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Pine Flat (Filmstill), 2005
© Sharon Lockhart 2005
Courtesy Gladstone Gallery, New York, Blum & Poe Gallery, LA, and
neugerriemschneider Gallery, Berlin



Manchmal fordert Lockhart den Zuschauer bis zur Erschöpfung. Ihr 138-Minuten-Film Pine Flat, der in der Sierra Nevada vier Stunden entfernt von Los Angeles gedreht wurde, beginnt mit der langen statischen Kameraeinstellung, die einen winterlichen Kiefernwald zeigt. Es passiert nicht viel in dieser ersten zehnminütigen Szene. Schnee bedeckt die Landschaft, ein Baum schwankt im Wind, ein einsames Heulen ist zu vernehmen – es ist nicht klar, ob es von einem Menschen oder einem Tier stammt. Lockharts Film gliedert sich in zwölf Teile und einen Zwischenakt. Die Szenen dauern jeweils zehn Minuten und wirken wie Kapitel einer ereignislosen Erzählung: Ein Junge und ein Mädchen waten im Wasser, ein Mädchen liest in einem Buch, ohne dabei aufzublicken, ein Junge spielt Mundharmonika in der Mitte eines Flusses, als sei er Tom Sawyer. Die Künstlerin zeigt hier ganz gezielt idyllische Bilder, die ihr romantisches Versprechen jedoch nicht einlösen. Die Schönheit ihrer Arbeiten funktioniert als Lockvogel für den Betrachter, damit er sich auf das Bild einlässt. Nachdem das Publikum jedoch zehn Minuten auf die sich kaum veränderte Leinwand gestarrt hat, kann es nur feststellen, dass Lockhart keine romantischen Fluchten aus der Realität anbietet. Ganz im Gegenteil: Der Betrachter wird mit dem Bild alleingelassen – und damit auch mit sich selbst.




Pine Flat (Filmstill), 2005
© Sharon Lockhart courtesy neugerriemschneider, Berlin,
Gladstone Gallery, New York and Blum & Poe, Los Angeles



Pine Flat überlässt es dem Zuschauer, sich seine eigene Version der Ereignisse zurechtzulegen. "Statische Kameraeinstellungen geben dem Betrachter die Freiheit, ein Bild zu erforschen und genauer zu erfahren. Das ist der Kern meiner Arbeit. Mit dem Establishing Shot in Pine Flat wollte ich eine Spannung aufbauen. Das Bildfeld bleibt unverändert, das Auge aber kann wandern und Dinge entdecken, die es vorher übersehen hat", erklärt Lockhart. Indem sie auf jede Form von Narrativität verzichtet, unterläuft die Künstlerin die üblichen Erwartungen an das Filmgenre. Dies schafft ein Gefühl der Verunsicherung beim Publikum, das sich bis zur Selbstreflexion ausweiten kann.




Pine Flat (Filmstill), 2005
© Sharon Lockhart
courtesy neugerriemschneider, Berlin,
Gladstone Gallery, New York and
Blum & Poe, Los Angeles

Lockharts Interesse gilt der statischen Kameraeinstellung, so wie sie ganz radikal von Andy Warhol in seinem Film Empire verwendet wurde. 1964 hielt der Pop-Art-Künstler die Kamera in einer stundenlangen Einstellung auf das Empire State Building in New York. Lockharts Mentor, der Experimentalfilmer James Benning, ist ebenfalls bekannt für seine langen Aufnahmen und statischen Einstellungen. Der Establishing Shot wurde ursprünglich erfunden, um den Kinozuschauern wichtige Hinweise zum Ort des Geschehens und zur weiteren Handlung zu geben. Mittlerweile ist er zum bevorzugten Stilmittel zeitgenössischer Fotografen geworden, die auch mit Film arbeiten. Der deutsche Künstler Thomas Struth etwa zeigte in seinen Video Porträts Nahaufnahmen von Freunden und Kollegen, ebenfalls immer in einer einzigen Kameraeinstellung. Eine unbewegte Kamera prägt auch die Videos der englischen Künstlerin Sam Taylor-Wood, vor allem Pieta (2001). Der Film zeigt den Schauspieler Robert Downey Jr. als toten Christus in den Armen der sitzenden Künstlerin. Abgesehen vom gelegentlichen Zucken eines Armes passiert sehr wenig in diesem Zwei-Minuten-Film. Während Struth und Taylor-Wood mit ihren Filmen die Unbeweglichkeit von Gemälden zitieren, scheint sich Lockhart dagegen vor allem für Räume zu interessieren, die bei ihr auch immer Bühnenräumen ähneln. "Ich denke sehr räumlich", bestätigt die Künstlerin. "Ich beschäftige mich auch sehr mit der Körperlichkeit der Dinge, die ich am Ende ja zweidimensional darstellen muss. Es ist mir schon wichtig, dass die Filme nicht wie animierte Fotografien wirken. Die Filme haben eine Wirkung, die Fotos so nie erreichen würden."


Sharon Lockhart
Goshogaoka Girls Basketball Team:
Group III: (a) Chihiro Nishijima, 1997
© Sharon Lockhart
Courtesy Gladstone Gallery, New York,
Blum & Poe, Los Angeles, and
neugerriemschneider, Berlin

Die Zeit, als bestimmendes Element des Films, spielt auch in No (2003) eine entscheidende Rolle. Die Handlung entfaltet sich vor dem Panorama einer idyllischen Landschaft. Wir sehen einen japanischen Bauern und seiner Frau dabei zu, wie sie Arbeiten ausführen, die ihnen die Tradition und die Jahreszeiten auferlegen. Sie werfen Heu in großen Bündeln auf ein Feld und glätten danach die Haufen mit Rechen, um die Erde nach der Ernte zu bedecken. Lockharts Film streift Themen wie den Zyklus des Lebens und den endlosen Rhythmus von Wachstum und Verfall. Das Ritual der Feldarbeit legt allerdings noch eine andere Interpretationsmöglichkeit von Lockharts Werk nahe: Die linearen Bewegungen der Bauern auf dem Feld ähnelt Pinselstrichen, das Bedecken der Erde mit Heu erinnert an malerische Gesten. "Bei No handelt es sich gewissermaßen um ein Landgemälde in einem starren Rahmen. Der Film registriert die Veränderungen der Landschaft im Lauf der Zeit", hat Lockhart einmal gesagt. Beim Anblick von No ist der Betrachter gezwungen, seine eigenen Vorstellungen von Malerei und Bildern noch einmal neu zu hinterfragen.


Pine Flat (Filmstill), 2005
© Sharon Lockhart
courtesy neugerriemschneider, Berlin,
Gladstone Gallery, New York
and Blum & Poe, Los Angeles

Lockharts Obsession für Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen zeigt sich auch in einem frühen Diptychon mit dem Titel Julia und Thomas (1994): Sowohl Julia als auch Thomas stehen auf einem Waldweg, die Rücken der Kamera zugedreht. "In Julia and Thomas wollte ich alle Details vermeiden, die narrative Assoziationen auslösen können. Ich dachte, wenn man sich in den Details ihrer Haut und ihrer Kleidung verliert, würde man auch vergessen, wer die Kinder wirklich seien." Tatsächlich hat Lockhart ihre bisherige Karriere darauf konzentriert, sich der Narration so weit wie möglich zu entledigen. Sie führt die Geschichte weg von ihren Hauptpersonen – und zurück zum Betrachter.

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