Wie so etwas klingt, demonstrierte er Anfang des Jahres im
historischen Ambiente der Villa Romana auf den Hügeln über Florenz. Als
Höhepunkt der Eröffnung seiner Einzelausstellung zeigte der
Villa-Romana-Preisträger dort die Performance voiceoverhead.
Bei klirrender Frühlingskälte standen die Besucher bis in den Hof an,
während Gal und sein Partner Achim
Lengerer als DJ's hinter schwarzen Objekten agierten, die aussahen wie
Hybride aus Rednerpult und Lautsprecher. Aus den Boxen drang keine Musik,
sondern Beispiele aus Gals Schallplatten-Archiv: Die Stimmen von Angela
Davis und Erika
Mann mischten sich mit den Signalen von U-Boot-Radaren, Tonfragmenten
der Nürnberger
Prozesse oder dem Gemurmel von Menschenmengen. "Bei voiceoverhead
behandeln wir die historischen Aufnahmen als Geräuschmaterial", sagt Gal.
"Wir pendeln ständig zwischen der Abstraktion des aufgenommenen
Ereignisses und seinem verständlichen Inhalt. Wenn wir eine bestimmte
Aufnahme manipulieren oder verändern, versuchen wir ihre besondere
Atmosphäre zu betonen. Töne haben die Möglichkeit, ein Ereignis sozusagen
'zurück ins Leben' zu holen."

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Voiceoverhead, Performance in der
Villa Romana Februar 2008, Foto © Gregor Hohenberg
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Bei seiner Performance in der Villa Romana war das
historische Material nur an einigen Stellen deutlich zuzuordnen. Über
weite Teile ließ der Künstler es zu einer diffusen, beinahe musikalischen
Klangfolie verschwimmen. Mit genau diesem verstörenden Widerspruch machte
er spürbar, wie subjektiv und willkürlich die Konstruktionen von
historischer "Wahrheit", nationaler und kultureller Identität sind. Die
Assoziationen eines Geräusches scheinen so vielfältig wie die Erfahrungen
der Zuhörer: "Als Kind hatte ich richtig Angst, wenn ich am Knopf des
Radios drehte und zufällig auf einen Sender stieß, der arabische Musik
spielte", erinnert sich Gal. "Das lag nicht nur daran, dass ich gelernt
hatte, dass das die Musik des Feindes ist, sondern auch an der besonderen
Qualität der Kurzwellenübertragung, die die Musik bedrohlich wirken ließ."
Mit
ihren akustischen Störungen und thematischen Überlagerungen, Samples und
Brüchen wirkte Gals Performance fast schon programmatisch für die Zukunft
der Villa Romana. Denn in diesem traditionsreichen Haus, in dem schon Max
Beckmann, Georg
Baselitz oder Jungstars wie Amelie
von Wulffen und Marc
Brandenburg gearbeitet haben, geht es darum, immer wieder mit
Klischees zu brechen und den eigenen Status Quo permanent zu hinterfragen. Angelika
Stepken, die neue Direktorin der Villa, arbeitet entschieden gegen die
Vorstellung, dass es sich bei dem Haus auf den Hügeln um eine Herberge für
deutsche Künstler-Stipendiaten handelt, die sich hier an der "Wiege der
Renaissance" in romantischer Abgeschiedenheit von italienischer Lebensart,
Architektur und alter Kunst inspirieren lassen.
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Dani Gal, La Battaglia, 2007 Video / Audio
Installation, © Dani Gal
 Dani
Gal, La Battaglia 2, 2007 Video / Audio Installation, ©
Dani Gal
Spätestens nachdem das Haus 2007
mit einer Millionen Förderung vom Bund komplett modernisiert und endlich
auch mit einem Internetanschluss und einer Website ausgestattet wurde, ist
Schluss mit dem Bild eines altmodischen Refugiums in toskanischer
Zypressenidylle. Mit nur einem Mausklick ist die Villa an das globale
Kunstgeschehen angeschlossen. Das inzwischen älteste deutsche
Künstlerstipendium, das seit den zwanziger Jahren von der Deutschen Bank
gefördert wird, war stets ein Experimentierfeld für die künstlerischen
Strategien seiner Zeit. Jetzt soll die Villa Romana nach dem Willen
Stepkens noch stärker als Plattform für den Austausch mit der
italienischen Szene dienen, und zugleich seine internationale Bedeutung
ausbauen.
 Dani
Gal und Achim Lengerer bei ihrer Performance The
Ballot or the Bullet! - voiceoverhead im
Atrium des Deutsche Bank Gebäuders Unter den Linden, Foto
Mathias Schormann
Dazu gehört auch die
Präsentation der Stipendiaten im Deutsche Guggenheim, die zugleich eine
Herausforderung für die Teilnehmer ist. Das galt auch für die Aufführung
von Gals Performance voiceoverhead, Anfang Mai im Deutsche
Guggenheim. "Es war sehr interessant hier aufzutreten, weil der Ort so
eine Konzernatmosphäre ausstrahlt", sagt Gal. "Der Auftritt fand in der
Haupthalle statt, wo für gewöhnlich die Reden gehalten werden. Wir haben
versucht, diese Situation in der Konzeption unserer Performance zu
betonen." Hatte die Villa-Romana-Variante eher Clubatmosphäre, erinnert
das Arrangement von voiceoverhead tatsächlich eher an einen Vortrag
bei einer Hauptversammlung. "Der Sound in der Halle ist unglaublich",
erinnert sich der Künstler. Die Besucher in Berlin waren allerdings ebenso
irritiert wie die in Italien – ein Gefühl, das typisch für die Rezeption
von Gals Kunst ist. Seine Arbeiten unterlaufen Erwartungen, werfen Fragen
auf und bieten doch am Ende keinen Ausweg, um das Kunsterlebnis in einer
affirmativen Aussage zu kanalisieren. So bleibt es offen, ob Gal mit dem
Sampling von Geräuschen und den modifizierten Plattenspieler eine tiefere
Erkenntnis über die Welt vermitteln will. Auch der Künstler schweigt dazu.
Zumindest eines steht für ihn fest: Der Kommunikation ist nicht zu trauen.
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