"Ich wollte keine schmelzenden Eisberge" Kuratorin
Liz Christensen über Kunst, Klimawandel und ihre neue Ausstellung Feeling
the Heat
 Liz
Christensen, die Kuratorin von
„Feeling the Heat“
Die
neue Schau in der 60 Wall Street Gallery der Deutsche Bank New York widmet
sich einem der brisantesten Themen unserer Zeit – dem Klimawandel. Feeling
the Heat präsentiert 16 Künstler, die sich auf ganz unterschiedliche Weise
mit diesem globalen Problem auseinandersetzen. Achim Drucks sprach
mit der Kuratorin Liz Christensen über die Kraft der Kunst, unser
Bewusstsein zu verändern.
 Patricia
Johanson, Living Apartment Houses, 1969, Courtesy
of the artist
Achim Drucks: Wie
entstand die Idee zu „Feeling the Heat“?
Liz
Christensen: Die Ausstellung wurde vor allem vom Thema Klimawandel
inspiriert sowie dem wachsenden Einsatz der Deutschen Bank, dessen Folgen
abzumildern. Es ist ein ebenso interessantes wie beängstigendes Thema, bei
dem viele miteinander zusammenhängende Faktoren eine Rolle spielen. Mich
aber hat vor allem interessiert, wie Künstler sich damit
auseinandersetzen. Außerdem hat mich die Schau Weather Report: Art
and Climate Change sehr beeindruckt, die die Kritikerin und Autorin Lucy
Lippard im Boulder Museum of
Contemporary Art organisiert hatte. Die Ausstellung verband Kunst mit
Wissenschaft. Die Universitätsstadt am Fuße der Rocky Mountains war der
ideale Ort für diese Schau, denn hier arbeiten sehr viele Klimaforscher.
Der Kern der Künstler von Feeling the Heat war auch an Weather
Report beteiligt. Ich habe dann noch ein paar Künstler aus New York
eingeladen, um die Ausstellung für die Stadt relevanter zu machen.
 Patricia
Johanson, Building that Cleans Its Own Water, 1969 Courtesy
of the artist
Was sind die Highlights
der Schau?
Wir zeigen sehr viele starke
Arbeiten. Aber besonders gefallen mir die Zeichnungen von Patricia
Johanson, die lebendige Landschaften entworfen hat. Ihre Gärten
basieren auf Formen aus der Natur, das können Kohlblätter, Blumen oder
auch Tiere sein. Sie bezieht sich dabei immer auf Arten, die in den
jeweiligen Gegenden vorkommen und dann auch in ihren Landschaftsgärten zu
finden sind. Johanson arbeitet schon seit vielen Jahren an ihren Konzepten
von nachhaltigen Gärten. Seit den Sechzigern wirkt sie auch an der
Gestaltung von öffentlichen Parks mit.
 Chris
Jordan, Office Paper, 2007 Aus
der Serie "Running the Numbers: An American Self-Portrait" (2006-2007) Courtesy
of the Artist
Viele Besucher sind ganz
besonders von Chris Jordans
großformatigen Fotografien beeindruckt. Sie zeigen beispielsweise die
enorme Menge an weißem DIN A4-Papier, die alle fünf Minuten in den USA
verbraucht wird. Womit natürlich das Abholzen der Wälder und letztlich
auch der Abbau der Ozonschicht verbunden sind, was wiederum unser Klima
beeinflusst. Zuerst erinnert Jordans Fotografie an eine minimalistische
Zeichnung von Agnes
Martin. Sie zeigt aber tatsächlich eine riesige Wand aus Papier, deren
Ausmaße der Künstler exakt berechnet und die er dann am Computer
zusammengesetzt hat. Jordan verwandelt Daten in Bilder, die
beeindruckender sind als jede Statistik. Eine der Stärken der Kunst liegt
ja darin, dass sie sich oft ganz ruhig anschleicht, nur um dann umso
kraftvoller zuzuschlagen. Es war mir wichtig, gute Kunst zu zeigen. Ich
wollte keine weitere Fotoausstellung über schmelzende Eisberge.
 Iain
Baxter&, Animal Preserve #8, 1999-2007 Courtesy
of the artist and Corkin Gallery, Toronto, Canada
Die
Exponate zeigen ganz unterschiedliche Ansätze, sich dem Thema Klimawandel
zu nähern – von Subhankar
Banerjees Fotoarbeiten bis zu Brian
Colliers Installation The
Pika Alarm, die auf das mögliche Aussterben des Pika,
des Pfeifhasen, aufmerksam macht.
Brian
Colliers Arbeit funktioniert wie eine Alarmanlage. Greift man zu einer der
Infopostkarten, ertönt ein lautes Geräusch, um den Betrachter auf die
alarmierende Situation des Pika hinzuweisen, dessen Lebensraum auf Grund
der klimatischen Veränderungen dramatisch schrumpft. Der kanadische
Künstler Ian
Baxter hinterfragt mit seiner Installation Animal Preserve
unser Verhältnis zu "wilden Tieren". Die Arbeit besteht aus einer Vitrine,
in der Reihen von Gläsern stehen. Darin sind Stofftiere eingelegt, als
würde es sich um Präparate für ein naturwissenschaftliches Kabinetten
handeln. Die Ausstellung zeigt ganz unterschiedliche Strategien, sich mit
dem Thema Klimawandel auseinanderzusetzen – von Agit Prop bis zu eher
poetischen Positionen. Das verbindende Element ist dabei die
Auseinandersetzung mit dem, was gerade mit unserer Umwelt passiert – im
guten wie im schlechten Sinne. Das spiegelt sich perfekt in den Gesichtern
der Delegierten des UN Klimagipfels, die Joel
Sternfeld fotografiert hat.
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Joel Sternfeld, Victor Orindi, aus
der Serie "When It Changed", 2005, Courtesy
of the artist and Luhring Augustine, New York
Es
gibt aber auch Verbindungen zur Tradition der Landschaftsmalerei, zu den Romantikern
des 19. Jahrhunderts.
Alexis
Rockmanns Gemälde und die Fotoarbeiten von Subhankar Banerjee sind
Beispiele für eher romantische oder poetische Ansätze. Aus einem Flugzeug
heraus fotografiert Banerjee die Weiten der Arktis. Wer genauer hinschaut,
sieht neben den umherziehenden Karibu-Herden auch die Risse im immer
dünner werdenden Eis, was auf die Gefährdung der Tiere durch die
Erderwärmung hinweist. Der Fotograf hat die Serie Oil and the
Caribou genannt. In diesem Gebiet soll Öl gefördert werden, es ist
aber auch eines der letzten Rückzugsgebiete für viele Tierarten. Auch
Alexis Rockman steht in der Tradition der Landschaftsmalerei. Sei Ansatz
ist dabei allerdings eher fantastisch. Sein Gemälde Hotelscape
zeigt Las Vegas nach einer Klimakatastrophe, die nur die Ruinen der
Casinos, gigantische Kristalle und ein paar Reptilien überstanden haben.
 Subhankar
Banerjee, Caribou Migration I, aus
der Serie "Oil and the Caribou", 2002 Sammlung
Tagore Foundation International, East
Hampton
Einige der gezeigten Arbeiten
geben den Besuchern die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden.
Schnittstellen
zwischen Kunst und Aktivismus spielen in der Schau eine wichtige Rolle.
Den Künstlern geht es nicht darum, nur schöne Bilder zu machen. Sie werden
selbst aktiv, wie Eve
Mosher in ihrem Video HighWaterLine (2007): Letzten Sommer
markierte sie in Lower Manhattan und Lower Brooklyn die Linie, an der das
Wasser bei einer durch einen schweren Sturm verursachten Flut stehen
würde. Sie basiert auf Statistiken der NASA. Als die Künstlerin diese
Linie markierte, konnten die Leute genau sehen, wie hoch das Wasser an der
Stelle stehen würde, wo sie wohnen oder arbeiten. Die Aktion machte die
Menschen vor Ort auf das Problem aufmerksam und ermöglichte es Mosher, mit
ihnen in Kontakt zu treten. Isabella
Gonzales, eine Künstlerin aus New Mexico, ist mit der zweisprachigen
Arbeit 2 Cents Worth vertreten. Sie wurde genau gegenüber
der Cafeteria installiert. Es handelt sich um einen Küchentisch aus den
fünfziger Jahren. Daran sind zwei Sonnenschirme angebracht, die mit lauter
Cent-Münzen bedeckt sind. Das spielt darauf an, dass die Ozonschicht
gerade mal so dick ist wie zwei Cents. Aber auch auf die amerikanische
Redensart "putting in your 2 cents worth", also "seinen Beitrag leisten".
Und bei dieser Installation kann man das auch wirklich tun. Es gibt eine
Sammelbüchse, in die man Geld für Umweltschutzprojekte, also für die
Zukunft unseres Planeten, unserer Kinder und Enkel, spenden kann.
Zusätzlich gibt es noch Postkarten auf Englisch und Spanisch, die man
seinem Kongressabgeordneten schicken kann, um ihn zu bitten,
Gesetzesvorhaben, die dem Umweltschutz dienen, zu unterstützen. Kunst kann
unsere Haltung verändern und manchmal auch unser Leben. Es ist ganz
einfach: Jedes bisschen hilft.
 Eve
Mosher, HighWaterLine, 2007, Video, Courtesy
of the Artist
Kann Kunst denn wirklich
das Bewusstsein für das Thema Umweltschutz schärfen?
Das
glaube ich ganz sicher. Eines der Ziele von Feeling the Heat ist es
eben auch, die Besucher dazu zu bringen, sich noch stärker mit dem Thema
auseinander zu setzen und ihnen zu zeigen, was die Deutsche Bank gegen den
Klimawandel unternimmt. Sowohl was ihre geschäftlichen als auch die
gesellschaftlichen Aktivitäten anbetrifft, engagiert sich die Deutsche
Bank, Lösungen für dieses Problem zu finden. Im Augenblick betreut die
Bank Investments von elf Milliarden Dollar im Bereich des Klimaschutzes.
Sie hat einen der ersten Investmentfonds aufgelegt, der auf Unternehmen
spezialisiert ist, die Klimaschutzstrategien und -maßnahmen verfolgen. Was
das gesellschaftliche Engagement betrifft, so unterstützt die Deutsche
Bank beispielsweise die Stadt New York dabei, die Umstellung der schwarzen
Taxi-Limousinen auf Hybridfahrzeuge zu finanzieren. Das wird den
alljährlichen Ausstoß von Treibhausgasen in der Stadt voraussichtlich um
137.000 Tonnen reduzieren. Außerdem hat sich die Bank dazu verpflichtet,
eine Milliarde Dollar für die Clinton
Climate Initiative zur Verfügung zu stellen. Sie setzt sich für die
Reduzierung von Treibhausgasen ein, indem die Energieeffizienz von Gebäude
in den 40 größten Städten der Welt gesteigert wird. Im Unternehmen selbst
richtet sich die Deutsche Bank nach der Umweltmanagementnorm ISO
14001. Dieses System hilft der Bank dabei, beim Thema Nachhaltigkeit
ihre Zielvorgaben zu erreichen. Für alle Bankgebäude werden Richtwerte
festgelegt, etwa was den Verbrauch von Strom oder die Recyclingquote für
verbrauchtes Papier anbetrifft. Und dann werden Methoden und Wege
festgelegt, wie man diese Ziele erreichen kann.
 Alexis
Rockman, Hotelscape, 2006 Courtesy
of Leo Koenig Gallery
Bitte erzählen
Sie uns etwas zum Programm der 60 Wall Street Gallery.
Der
kuratorische Fokus liegt auf Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlern,
die unsere Gegenwart reflektieren. Wir versuchen dabei Themen
anzusprechen, die für Mitarbeiter wie Kunden der Deutschen Bank relevant
sind. Dabei arbeiten wir manchmal auch mit Gastkuratoren zusammen, um neue
Perspektiven zu entwickeln. Mindestens ein Mal jährlich zeigen wir eine
Ausstellung mit Werken aus der Sammlung
Deutsche Bank. Im Zentrum stehen dabei, wie beim gesamten
Kunstprogramm der Bank, junge, aufstrebende Talente oder Künstler, die
noch zu wenig Beachtung finden. Wir zeigen auch Arbeiten, die eine
Verbindung zu den Organisationen haben, die wir unterstützen. Das führt zu
Synergieeffekten zwischen unserem gesellschaftlichen Engagement und
unseren Kunstprojekten.
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