Armin Linke, Thongil Street, Pyongyang,
North Korea, Courtesy
Klosterfelde, Berlin, © Armin Linke
Zunächst trifft er die Wahl seines Aufnahmestandorts aufgrund
ausführlicher Recherchen, die er vor allen Reisen und Projekten anstellt.
Dank dieser genauen Vorbereitung findet er dann auch jene besondere
Perspektive, in der die Wirklichkeit ins Unwirkliche und die fotografische
Ästhetik in fotografische Kritik umschlägt. Ganz wohl ist einem jedenfalls
nicht, wenn Armin Linke in seiner Aufnahme der Thongil Straße Pjöngjang
als exakt die Modellstadt zeigt, die es sein will. Denn so wie er die
Szenerie durch seine fotografische Ästhetik zum Architekturmodell
schrumpft, macht er mehr als deutlich, dass nicht die Bedürfnisse der
Einwohner die Stadtplanung bestimmt haben, sondern ein längst schon
anachronistisches Klischeebild der modernen Metropole.
 Armin
Linke, Oscar Niemeyer, Ministry of Defence, Brasilia Brazil, Courtesy
Klosterfelde, Berlin, © Armin Linke
Gleichzeitig
stellt Armin Linke seine Bilder in den Kontext des Archivs. Er
veröffentlicht nicht nur das eine, großartige Bild der menschenleeren, mit
Absperrgittern gesicherten Straßentreppe in Genua, sondern stellt sie in
eine Folge von Fotografien des G 8 Gipfels, die die Polizei, die
Demonstranten und mitten drin die Kamerateams der Medien zeigen, bis es
schließlich zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. Die Genuabilder
sind eben nicht nur melancholische Stadtansichten.
 Armin
Linke, G8 Summit, Genova, Italy, 2001 Courtesy
Klosterfelde, Berlin, © Armin Linke
|
Der Gipfel hat statt gefunden und Carlo Giuliani wurde von
der Polizei erschossen. Für die Philosophie besitzen solche Ereignisse nur
eine Tatsachenwahrheit, die - anders als die Vernunftwahrheit - allein
durch Logik nicht beweisbar ist. Allerdings lässt sie sich über
Filmaufnahmen und Fotografien rekonstruieren - über das Archiv wie Jacques
Derrida sagt. Weswegen der Philosoph in seinem Buch Mal
d'Archive den Gegensatz von Wahrheit und Lüge in den von Archiv
und Lüge überführt.
 Armin
Linke, G8 Summit, Genova, Italy, 2001 Courtesy
Klosterfelde, Berlin, © Armin Linke
Diese
These scheint Armin Linkes fotografisches Werk nun zu elaborieren,
differenzieren und kommentieren. Denn ihn interessiert das Archiv vor
allem in dem Gebrauch, der von ihm gemacht wird. Ohne Frage ist die
quellensichernde und quellenvergleichende Funktion eine seiner
wesentlichen Aufgaben. Darüber hinaus funktioniert das Archiv in Linkes
Installationen aber auch als Labor, in dem er selbst die Qualität seiner
Bilder noch einmal einer Prüfung unterzieht und jedes Bild für den Test
durch die Besucher freigibt. Dieser Test kann auf Wahrheitsfindung
abzielen, aber auch auf ästhetischen Genuss oder Zerstreuung, und nicht zu
leugnen, auch auf unkontrollierten, rauschhaften, kriterienlosen Konsum.
 Armin
Linke, The Holy Shrine of Imam Khomeini Tehran Iran Courtesy
Klosterfelde, Berlin, © Armin Linke
In
diesem Test wird vielleicht die Chronik des G 8 Gipfels rekonstruiert,
anderen Betrachtern genügt die melancholische Stadtansicht. Selbst der
großformatige Farbabzug des künstlichen Himmels, der sich blau und weit
über die Skipiste spannt, ist Experimentiermaterial, obwohl der Print -
dank Gursky , Struth
und anderer Becher-Schüler - das Foto ganz klar als Kunst kodiert.
Derridas Idee vom Archiv als Antipoden der Lüge trägt nur, so macht es
Armin Linkes Auseinandersetzung mit den Produktions-, Distributions- und
Rezeptionsbedingungen der Fotografie deutlich, wenn in ihm mehr als nur
die Tatsachenwahrheit, also auch Schönheit, Genuss oder Konsum, gesucht
wird.
 Armin
Linke, Grand Dixance dam Sion Switzerland Courtesy
Klosterfelde, Berlin, © Armin Linke
[1]
[2]
|