In dieser Ausgabe:
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Julia Schmidt, Untitled (pocket), 2006
Courtesy Casey Kaplan Gallery
©Julia Schmidt

Das Auswählen und Herauslösen der Motive aus ihrem ursprünglichen Kontext gehört dabei ebenso zum Arbeitsprozess, wie das Betonen einzelner Details oder die "Entleerung" anderer Bildbereiche. Das visuelle Material, das Schmidt aus Magazinen, Zeitschriften, Büchern oder Internet-Suchmaschinen filtert, erhält bei ihr einen prekären Status. Schmidt meidet alle ungebrochenen Farben, oft beschränkt sie sich auf Schwarz-Weiß Töne. Ihre Gemälde sind voller Aussparungen, verblasster Passagen und "blinder Flecken", ganz so, als sei die Netzhaut des Betrachters verletzt und könne nur Teile des Bildes wahrnehmen, während sich andere Bereiche in Hell-Dunkel Kontrasten abzeichnen. Es ist eben dieses Ausgesparte, das "Dazwischen", das der Betrachter wieder in seiner Vorstellung ausfüllen muss.


Julia Schmidt, Still life (bowl, coin, bread), 2008
Courtesy Casey Kaplan Gallery
©Julia Schmidt

So lässt sie auf einer ihrer jüngsten Arbeiten, Still life (bowl, coin, bread) von Edgar Degas' Römischer Bettlerin (1857) nur noch eine Schüssel, eine Münze auf dem Boden, Brotkrumen, ein Stück Mauerwerk übrig. Auf einer anderen Version Untiteled (The Roman Beggar Woman, After Edgar Degas) von 2005 reduziert sie die Vorlage auf ein Stück Schal der Bettlerin, wobei der Körper völlig ausgeblendet wird. Das "Entkleiden" der Vorlage hinterfragt gleichermaßen die Konstruktions- und Kompositionstechniken wie auch die Verführungskraft der Malerei. Während sich der Blick des Betrachters in einzelnen, freigestellten, sorgsam ausgeführten Details verlieren kann, prallt er im selben Augenblick von den nahezu monochromen Flächen ab.


Julia Schmidt, Untitled (kiosk), 2007
Courtesy Casey Kaplan Gallery
©Julia Schmidt

Durch Auslassung und Übermalung wird die Materialität des Gemäldes spürbar, die Bestandteile aus denen es sich zusammenfügt: Farbe und MDF. Zugleich lassen die Leerstellen ganz unterschiedliche inhaltliche Deutungen zu. Sieht der Schal der Bettlerin nicht wie ein exklusives Designprodukt von Martin Margiela aus? Dekonstruiert Schmidt den voyeuristischen, romantisierenden Blick Degas' auf tatsächliche Armut? Wie verhalten sich das Motiv und der Wert des Bildes zueinander? Wie wertet Malerei banales Baumarkt-Material wie MDF auf?



Julia Schmidt, Untitled (shellac), 2007
Courtesy Casey Kaplan Gallery
©Julia Schmidt

Auch wenn Schmidts Gemälde auf den ersten Blick rätselhaft wirken mögen, geht es eigentlich um genau das Gegenteil: Die Künstlerin entmystifiziert die Malerei. Sie zeigt ihre Zutaten, thematisiert die Produktionsprozesse, wenn sie wie auf Untitled (bristles) die Borsten eines Künstlerpinsels zum Gegenstand ihres Bildes macht. "Ich kann nicht mit dem Holzhammer kommen und sagen, böser Kapitalismus. Aber ich kann Fragen stellen", sagt Schmidt. Malerei, das signalisiert ihr Werk, ist ein Geschäft wie jedes andere.

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