courtesy
303 Gallery, New York
In Schorrs
künstlerischer Arbeit verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Porträt und
Selbstporträt. Die Eigenwilligkeit, mit der sie Repräsentationen von
Gewalt, Jugendkultur oder Geschlechterrollen hinterfragt, koppelt sich
stets an die Reflexion der eigenen Biografie. So auch in ihren Serien von Ringkämpfern,
die sie 1999 in der Ausstellung Excuse Me While I Kiss The Sky und
2004 in Wrestlers Love America ausstellte. Das Projekt begann
zunächst als eine Art Auftragsarbeit, weil eine Architekturzeitung sie
bat, "Architektur als eine Person" zu fotografieren: "Ich suchte meine
Highschool aus, weil es da noch eine Menge unerledigter Themen gab." Mit
einem Grinsen gibt sie zu, dass sie zu den Leuten gehört, die gerne mit
ihrem heutigen Bewusstsein eine Zeitreise zurück in die Highschool
antreten würden, um sich nachträglich doch noch durchzusetzen. Die einzige
Gruppe, die sie in der Schule interessierte, waren die Wrestler, stolze
Außenseiter, die einer aussterbenden Sportgattung angehörten: "Als ich sie
fotografierte, traf ich diesen Typ, Jason, und ich erinnere mich, wie er
auf die Nase getroffen wurde. Er begann zu bluten und ich war absolut
verblüfft. Im Laufe von fünf Minuten kamen all diese Sachen zusammen. Das
war, als würde ich in der High School meine Periode bekommen. Da waren
diese Angst und gleichzeitig diese Anziehungskraft, die ich bei Jungen wie
diesem Typen empfunden hatte, und auf einmal war da diese Nähe. Ich befand
mich mit dem schönsten Boy der ganzen High School in dieser intimen
Situation, nur dass zwischen uns all die Jahre lagen und er noch immer
sechzehn war. Und ich war diese ältere Person, die wieder zu ihrer Schule
zurückkehrte. Ich war es, die ihn aussuchte, die ihm sagte, er sei etwas
Besonderes, die all diese Bilder aufnahm, die all die Zeit mit ihm
verbrachte. Und das war ein wirklich erotischer Austausch, bei dem es
nicht um Überlegenheit, sondern um Ebenbürtigkeit ging." Ich solle mir
vorstellen, fährt sie fort, dass die erste Abbildung eines nackten
Körpers, die sie je in ihrem Leben gesehen habe, eine Jesusdarstellung in
einer französischen Kirche gewesen sei, "ich war sehr klein und mir kam
das Bild sehr erotisch und brutal vor".
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Collier Schorr, Lives of Performers (G.R.),
2003 Courtesy 303 Gallery, New
York
Daran habe sie sich erst wieder beim
Entwickeln der Kontaktbögen erinnert, als sie feststellte, dass bei ihren
Blitzlichtaufnahmen der Hintergrund völlig schwarz ausgeblendet wurde:
"Als ich die Bilder ansah, war das als ob Jesus vom Kreuz abgenommen
würde. Ich erfasste, wie es wohl sein müsste, diesen religiösen Ausdruck
zu erleben, diese Transzendenz, diese Blicke im Angesicht Christi oder
eines Wunders. Ich begann, mich mit Gnostikern
und den Anfängen der katholischen Kirche zu beschäftigten." Tatsächlich
kann man auf Schorrs Wrestler-Bildern Posen aus der christlichen
Ikonografie erkennen, die Pieta,
die Kreuzabnahme,
die Aussendung
des heiligen Geistes. Beim Projekt, betont sie, gehe es um
Katholizismus, Selbstgeißelung und die Erreichung eines höheren
Bewusstseinszustandes, den sie selbst nie erlangen könne, weil ihr die
Leidensfähigkeit fehle: "Beim Fotografieren kannst du diesen schwarzen
Raum nicht sehen, nur die Figuren. Ich war die ganze Zeit bei ihrem
Training dabei und sah mir ihre Rituale in dieser gefährlichen,
aufgeheizten Situation wieder und wieder an, bis ich ihre Bewegungen
verstand. Für mich war das wie ein Stamm aus dem Amazonas. Es war wie auf
dem Schlachtfeld, diese wirklich großen Kerle, die sich unglaublich
schnell bewegten. Nach jeder Session war ich in Schweiß gebadet."
 Collier
Schorr, Hooded Figures (B.C.), 2003 Courtesy
303 Gallery, New York
Als ich sie frage,
ob sie durch das Fotografieren das Gefühl einer gewissen Kontrolle
bekommt, sagt sie, dass die Verletzlichkeit in ihrer Arbeit sie manchmal
zur Verzweiflung treibe. Wenn sie den Katalog zu Reality Bites,
einer Ausstellung junger deutscher Kunst in St. Louis ansehe, seien alle
anderen durch Coolness geschützt, nur sie stünde da mit dieser
romantischen und sentimentalen Haltung. Schorr sagt das, obwohl ihr Foto
von einem blonden Mädchen auf dem Cover ist: "Es gibt Tage, da wünsche ich
mir, ich wäre so cool, bunt, ironisch und flach wie Michel
Majerus." Ich würde vielleicht glauben, sie habe alles im Griff, aber
sie erinnere sich noch, wie sie mit ihrer Foto-Ausrüstung über den Hof
ihrer alten Schule gerollert sei und die Jungs sich über sie lustig
machten: "Wenn du früher in der Highschool nicht cool warst, wirst du es
auch nie werden. Du kannst draußen noch so erfolgreich sein, hier pfeifen
sie drauf. Du kannst nie cool sein, sie riechen das einfach."
Bei
dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines Artikels des
Kunstmagazins Monopol (Juni
2007). Wir möchten der Redaktion für die Genehmigung zur Veröffentlichung
danken.
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