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Nachruf Robert Rauschenberg


Robert Rauschenberg signiert Ausstellungskataloge
im Deutsche Guggenheim,
Berlin 1998

Der New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz nannte ihn den "amerikanischen Picasso". Er selbst hat einmal gesagt, ihm täten jene Menschen leid, die Dinge wie Seifenschalen, Spiegel oder Colaflaschen hässlich fänden. Um Robert Rauschenbergs Bedeutung für die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu beschreiben, sind beide Zitate bezeichnend. In der Wahl seiner stilistischen Mittel war Rauschenberg so bahnbrechend wie Picasso, ein permanent Suchender, der seine Kunst nie auf einen Stil festlegen ließ. Was aber seine Sujets angeht, blieb sich Rauschenberg über die Jahre hinweg bemerkenswert treu. Sein Interesse an den Dingen des Alltags war Ausdruck eines Arbeitsansatzes, der ein zutiefst amerikanischer ist: reflektiert konsumistisch, verankert in der Realität, fest verbunden mit dem Leben. In der Sammlung Deutsche Bank ist Rauschenberg u.a. mit seiner 1971 entstandenen Serie Star Quarters vertreten. Auch das Deutsche Guggenheim ist mit dem Künstler verbunden: 1998 war dort die Ausstellung Von Dürer bis Rauschenberg zu sehen, zu deren feierlichen Eröffnung Rauschenberg extra aus den Staaten anreiste.





Robert Rauschenberg, Star Quarters Panel I und II, 1971,
Sammlung Deutsche Bank


Am Anfang seiner Karriere stehen sieben monochrom-weiße White Paintings, entstanden 1951 in Abgrenzung zur abstrakten Malerei eines Jackson Pollock, deren Spiritualität und Gefühlsbetontheit dem jungen Künstler verdächtig schienen. "Dinge wie 'Qual', 'Kampf' und 'Schmerz' habe ich in Farbe noch nie erkennen können", behauptete er. "Wie kann Rot 'Leidenschaft' sein? Rot ist rot." Seine weißen Werke betonten die Materialität der Farbe, in der sich der Schatten der Betrachter spiegeln sollte. Den ersten stilistischen Bruch vollzog Rauschenberg dann bereits zwei Jahre später mit seinem wohl radikalsten Werk. 1953 klopfte der junge Künstler an die Tür seines zur dieser Zeit weitaus berühmteren Kollegen Willem de Kooning und bat um ein Werk, das er ausradieren dürfte. Nach kurzen Verhandlungen überließ ihm de Kooning eine Grafitzeichnung. In monatelanger Arbeit und mit Hilfe unzähliger Radiergummis tilgte Rauschenberg alle künstlerischen Spuren.




Robert Rauschenberg, Star Quarters Panel III und IV, 1971,
Sammlung Deutsche Bank

Seine Arbeit Erased de Kooning Drawing erhebt die Negation zur Kunst und offenbart eine gedankliche Nähe zum Fluxuskünstler und Komponisten John Cage, dessen berühmtes Stück 4'33 aus völliger Stille besteht. Cage und Rauschenberg hatten sich am legendären Black Mountain College in North Carolina kennen gelernt, sich gegenseitig beeinflusst, sie waren Freunde.

Der internationale Durchbruch gelang Rauschenberg 1955 mit seinen Combines – Werken in denen er expressiv gestische Malerei mit gefundenen Alltagsdingen kombinierte und damit die Grenzen zwischen Gemälde und Skulptur – wieder radikal – in Frage stellte. Den illusionistischen Charakter der Malerei konfrontierte er ganz handfest mit banaler Realität: Glühbirnen, Postkarten, Küchengeräten, Comics, Tapetenresten, Radios, ausgestopften Tieren. Rauschenberg hing nicht nur übermalte Fundstücke an seine Leinwände, sondern ließ auch die Leinwand selbst Teil von Assemblagen und Installationen werden, wie etwa in seiner berühmtesten Combine-Arbeit Monogram (1955-59), für die er einen Ziegenbock mit umgehängten Reifen auf eine Leinwand stellte. Kurt Schwitters dadaistische Collagen scheinen hier auf die Ikonografie des amerikanischen Traumes zu treffen.


Robert Rauschenberg, Earth Day, 1990,
Sammlung Deutsche Bank


Gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Jasper Johns öffnete Rauschenberg die Tür zum noch unbekannten Reich der Pop Art. Monogram wurde zur Ikone eines neuen kritischen Amerika. Das Collageprinzip wandte Rauschenberg auch in seinen Siebdrucken an – eine Technik, die er Anfang der sechziger Jahre zeitgleich mit Andy Warhol entdeckte. Hier mischte er Fotografien von Astronauten, Mondraketen oder dem jungen Kennedy mit typischen Objekten des ländlichen Amerika wie Besen, Holzzäunen, Bäumen oder Pferden. Die Serie Star Quarters (1971), die zur Sammlung Deutsche Bank gehört, verzierte er mit Sternenbildern. Fast schon aufreizend beiläufig entwarf Rauschenberg mit seinen Drucken das große synthetische Panorama seines gleichsam hochtechnisierten wie bukolischen Heimatlandes. Später in den Siebzigern experimentierte er mit elektronischer Kunst. Nach einem Schlaganfall 2002 teilweise gelähmt, zog sich Robert Milton Ernest Rauschenberg – der Enkel eines eingewanderten deutschen Arztes und einer Cherokee – fast vollständig in sein Atelier auf der Insel Captiva bei Florida zurück. Dort ist er Mitte Mai im Alter von 82 Jahren gestorben.


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