Kapoor blieb sich treu: Trotz seiner englisch-indischen und
irakisch-jüdischen Herkunft kommentierte er diesen Aspekt seiner Arbeit
nicht. Was mich dazu brachte, mich eingehender mit ihr auseinander zu
setzten. Wo ist hier die Leere zu finden? Es gibt die Räume zwischen den
Türen, aber das ist natürlich nicht die Art von profundem Raum, mit denen
der Künstler normalerweise arbeitet. Ganz in der Nähe war eine weitere
Arbeit zu sehen, Wound (2007), ein unregelmäßiger, rund eineinhalb
Meter langer Schnitt in der Wand. Obwohl die Gegenüberstellung der beiden
Arbeiten natürlich beabsichtigt war, besteht jedoch in Kapoors Werk jede
seiner Arbeiten für sich allein.
 Anish
Kapoor, Ausstellungsansicht Haus
der Kunst, München, 2007 ©
Jens Weber, Munich
Die Materialien von Svayambh
verweisen sehr eindrücklich auf Beuys.
Es war Kapoors rumänischer Freund, der Bildhauer Paul
Neàgu, der ihm Ende der Siebziger das Werk des deutschen
Künstlers nahe brachte: "Damals gab es jemanden, der für mich sehr wichtig
war, Paul Neàgu", erinnerte sich Kapoor 1990 in einem Gespräch mit Douglas
Maxwell für Art
Monthly. "Er hat meine persönliche Entwicklung stark geprägt. Was
sicherlich daran lag, dass auch er als Ausländer hier in London gearbeitet
hat. Er öffnete meine Augen dafür, dass es in der Kunst nicht darum geht,
mehr oder weniger schöne Dinge zu schaffen, sondern um viel
grundsätzlichere Anliegen." Von Neugier getrieben, ertappte ich mich
dabei, Vergleiche mit dem Werk von Beuys anzustellen. Allerdings nicht mit
den Werken, bei denen er mit Wachs gearbeitet hat und an die man sofort
denken könnte, sondern mit Beuys’ Aktion I
like America and America likes me, die 1974 in New York stattfand.
In
Kapoors Arbeit findet sich ein Widerhall von Beuys’ Weigerung, sich von
irgendwelchen äußeren Einflüssen dabei stören zu lassen, mit dem reinsten
Geist Amerikas, der für ihn durch den Coyoten verkörpert wurde, zu
kommunizieren. Bei seiner Skulptur Blood Relations (2005), die
Kapoor in Zusammenarbeit mit Salman
Rushdie realisiert hat, kombiniert er große Bronzekästen, die mit
Passagen aus einer blutigen Geschichte des Schriftstellers versehen waren,
mit rot eingefärbtem Wachs. Ein ähnliches Material verwendet er in
München. Und betrachtet man Svayambh, fällt es nicht schwer,
nicht an Tod und Zerstörung als die Voids dieser Arbeit zu
denken.
 Anish
Kapoor, Svayambh, 2007, Installationsansicht
Haus der Kunst, München ©
Jens Weber, München
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Anish Kapoor, Untitled II, 1989 Sammlung
Deutsche Bank
Es gibt hier sogar einen
abgründigen Nachhall dessen, was von den Opfern der Gaskammern übrig
blieb: Körpermasse. Doch Kapoor, der schon immer gegen jede Form von
Didaktik allergisch war, verweigert uns solch eine klare Deutung, und wir
müssen selber weiterdenken. Der schier unmögliche Anspruch dieser Arbeit,
für die die roten Klötze größer als die Türen sein mussten, erzählt von
der Weigerung des Menschen, sich auf ein Produkt reduzieren zu lassen.
Kapoor berührt mit Svayambh die Thematik von regenerativen
Kräften ebenso wie jede von Beuys’ Arbeiten. Man hätte sie fast I
like Germany and Germany likes me! betiteln können.
Svayambh
erlaubt vielfältige Interpretationen. Man kann die Arbeit auch als Parabel
auf das menschliche Leben lesen, auf den Weg von einer schmerzhaften
Geburt bis zum Tod. Die große Leere zwischen diesen beiden unvermeidlichen
Stationen unseres Lebens ist die Lücke, die wir zu füllen haben. Kapoor
gibt uns zwar keine Antworten, zeigt aber ein großes Vertrauen in uns und
unsere zutiefst menschliche Wissbegier.
"Es gibt keine abstrakte
Kunst", behauptet Kapoor und profitiert doch – wie jeder lebende Künstler
– vom Erbe der Abstraktion. Clement
Greenberg und andere Gurus der Ungegenständlichkeit haben versucht,
Kunst auf reine Theorie zu reduzieren und dabei vergessen, dass sie durch
mehr als ein menschliches Gehirn gefiltert werden muss, um Bestand zu
haben. Und bei der Transformation von Ideen und Emotionen ist ein gewisses
Maß an Reibung unvermeidlich. Greenberg war der ultimative Didaktiker,
Kapoor vertraut dagegen stärker darauf, wie unterschiedlich die Betrachter
Kunst wahrnehmen und er scheint diesen Prozess ganz bewusst in das Konzept
seiner Arbeit einzubeziehen.
 Anish
Kapoor, Untitled, 2001 Sammlung
Deutsche Bank
Kapoors neue Arbeit, die diesen
Herbst erstmals im Deutsche Guggenheim zu sehen ist, wird uns dazu
bringen, die Art und Weise, wie wir Kunst – und ganz besonders das Werk
von Kapoor – wahrnehmen, neu zu hinterfragen.. Denn was brachte mich
eigentlich dazu, gebannt vor Yellow zu verharren? Ich blickte doch
im Grunde nur in ein schönes gelbes Loch. Nachdem er in Zusammenarbeit mit
Salman Rushdie Blood Relations konzipiert hatte, äußerte Kapoor
Zweifel daran, eine Arbeit mit Text zu kombinieren. Denn dadurch würde sie
die Mehrdeutigkeit, die ihm so wichtig ist, verlieren. Dennoch besteht
eine Verbindung in den Vorstellungen des Künstlers und des
Schriftstellers. Rushdie ist zwar nicht der einzige Autor, der über das
Thema der inneren Leere schreibt, aber sicherlich einer der
profiliertesten. Kapoors Werk wurde immer entscheidend von dem Dialog
zwischen der inneren und äußeren Welt geprägt, von der Beziehung zwischen
der unendlichen Leere um uns herum – und der Leere in uns.
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