Die Appropriation-Künstler wie Prince oder Kruger
untersuchten die widersprüchlichen Botschaften, die sich hinter
massenmedialen Images verbergen, und hinterfragten die Geschlechterrollen
und Stereotypen der Warengesellschaft. Die boomende Hip-Hop-Bewegung rief
Protagonisten auf den Plan, die aus der Graffiti-Szene stammten: Keith
Haring, Jean-Michel
Basquiat, Futura 2000. Nan
Goldin fotografierte die Underground-Szene der Lower East Side. Noch
heute gelten die Zeiten von Studio 54, Mudd
Club, Danceteria
oder Performanceorten wie dem Kitchen
als Vorbild für eine Clubkultur, in der sich Hollywoodstars, Politiker,
Medienleute unter Künstler, Szeneberühmtheiten oder amüsierwütige
Vorortskids mischten.
Sänger Boy George (links) und Marilyn mit
Andy Warhol, 1985 Foto: Dave
Hogan/Hulton Archive/Getty Images, © Getty Images
Fans
wurden zu Stars, Stars wurden zu Fans. Warhols
legendäre Prognose, dass in Zukunft jeder für 15 Minuten berühmt sein
könnte, war scheinbar Realität geworden: Jenny Holzers Truisms
flackerten auf Leuchtbändern über den Times Square. Die
Jungen Wilden, die Künstler der Transavanguardia oder Malerfürsten wie Julian
Schnabel wurden in Lifestylemagazinen abgelichtet und in einem Zug mit
jungen europäischen Adeligen genannt, die ihre Kunst kauften und mit ihnen
ausgingen. Und mit Jeff Koons entstand ein neuer Prototyp des Künstlers
als Medienstar, der als Nachfolger von Dalí
und Warhol so glatt war wie die Oberflächen seiner rostfreien
Stahl-Bunnies.
 Futura
2000, Untitled, 1984, Sammlung
Deutsche Bank
Rückblickend wirken die
Bilder dieser Epoche wie Relikte einer romantischen und etwas naiven Zeit,
in der die Welt noch überschaubarer und "schräger" war, in der Grenzen
tatsächlich noch überschritten werden konnten. Tatsächlich aber läuteten
die frühen Achtziger das Ende der Subkultur ein. Mit dem Einzug der
Hausbesetzter, Musiker und Künstler in "Problemvierteln" beginnt dort die
Gentrifizierung: auf die kreative Avantgarde folgen Immobilienmakler. Und
während sich Diskotheken wie das legendäre Area zu Ausstellungshallen
transformierten, Graffitikünstler und Punkmusiker in Museen geholt wurden,
verwandelten sich Künstler und Szenestars zunehmend in Manager und
PR-Genies. Massiv beschleunigt wurde diese Kommerzialisierung des
"Underground" durch MTV, das auch die Zuschauer in der Provinz mit Bildern
und Trends versorgte, die bislang nur Eingeweihten zugänglich waren.
Celebrities wie Prinzessin Gloria
von Thurn und Taxis inszenieren sich als Society Punk – real
existierende Exemplare des postmodernen Menschen, der sich ehemals
subkulturelle Codes als modisches Accessoire aneignet, um sie nach kurzer
Zeit durch den nächsten Look zu ersetzen.
 Nan
Goldin, Kee in bed, E. Hampton, N.Y., 1988 Sammlung
Deutsche Bank
Zunehmend verlieren
Zeichen und Rollenbilder ihre Bedeutungen, es wächst die
Unübersichtlichkeit. Die Theorien des Postfeminismus stellen scheinbar
unangreifbare Kategorien wie männlich oder weiblich in Frage, definieren
sie als soziale und kulturelle Konstruktionen, die durch mediale
Repräsentation produziert werden. Und auch AIDS verändert die
gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität und Gender radikal. Das
massenhafte Sterben, das gerade auch in der Kunst- und Kulturszene
tausende Opfer fordert, führt zu heftigen Debatten. Ein Flut von Berichten
über erkrankte Stars wie Rock
Hudson oder Freddy
Mercury und das Outen von Prominenten, die ihre sexuelle Orientierung
hinter einer inszenierten Heterosexualität verbargen, zwang die
Öffentlichkeit dazu, sich mit dem Thema Homosexualität auseinander zu
setzten.
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Robert Mapplethorpe, Cross, aus
"Für Joseph Beuys", 1986, Sammlung
Deutsche Bank
Die AIDS-Katastrophe führte
auch zu einer verstärkten Politisierung der Kunst. In den Staaten herrscht
ein Kulturkrieg. Während die Reagan-Administration die Mittel für das
Gesundheitswesen streicht und zehntausende die teuren HIV-Medikamente
nicht bezahlen können, propagiert sie ultra-religiöse "Family-Values",
beschneidet Frauenrechte und diskriminiert Homosexuelle. Aktivisten
gründeten 1986 ACT UP, um die
untätigen staatlichen Behörden und die Pharmaindustrie massiv unter Druck
zu setzen. Dazu gehörten auch die "Guerilla Designer" von Gran
Fury mit ihren öffentlichen Aktionen. Die Gruppe operierte mit
ähnlichen Strategien wie Barbara Kruger. So verteilten sie im
Finanzdistrikt von Manhattan Geldscheine, die auf einer Seite Dollarnoten
glichen, auf der anderen aber mit aggressiven Slogans wie "White
Heterosexual Men Can't Get AIDS ... DON'T BANK ON IT" bedruckt waren.
 Keith
Haring, Untitled, 1983, © The Estate of Keith Haring, Sammlung
Deutsche Bank
Auch für David
Wojnarowicz spielte die Auseinandersetzung mit AIDS und der Situation
sexueller Minderheiten eine zentrale Rolle. In seinem Werk verbinden sich
Poesie und Polemik mit dem Verlangen, wahrgenommen zu werden, eine Stimme
zu haben. Wolfgang
Tillmans eröffnete 2006 seinen Kunstraum Between
Bridges mit einer Wojnarowicz-Ausstellung, denn die Haltung des 1992
an den Folgen von AIDS verstorbenen Künstlers ist für ihn nach wie vor
wichtig: "Schon seit langem habe ich das Gefühl, dass in der Kunstwelt
eine apolitische Haltung vorherrscht, obgleich gerade jetzt eine
politische Beteiligung dringend nötig wäre. Wir befinden uns heute in
exakt demselben Zustand wie damals. Aber vielleicht hat der Wohlstand der
Kunstwelt zu dieser merkwürdigen Abtrennung von der politischen Welt
geführt."
 Richard
Prince , Gwen Stefani, aus "all
the best", 2000 Sammlung
Deutsche Bank ©Richard Prince
Vielleicht
war es in den Achtzigern aber auch noch leichter, Position zu beziehen als
in der globalisierten, unübersichtlichen Welt der Gegenwart. Diese Dekade
erscheint heute als schizophrene Ära, die sich zwischen Aktivismus und
cooler Gleichgültigkeit, Malerei und Appropriation, Punk und Disco,
Schulterpolstern und schmalen Krawatten, Hedonismus und Tod hin und her
bewegt. Der damalige Abschied vom Projekt Moderne bedeutete auch das Ende
der großen Erzählungen, die uns die Welt erklären. Anything goes, das
Leitmotiv der Gegenwartskultur, basiert auf Phänomenen, die in den
Achtzigern zum Teil der Massenkultur wurden – dem Nebeneinander von
Stilen, die Aneignung und Neukombination unterschiedlichster Zeichen und
Einflüsse. Das Internet ermöglicht mittlerweile den Zugang zu einem schier
unerschöpflichen Reservoir von Bildern und Tönen, die gesampelt,
bearbeitet und neu kombiniert werden können. Zwar hat Photoshop längst
Fotokopierer abgelöst, aber das Prinzip bleibt seit den Achtzigern das
gleiche: copy & paste.
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