In dieser Ausgabe:
>> Porträt Collier Schorr
>> Interview Collier Schorr
>> Francesca Woodman
>> Interview Matt Saunders

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Ausgehend von Zeitzeugnissen, Büchern, Artikeln, den Reportagefotografien ihres Vaters und Aufnahmen, die Snyder selbst in Vietnam machte, nähert sich Schorr der Biographie des Toten an. Exemplarisch erzählt sie von den Schrecken, Fantasien, heroischen und romantischen Klischees des Krieges, von persönlichen Mythologien, die um historische Ereignisse wie Vietnam konstruiert werden. Zugleich hinterfragt sie die Möglichkeiten der Fotografie, dieses vergangene Leben tatsächlich zu erfassen. Wenn Schorr dem in Vitrinen ausgestellten dokumentarischen Material assoziativ eigene Zeichnungen, Collagen, Bilder aus ihrem Oeuvre zur Seite stellt, reflektiert sie den zweifelhaften Anspruch dokumentarischer Fotografie, Vergangenheit objektiv zu repräsentieren. There I was skizziert eine Zeitreise von Queens in NY nach Vietnam und zurück und entwirft ein durchaus gegenwärtiges Psychogramm eines Landes, das sich heute wieder im Kriegszustand befindet.




Collier Schorr, Man Carrying Man, 2007
Courtesy 303 Gallery, New York



In Schorrs künstlerischer Arbeit verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Porträt und Selbstporträt. Die Eigenwilligkeit, mit der sie Repräsentationen von Gewalt, Jugendkultur oder Geschlechterrollen hinterfragt, koppelt sich stets an die Reflexion der eigenen Biografie. So auch in ihren Serien von Ringkämpfern, die sie 1999 in der Ausstellung Excuse Me While I Kiss The Sky und 2004 in Wrestlers Love America ausstellte. Das Projekt begann zunächst als eine Art Auftragsarbeit, weil eine Architekturzeitung sie bat, "Architektur als eine Person" zu fotografieren: "Ich suchte meine Highschool aus, weil es da noch eine Menge unerledigter Themen gab." Mit einem Grinsen gibt sie zu, dass sie zu den Leuten gehört, die gerne mit ihrem heutigen Bewusstsein eine Zeitreise zurück in die Highschool antreten würden, um sich nachträglich doch noch durchzusetzen. Die einzige Gruppe, die sie in der Schule interessierte, waren die Wrestler, stolze Außenseiter, die einer aussterbenden Sportgattung angehörten: "Als ich sie fotografierte, traf ich diesen Typ, Jason, und ich erinnere mich, wie er auf die Nase getroffen wurde. Er begann zu bluten und ich war absolut verblüfft. Im Laufe von fünf Minuten kamen all diese Sachen zusammen. Das war, als würde ich in der High School meine Periode bekommen. Da waren diese Angst und gleichzeitig diese Anziehungskraft, die ich bei Jungen wie diesem Typen empfunden hatte, und auf einmal war da diese Nähe. Ich befand mich mit dem schönsten Boy der ganzen High School in dieser intimen Situation, nur dass zwischen uns all die Jahre lagen und er noch immer sechzehn war. Und ich war diese ältere Person, die wieder zu ihrer Schule zurückkehrte. Ich war es, die ihn aussuchte, die ihm sagte, er sei etwas Besonderes, die all diese Bilder aufnahm, die all die Zeit mit ihm verbrachte. Und das war ein wirklich erotischer Austausch, bei dem es nicht um Überlegenheit, sondern um Ebenbürtigkeit ging." Ich solle mir vorstellen, fährt sie fort, dass die erste Abbildung eines nackten Körpers, die sie je in ihrem Leben gesehen habe, eine Jesusdarstellung in einer französischen Kirche gewesen sei, "ich war sehr klein und mir kam das Bild sehr erotisch und brutal vor".



Collier Schorr, Lives of Performers (G.R.), 2003
Courtesy 303 Gallery, New York


Daran habe sie sich erst wieder beim Entwickeln der Kontaktbögen erinnert, als sie feststellte, dass bei ihren Blitzlichtaufnahmen der Hintergrund völlig schwarz ausgeblendet wurde: "Als ich die Bilder ansah, war das als ob Jesus vom Kreuz abgenommen würde. Ich erfasste, wie es wohl sein müsste, diesen religiösen Ausdruck zu erleben, diese Transzendenz, diese Blicke im Angesicht Christi oder eines Wunders. Ich begann, mich mit Gnostikern und den Anfängen der katholischen Kirche zu beschäftigten." Tatsächlich kann man auf Schorrs Wrestler-Bildern Posen aus der christlichen Ikonografie erkennen, die Pieta, die Kreuzabnahme, die Aussendung des heiligen Geistes. Beim Projekt, betont sie, gehe es um Katholizismus, Selbstgeißelung und die Erreichung eines höheren Bewusstseinszustandes, den sie selbst nie erlangen könne, weil ihr die Leidensfähigkeit fehle: "Beim Fotografieren kannst du diesen schwarzen Raum nicht sehen, nur die Figuren. Ich war die ganze Zeit bei ihrem Training dabei und sah mir ihre Rituale in dieser gefährlichen, aufgeheizten Situation wieder und wieder an, bis ich ihre Bewegungen verstand. Für mich war das wie ein Stamm aus dem Amazonas. Es war wie auf dem Schlachtfeld, diese wirklich großen Kerle, die sich unglaublich schnell bewegten. Nach jeder Session war ich in Schweiß gebadet."



Collier Schorr, Hooded Figures (B.C.), 2003
Courtesy 303 Gallery, New York


Als ich sie frage, ob sie durch das Fotografieren das Gefühl einer gewissen Kontrolle bekommt, sagt sie, dass die Verletzlichkeit in ihrer Arbeit sie manchmal zur Verzweiflung treibe. Wenn sie den Katalog zu Reality Bites, einer Ausstellung junger deutscher Kunst in St. Louis ansehe, seien alle anderen durch Coolness geschützt, nur sie stünde da mit dieser romantischen und sentimentalen Haltung. Schorr sagt das, obwohl ihr Foto von einem blonden Mädchen auf dem Cover ist: "Es gibt Tage, da wünsche ich mir, ich wäre so cool, bunt, ironisch und flach wie Michel Majerus." Ich würde vielleicht glauben, sie habe alles im Griff, aber sie erinnere sich noch, wie sie mit ihrer Foto-Ausrüstung über den Hof ihrer alten Schule gerollert sei und die Jungs sich über sie lustig machten: "Wenn du früher in der Highschool nicht cool warst, wirst du es auch nie werden. Du kannst draußen noch so erfolgreich sein, hier pfeifen sie drauf. Du kannst nie cool sein, sie riechen das einfach."


Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines Artikels des Kunstmagazins Monopol (Juni 2007). Wir möchten der Redaktion für die Genehmigung zur Veröffentlichung danken.


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