Gavin Turk, Bag 12, 2001 ©
the artist Photo: Stephen White Courtesy
Jay Jopling/ White Cube (London)
Obwohl
diese Arbeiten als Hommage konzipiert sind, können sie also auch als
Abstraktionen betrachtet werden?
Es gibt dieses Nehmen und
Geben. Natürlich sind diese Arbeiten kraftvolle Zeugnisse einer Aktion,
gleichzeitig sind sie aber auch irgendwie second hand. Es ist sowieso
immer heikel, abstrakte Gemälde zu betrachten, aber wenn es halbe Plagiate
eines anderen abstrakten Malstils sind, dann ist ihre Sprache plötzlich
eben nicht mehr abstrakt. Im Augenblick arbeite ich an einem silbernen
Ballon aus Edelstahl, der vielleicht an der Decke hängen wird. Ich bin
fast durch mit Warhol.
Sie haben sich an Warhol abgearbeitet…
Fast,
und mit den Müllsäcken bin ich auch durch, obwohl ich gerade noch an einer
Edition von acht weiteren Bronzeskulpturen arbeite. Es wird dann eine
ganze Menge dieser Arbeiten in verschiedenen Ausführungen geben – von
Drucken und Aquarellen bis zu Skulpturen. Aber sie gehen ja auch immer
sehr schnell weg. Die Müllsackskulpturen funktionieren in Museen wie in
Privatsammlungen. Einmal habe ich einen Haufen von sechs Stück gemacht.
Danach wollte ich einen noch größeren aus dreißig Tüten machen, aber die
Finanzierung hat nicht geklappt. Sie kommen oft in zwei oder drei Teilen
aus der Gießerei und jede kleine Falte in den Tüten muss geglättet und
poliert werden. Dann werden sie mit schwarzer Farbe besprüht. Die Henkel
werden getrennt gegossen und später hinzugefügt.
Ich habe
diese Tüten immer als anti-menschliche Porträts betrachtet, und so bin ich
auch auf die Idee für ein Bild der Anti-Natur gekommen. Es wird ein
erloschenes Lagerfeuer, das Kinder in einer Stadtlandschaft gemacht haben,
umgeben von Ziegeln und Steinen. Das möchte ich in Bronze gießen und
bemalen. Die Szenerie wird sehr gespenstisch wirken, so als ob alle
plötzlich die Stadt verlassen hätten, oder als ob jemand Teile der
Institution oder der Galerie zusammengesammelt hätte und daraus in der
Mitte des Raums ein Feuer entfacht.
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Gavin Turk, Bag soup, 2006 Sammlung
Deutsche Bank Courtesy
Galerie Krinzinger, Wien
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Das erinnert mich an Ihre Arbeit Dumb Candle, mit
der Sie letztes Jahr den Preis der Royal Academy gewonnen haben.
Ja,
das ist auch wieder eine Sache, die sich für mich total erschöpft hat. Die
Kerze war seltsam, denn ich wollte sie in Bronze machen, dachte aber, das
wäre etwas langweilig und man könne den Glanz des Wachses nie mit Farbe
herstellen. Dann dachte ich, sie sollte vielleicht geschnitzt werden. Ich
fand dann einen Besenstiel mit einigen Farbspritzern und einem
abgerundeten Ende. Der war perfekt. Jetzt stehe ich ziemlich auf Holz.
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Gavin Turk, Dumb Candle 2007, Courtesy
the artist
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Das sieht man. Was ist denn das für ein elegant bemaltes
Holzschild mit ihrem Namen, das dort an der Wand hängt?
Diese
Arbeit heißt Relations und stammt aus einem Projekt, das mich
gerade beschäftigt. Meine ursprüngliche Idee war die Auseinandersetzung
mit Großbritannien als einer Nation von Ladenbesitzern oder die Trauer
über den Tod all der kleinen Geschäfte – irgendetwas in dieser Richtung.
Und dann ist der Name auf dem Schild – genau wie meine Signatur – auch
gleichzeitig eine Marke. So ein liebevoll gemachtes Schild soll ja
garantieren, dass der Laden ebenso nette, liebevoll gemachte Produkte
verkauft. Wie in Japan: je besser die Plastikreproduktionen im
Restaurantfenster, desto besser sind die Sushi.
Der eitle Aspekt
des Titels der Arbeit ist, dass dieses Schild vom Laden meines
Ur-Ur-Großvaters stammt. Ich habe das Schild und sogar auch seinen Namen
geerbt. Vielleicht haben mir die Großartigkeit und der Erfolg seines
Geschäfts dabei geholfen, diese bourgeoise Flaneur-Existenz eines
Künstlers zu führen. Das Konzept ist nicht allzu weit von dem meiner
blauen Cave-Plakette entfernt, aber es gibt noch diesen Hinweis auf das
alte Familiengeschäft, auf den Kreislauf des Lebens und dieses sehr
persönliche Artefakt, das für das Fundament meiner Familie steht.
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Gavin Turk, Relations, 2008, Courtesy the
artist
Über diese Arbeit dort –
den Wachsoldat der Königin in seinem Schilderhaus – habe ich einige
Gerüchte gehört. Während der letzten Frieze Art Fair wäre er guerillamäßig
plötzlich überall in London aufgetaucht.
Sie heißt Somebody's
Son und wir haben sie vor dem Royal Institute of British Architects
(RIBA), wo ganz in der Nähe das Frieze Dinner stattfand, und dann vor der
White Cube Galerie aufgestellt. Er kommt mit seiner Box, trägt seinen
schwarzen Hut und hält in einer Hand sein Gewehr. Für mich ist die Arbeit
eng mit denen von Magritte oder den
Surrealisten verbunden – vertraute Objekte oder Figuren zu nehmen und sie
in einen neuen Zusammenhang zu stellen, um darauf aufmerksam zu machen,
dass man die Realität in Frage stellen kann. Der Soldat bezieht sich
natürlich auch auf meine anderen Wachsfiguren wie Pop (Turk im
Sid-Vicious-Look in der Pose von Warhols Elvis), den Skulpturen der Serie Bum
(Turk als Obdachloser) oder Che Gavara (Turk als der kubanische
Revolutionär) – all diese Figuren beziehen sich aufeinander. Für mich
resultiert eine Arbeit aus der anderen.
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Gavin Turk, Somebody's Son, 2007, Courtesy
the artist
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Sie tauchen überall in Ihren Arbeiten auf – als Puppe,
auf ihren Gemälden, in Ihren neuen Piss Paintings.
Für
mich ist es einfacher Stereotypen darzustellen, indem ich mich selbst in
diese Rollen begebe. Genau wie das, was du vorher gemacht hast, die Dinge
beeinflusst, an denen du gerade arbeitest, so beeinflusst auch die Kultur,
die dich dabei umgibt, die Art wie deine Kunst dann später allgemein
wahrgenommen wird. Auch die Tatsache, dass ich ein weißer, männlicher,
angelsächsischer Protestant bin, wird zu einem Filter, durch den meine
Kunst betrachtet wird. Das versuche ich bewusst in meine Arbeit einzubauen.
 Gaving
Turk, Camouflage Fright Wig
Silver and Orange on Taupe', 2007, courtesy
artist and Paul Stolper Gallery
Hier
in Ihrem Atelier ist eine Menge los und Sie haben viele Assistenten.
Betreiben Sie die Kunst wie ein Geschäft?
Wenn es zu
gewerblich und professionell wird, hat ein Teil von mir etwas Angst davor.
Manchmal fühle ich mich von meiner Galerie White Cube ein bisschen
entfremdet, weil sich das für mich alles zu glatt und zu erfolgreich
anfühlt. Ich denke, es hat immer zur Rolle des Künstlers gehört, gegen
diese Dinge zu sein.
Ich hatte zum Neuen Jahr den Vorsatz, nicht
mehr über die finanziellen Aspekte der Kunst zu sprechen, aber das kann
eigentlich nicht funktionieren. Man kann das eine nicht vom anderen
trennen. Ich setze mich mit diesen Themen in meinen Arbeiten auseinander.
Wenn sich so eine Arbeit dann aber gut auf dem Markt verkauft, ist das ein
bisschen beunruhigend. Das bedeutet, dass du deine rechtschaffene Position
verlierst, und das kann dein Projekt ziemlich zynisch erscheinen lassen.
Ich denke, dass meine Arbeit Ironie und vielleicht auch Zynismus
ausdrückt, in jedem Fall aber entsteht sie in einem relativ reinen
Prozess.
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Gavin Turk, Alchemical Can, 2005 Courtesy
Galerie Krinzinger, Wien
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