In dieser Ausgabe:
>> Re-Reading the 80s
>> Tim Rollins & K.O.S.
>> Barbara Kruger
>> Interview Rainer Fetting

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Die Appropriation-Künstler wie Prince oder Kruger untersuchten die widersprüchlichen Botschaften, die sich hinter massenmedialen Images verbergen, und hinterfragten die Geschlechterrollen und Stereotypen der Warengesellschaft. Die boomende Hip-Hop-Bewegung rief Protagonisten auf den Plan, die aus der Graffiti-Szene stammten: Keith Haring, Jean-Michel Basquiat, Futura 2000. Nan Goldin fotografierte die Underground-Szene der Lower East Side. Noch heute gelten die Zeiten von Studio 54, Mudd Club, Danceteria oder Performanceorten wie dem Kitchen als Vorbild für eine Clubkultur, in der sich Hollywoodstars, Politiker, Medienleute unter Künstler, Szeneberühmtheiten oder amüsierwütige Vorortskids mischten.


Sänger Boy George (links) und Marilyn mit Andy Warhol, 1985
Foto: Dave Hogan/Hulton Archive/Getty Images, © Getty Images



Fans wurden zu Stars, Stars wurden zu Fans. Warhols legendäre Prognose, dass in Zukunft jeder für 15 Minuten berühmt sein könnte, war scheinbar Realität geworden: Jenny Holzers Truisms flackerten auf Leuchtbändern über den Times Square. Die Jungen Wilden, die Künstler der Transavanguardia oder Malerfürsten wie Julian Schnabel wurden in Lifestylemagazinen abgelichtet und in einem Zug mit jungen europäischen Adeligen genannt, die ihre Kunst kauften und mit ihnen ausgingen. Und mit Jeff Koons entstand ein neuer Prototyp des Künstlers als Medienstar, der als Nachfolger von Dalí und Warhol so glatt war wie die Oberflächen seiner rostfreien Stahl-Bunnies.



Futura 2000, Untitled, 1984,
Sammlung Deutsche Bank


Rückblickend wirken die Bilder dieser Epoche wie Relikte einer romantischen und etwas naiven Zeit, in der die Welt noch überschaubarer und "schräger" war, in der Grenzen tatsächlich noch überschritten werden konnten. Tatsächlich aber läuteten die frühen Achtziger das Ende der Subkultur ein. Mit dem Einzug der Hausbesetzter, Musiker und Künstler in "Problemvierteln" beginnt dort die Gentrifizierung: auf die kreative Avantgarde folgen Immobilienmakler. Und während sich Diskotheken wie das legendäre Area zu Ausstellungshallen transformierten, Graffitikünstler und Punkmusiker in Museen geholt wurden, verwandelten sich Künstler und Szenestars zunehmend in Manager und PR-Genies. Massiv beschleunigt wurde diese Kommerzialisierung des "Underground" durch MTV, das auch die Zuschauer in der Provinz mit Bildern und Trends versorgte, die bislang nur Eingeweihten zugänglich waren. Celebrities wie Prinzessin Gloria von Thurn und Taxis inszenieren sich als Society Punk – real existierende Exemplare des postmodernen Menschen, der sich ehemals subkulturelle Codes als modisches Accessoire aneignet, um sie nach kurzer Zeit durch den nächsten Look zu ersetzen.




Nan Goldin, Kee in bed, E. Hampton, N.Y., 1988
Sammlung Deutsche Bank



Zunehmend verlieren Zeichen und Rollenbilder ihre Bedeutungen, es wächst die Unübersichtlichkeit. Die Theorien des Postfeminismus stellen scheinbar unangreifbare Kategorien wie männlich oder weiblich in Frage, definieren sie als soziale und kulturelle Konstruktionen, die durch mediale Repräsentation produziert werden. Und auch AIDS verändert die gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität und Gender radikal. Das massenhafte Sterben, das gerade auch in der Kunst- und Kulturszene tausende Opfer fordert, führt zu heftigen Debatten. Ein Flut von Berichten über erkrankte Stars wie Rock Hudson oder Freddy Mercury und das Outen von Prominenten, die ihre sexuelle Orientierung hinter einer inszenierten Heterosexualität verbargen, zwang die Öffentlichkeit dazu, sich mit dem Thema Homosexualität auseinander zu setzten.


Robert Mapplethorpe, Cross,
aus "Für Joseph Beuys", 1986,
Sammlung Deutsche Bank

Die AIDS-Katastrophe führte auch zu einer verstärkten Politisierung der Kunst. In den Staaten herrscht ein Kulturkrieg. Während die Reagan-Administration die Mittel für das Gesundheitswesen streicht und zehntausende die teuren HIV-Medikamente nicht bezahlen können, propagiert sie ultra-religiöse "Family-Values", beschneidet Frauenrechte und diskriminiert Homosexuelle. Aktivisten gründeten 1986 ACT UP, um die untätigen staatlichen Behörden und die Pharmaindustrie massiv unter Druck zu setzen. Dazu gehörten auch die "Guerilla Designer" von Gran Fury mit ihren öffentlichen Aktionen. Die Gruppe operierte mit ähnlichen Strategien wie Barbara Kruger. So verteilten sie im Finanzdistrikt von Manhattan Geldscheine, die auf einer Seite Dollarnoten glichen, auf der anderen aber mit aggressiven Slogans wie "White Heterosexual Men Can't Get AIDS ... DON'T BANK ON IT" bedruckt waren.



Keith Haring, Untitled, 1983, © The Estate of Keith Haring,
Sammlung Deutsche Bank


Auch für David Wojnarowicz spielte die Auseinandersetzung mit AIDS und der Situation sexueller Minderheiten eine zentrale Rolle. In seinem Werk verbinden sich Poesie und Polemik mit dem Verlangen, wahrgenommen zu werden, eine Stimme zu haben. Wolfgang Tillmans eröffnete 2006 seinen Kunstraum Between Bridges mit einer Wojnarowicz-Ausstellung, denn die Haltung des 1992 an den Folgen von AIDS verstorbenen Künstlers ist für ihn nach wie vor wichtig: "Schon seit langem habe ich das Gefühl, dass in der Kunstwelt eine apolitische Haltung vorherrscht, obgleich gerade jetzt eine politische Beteiligung dringend nötig wäre. Wir befinden uns heute in exakt demselben Zustand wie damals. Aber vielleicht hat der Wohlstand der Kunstwelt zu dieser merkwürdigen Abtrennung von der politischen Welt geführt."



Richard Prince , Gwen Stefani,
aus "all the best", 2000
Sammlung Deutsche Bank
©Richard Prince


Vielleicht war es in den Achtzigern aber auch noch leichter, Position zu beziehen als in der globalisierten, unübersichtlichen Welt der Gegenwart. Diese Dekade erscheint heute als schizophrene Ära, die sich zwischen Aktivismus und cooler Gleichgültigkeit, Malerei und Appropriation, Punk und Disco, Schulterpolstern und schmalen Krawatten, Hedonismus und Tod hin und her bewegt. Der damalige Abschied vom Projekt Moderne bedeutete auch das Ende der großen Erzählungen, die uns die Welt erklären. Anything goes, das Leitmotiv der Gegenwartskultur, basiert auf Phänomenen, die in den Achtzigern zum Teil der Massenkultur wurden – dem Nebeneinander von Stilen, die Aneignung und Neukombination unterschiedlichster Zeichen und Einflüsse. Das Internet ermöglicht mittlerweile den Zugang zu einem schier unerschöpflichen Reservoir von Bildern und Tönen, die gesampelt, bearbeitet und neu kombiniert werden können. Zwar hat Photoshop längst Fotokopierer abgelöst, aber das Prinzip bleibt seit den Achtzigern das gleiche: copy & paste.

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