Sie haben mal gesagt: "Ich mache keine Kunst, ich mache
Kunstgeschichte".
Auf der
Kunsthochschule konnte ich Kollegen nicht ernst nehmen, die ihren
Professoren nacheiferten, Studenten, die malten, was damals in Mode war, Beuys
oder Cy Twombly zum
Beispiel. Ich wollte etwas machen, das neu ist, was einschlägt, etwas
Eigenständiges, und etwas, das die Zeit reflektiert. Kunstgeschichte eben.
Hatten
Sie keine Idole? Kirchner und
die Maler der Künstlergruppe Die
Brücke vielleicht? Van Gogh, den Sie immer wieder malten?
Natürlich
waren die Brücke-Künstler völlig wichtig. Mich interessierte der
Expressionismus durch die gesamte Kunstgeschichte - Velasquez,
Goya , El
Greco, van Gogh, Picasso
- bis hin zum Abstrakten Expressionismus der New York School und Andy
Warhol. Was bei den Amerikanern abstrakt war, wollte ich mit meiner
Malerei wieder gegenständlich machen. Mark
Rothko und Willem
de Kooning waren für mich total wichtig, und meine Bilder sind durch
diese Malerei hindurchgegangen.
 Rainer
Fetting,
Van Gogh Gauguin - Rückkehr der Giganten, 1980, Sammlung
Deutsche Bank
Haben Sie das Gefühl, bei
den jüngeren Malern geht heute etwas weiter?
Das
kann ich nicht beurteilen. Ich fand jetzt die Ausstellung
von Peter Doig in
London malerisch ganz interessant. Es gibt in den Bildern eine spookige
Atmosphäre. Energie sehe ich zum Beispiel auch bei Norbert
Bisky, dessen Bildauffassung aber in eine andere Richtung geht. Doch
dem traue ich noch was zu.
Der Kunstmarkt hat sich verändert …
Das
weiß ich nicht. Hysterisch war der Kunstmarkt damals auch. Als ich zu
Erfolg kam, da wurden auch ständig neue Künstler etabliert. Es gibt immer
Widerstände, gegen die man sich geistige und finanzielle Freiheit
erkämpfen muss. Als Künstler steht man ständig im Konflikt zwischen dem
inneren Ausdruckswillen und dem gewohnt Erfolgreichen, was die Galerie
abfragt. Weigert man sich oder macht man mit? Geld braucht man ja auch, um
sich künstlerisch weiterzuentwickeln und unabhängiger zu werden. Ich
erinnere mich aber nicht daran, wirklich Kompromisse gemacht zu haben.
Deshalb hatte ich auch oft genug Schwierigkeiten mit Galeristen in meiner
Laufbahn.
Wie wurden Sie entdeckt?
1979 muss das
gewesen sein. Ich stand an der Bushaltestelle auf dem Weg zum Arbeitsamt,
als Salomé mir Bescheid gab, dass Heiner
Bastian mit dem Schweizer Sammler Thomas
Ammann in die Galerie am Moritzplatz kommt. Ammann war ganz aufgelöst
und hüpfte fröhlich im Kreis herum. Er kaufte auf einen Schlag vier
Bilder. Später wurde Bastian mein Manager und hat mich an internationale
Galerien vermittelt. Warteschlangen gab es damals noch nicht. Meine Bilder
verkauften sich, glaube ich, eher schwer.
 Vorbereitung
zur ersten Ausstellung
"Figur und Portrait" in
der Galerie am Moritzplatz, 1978 ©Rainer
Fetting
Doch plötzlich waren Sie ein
berühmter Maler. Sie haben in Wilhelmshaven, wo sie geboren wurden, eine
Ausbildung zum Tischler gemacht. Lag da die Bildhauerei nicht näher?
Die
Bildhauerei gab es erst später. Am Anfang stand die Faszination für das
Bild.
Warum sind Sie 1983 nach New York gezogen?
Ich
war deprimiert in Berlin: Wir Künstler trafen uns stets an denselben
Orten, im Exil
oder im Dschungel,
und überall sah man die gleichen Leute. Der alte Freundeskreis ging
kaputt. Mit dem Erfolg kam viel Neid ins Spiel. Ich war zwar der letzte,
der in einer Galerie unterkam, dann aber war ich bei den Top-Galeristen
untergebracht. Nach einer Konzerttournee inklusive
Gemeinschaftsausstellung mit Salomé und Castelli in Frankreich hatte ich
dann Alkohol- und Drogenprobleme und war ziemlich fertig.
 Rainer
Fetting, NY Kids, 2003 Courtesy
Galerie Deschler, Berlin, ©Rainer
Fetting/V.G. Bild-Kunst
Und in
New York standen Sie plötzlich ohne Galerie da. Warum?
Bevor
ich nach New York ging, hatte ich Ausstellungen bei den großen Galeristen:
Bruno Bischofberger, Mary Boone, Anthony d'Offay und noch mehr kamen
hinzu. Damals gab es viel Stress und Bedrängnis, was besonders für einen
Jungkünstler schwierig ist. Die Zeit überschlug sich, ständig wurden neue
Talente ausgehoben, andere wurden übervorteilt, ich fühlte mich
zurückgesetzt, und traf dann entsprechende Entscheidungen. Schließlich
stand ich dann ohne Galerie da.
In Amerika
kannten Sie erstmal niemanden?
Doch, dort
besuchten mich einige einheimische Künstler, besonders Graffitimaler. Ich
hatte aber kaum noch Interesse an Malerkontakten. Nur auf ein
Gemeinschaftsprojekt ließ ich mich ein, mit dem Graffitimaler Daze. Die
ersten Bilder, die ich in New York malte, Arbeiten wie "The New York
Painter", sieht man den Graffitieinfluss an.
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Rainer Fetting, Desmond and Ginger, 1999, Sammlung
Deutsche Bank
Sie fanden in der neuen
Stadt neue Motive, die gelben Taxis, die U-Bahnen …
Das
war später. Ganz wichtig: Ich lernte Desmond kennen, der mir bis heute
Modell steht. New York war was ganz anderes als das am Ende sehr biedere,
spießige Berlin. Es war damals aufregend, New York zu entdecken: die
Schwulenszene, die abenteuerliche Stadtlandschaft mit den Piers, und
draußen vor dem Fenster streunten herrenlose Hunde rum. New York hatte
etwas Unbehaustes. Es war wie in der Wildnis. Ich begann, Wölfe zu malen.
Dazu kamen die Bilder der verlassenen Piers und die Holzbilder-Serie, für
die ich das Holz von den Piers verwendete.
 Rainer
Fetting, Iron Man, 1983, Sammlung
Deutsche Bank
Schwules Begehren drückt
sich in Ihrer Kunst aus, in den Männerakten, in den Duschbildern.
Meine
Bilder sind aus der Faszination für Malerei entstanden. Dabei habe ich
mein Umfeld sowie Geschichte für meine eigene Malerei genutzt. Da mich der
männliche Körper auch erotisch fasziniert, ist er selbstverständlich in
die Bilder mit eingegangen.
Nach dem Fall der Mauer, gingen Sie
nach Berlin zurück. Die 80er waren nicht nur kalendarisch, sondern auch
als Lebensgefühl vorbei.
Auch New York war nicht mehr das,
was es vorher war. Es wurde bürgerlicher und aufgeräumter. Ich hatte das
Glück, immer dort gewesen zu sein, wo es aufregend war und Umbrüche
stattfanden.
 Rainer
Fetting, Südstern, 1989 Courtesy
Galerie Deschler, Berlin, ©Rainer
Fetting/V.G. Bild-Kunst
Die Mauer
faszinierte Sie: Sie taucht auf vielen Ihrer Bildern von Ihnen auf.
Ich
wollte Mitte der 70er Jahre nach Berlin, weg aus dem spießigen
Westdeutschland. Die Mauer war ein Teil des Lebens in Berlin gewesen,
zumal, wenn man gleich um die Ecke wohnte. So wie ich sie gemalt hatte,
war es damals ein Tabu und verpönt.
Sie lebten in den 80ern
im Bezirk Kreuzberg, und der war durch und durch politisiert. Es war die
große Zeit des Häuserkampfs.
Wir Maler waren schon
alt eingesessene Kreuzberger, als die Hausbesetzer alle frisch aus
Westdeutschland zur Randale anreisten. Die wohnten gegenüber, als
Bischofberger mit seiner Limousine bei mir in der Oranienstraße vorfuhr.
Da hatte ich natürlich Angst. Die kamen von außerhalb und verbreiteten
Terror.
Alles in allem klingt es nicht so, als würden sie die
80er vermissen.
Es gab viel Kampf und Neid und Existenzängste,
aber im Rückblick stellt sich das alles eher als aufregende Zeit dar. Es
war eine kreative Atmosphäre. Wir alle hatten Glück, dass wir keinen Krieg
erleben mussten.
 Rainer
Fetting, Jungen am Meer (Sylt), 2007 Courtesy
Galerie Deschler, Berlin, ©Rainer
Fetting/V.G. Bild-Kunst
Sind Sie es leid,
so häufig mit Ihren Anfängen am Moritzplatz in Verbindung gebracht zu
werden?
Nein, da ich in der Zeit wichtige Bilder malte. Leid
bin ich falsches Mitgefühl, das eine wirkliche Beschäftigung mit meiner
Arbeit nicht ersetzen kann.
Sind Sie verbittert?
Vor
allem bin ich besonders stolz auf das, was ich auf die Beine gestellt habe
und das auch in den ganzen Zeiten nach dem Moritzplatz. Leider ist meine
Arbeit wohl nicht genügend bekannt. Um dem abzuhelfen gebe ich mir
weiterhin Mühe, die Lücken zu schließen und meine Arbeiten noch
zugänglicher zu machen.
 Rainer
Fetting, Selbstportrait, 1985, Sammlung
Deutsche Bank
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