Erlesener Eklektizismus: Karen Kilimnik
Rokoko
meets Swinging Sixties: Kilimniks Kunst beschwört Gefühle von Nostalgie
und Dekadenz. In ihren Arbeiten erschafft die amerikanische Künstlerin
idealisierte Bilder vergangener Zeiten, um sie sofort wieder zu
demontieren. Tim Ackermann unternimmt einen Streifzug durch
Kilimniks doppelbödige Wunschwelten.
 Karen
Kilimnik, Winter in Kiev, 2002 Courtesy
Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London
"Man
sollte Anteil nehmen an der Freude, der Schönheit, der Farbigkeit des
Lebens. Je weniger man von den Schattenseiten des Lebens spürt, desto
besser." Es scheint, dass die Worte von Lord Illingworth aus Oscar
Wildes Fin-de-siècle-Drama Eine
Frau ohne Bedeutung eine Reise durch die Zeit angetreten und sich
in Karen
Kilimniks Kunst manifestiert haben. Für den Dandy Oscar Wilde war
Schönheit gleichbedeutend mit Genialität, und auch Kilimnik setzt in ihren
Arbeiten der Schönheit des Lebens ein Denkmal.
 Karen
Kilimnik, Ausstellungsansicht
Galerie Sprüth Magers, London, 2007 Courtesy
Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London
Sie
malt prunkvolle Landsitze in üppigen Parks, eine Kutsche mit violettem
Federschmuck, die Londons Prachtstraße The Mall
herunterklappert oder eine 5-Uhr-Tee-Zeremonie im gediegenen Ambiente
eines britischen Hotels. Ein Hauch von dolce far niente durchwehte
auch Kilimniks Ausstellung in der Londoner Galerie
Sprüth Magers im Sommer 2007, als sie ihre Bilder auf
rosagestreifte Wände hängte, die frappierend an die Umkleidezelte am
Strand des Lido zur vorletzten Jahrhundertwende erinnerten.
 Karen
Kilimnik, The Snow Queen's sleigh, 2007 Courtesy
Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London
In
einer weiteren Ausstellung bei Sprüth Magers in Köln zeigte Kilimnik
kürzlich die Fotoarbeit The
Snow Queen's Sleigh: das Bild eines Winterwaldes, in dem ein
glitzernder, mit Geschenken beladener Schlitten steht. In den
Galerieräumen hatte Kilimnik zudem als Installation einen verschneiten
Birkenwald aufgebaut. Allerdings fehlte hier der märchenhafte Schlitten -
die Leerstelle blieb als Zeichen für das Verlangen nach einer romantischen
Überhöhung des Lebens, das in diesem Fall nicht gestillt werden kann. Zwei
Plüschtiere, ein Polarfuchs und ein Uhu, traten vielmehr als stumme Zeugen
einer theatralisch inszenierten "Realität" auf. Gleichsam suggerierten
über Lautsprecher abgespielte Waldgeräusche ein irritierendes Gefühl von
authentischer Naturerfahrung.
 Karen
Kilimnik, Ausstellungsansicht
Galerie Sprüth Magers, Köln, 2007 Courtesy
Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London
Karen
Kilimnik betreibt in ihrer Kunst ein doppelbödiges Spiel und ist doch
trotzdem stets darauf bedacht, ihr Publikum in ein möglichst stimmiges
Geflecht von Sinneseindrücken einzuspinnen. Bekannt wurde die
amerikanische Künstlerin Anfang der Neunziger mit Installationen, die
Kritiker in die Schublade Scatter
Art steckten. Dabei übersahen die Rezensenten allerdings, dass die
scheinbar chaotischen Arrangements einer minutiösen Dramaturgie folgten.
Bereits mit ihrer Arbeit The Hellfire Club Episode of the Avengers
von 1989 hatte sie ihre Stilsicherheit bewiesen, indem sie
Schwarz-Weiß-Kopien von Bildern aus der Fernsehserie Mit
Schirm, Charme und Melone (im englischen Original: The Avengers)
mit goldenen Bilderrahmen, Kerzenleuchtern und einem Soundtrack
kombinierte, der Choräle aus dem 18. Jahrhundert sowie Popsongs von Madonna,
Like a Prayer, und den Pet
Shop Boys, It's a Sin, umfasste.
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Karen Kilimnik, Ausstellungsansicht
Galerie Sprüth Magers, London, 2007 Courtesy
Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London
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Der Titel von Kilimniks Arbeit ist eine durchaus wörtliche
Referenz an eine Folge der Avengers-Serie, in der die beiden Agenten John
Steed und Emma Peel eine mysteriöse Geheimgesellschaft unschädlich machen.
Darüber hinaus erzählt die Installation allerdings durch weitere Verweise
noch eine komplexere Geschichte: Der "Hellfire
Club" war eine exklusive Vereinigung in der Mitte des 18.
Jahrhunderts, deren meist adelige Mitglieder sich zu sexuellen
Ausschweifungen trafen und dabei möglicherweise auch schwarze Messen
zelebrierten. Diese merkwürdige Dichotomie von Hedonismus und religiöser
Unterwerfung wird in Kilimniks Kunstwerk durch die ausgewählten Popsongs
in die Gegenwart getragen.
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Karen Kilimnik, What the Hell, 1990, Sammlung
Deutsche Bank
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In späteren Installationen beschäftigte sich die Künstlerin
mit noch düsteren Aspekten des Lebens wie Drogenkonsum oder dem Amoklauf
einer Schülerin, bevor sie sich dann ab Mitte der Neunziger verstärkt der
Malerei widmete. Auch hier beweist sie nun einen erlesenen Eklektizismus:
Sie malt Porträts, romantische Landschaften, Märchenszenen oder
Impressionen aus dem Ballett. Karen Kilimnik ist Jahrgang 1952 - doch
gelegentlich scheint es, als wolle sie sich in die schwärmerische
Gedankenwelt eines Mädchens hineinfühlen, nur um diese konsequent auf die
Leinwand zu übertragen. Gehören im Vorschulalter noch Märchenprinzessinnen
zu den verehrten Idolen, sind es schon ein paar Jahre später die Popstars,
denen das Herz zufliegt. Folgerichtig widmet Kilimnik auch diesen modernen
"Prinzen" und "Prinzessinnen" Kunstwerke. So hat sie 1991 bereits in Madonna
and Backdraft in Nice die Stimmung nach einem Konzert der Popsängerin
als Installation beschrieben: Die Bühne ist verlassen, auf dem Boden
liegen nur noch Bierdosen, Plastikbecher und anderer Müll.
 Karen
Kilimnik, The 1700's - Dinner Soirée, 2000 Courtesy
Sprüth Magers, Köln, München, London
Rokoko
meets Swinging Sixties und Hollywoodkino: Manchmal vermischen sich bei
Kilimnik die einzelnen Fantasien zu ganz neuen Visionen. Sie malt dann
Schauspieler Leonardo DiCaprio
als Prince
Charming mit Musketier-Hut und die Klatschspaltenblondine Paris
Hilton als Marie Antoinette.
Die Künstlerin nutzt den Status der Celebrities als Brückenschlag zwischen
den Jahrhunderten und zeigt, wie wenig sich doch Heldenrollen im Laufe der
Zeit geändert haben.
 Karen
Kilimnik, Planning the Attack of
Malta, the Mastermind, 2001 Courtesy
Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London
Kilimnik
hinterfragt nun diese Rollen, indem sie etwa DiCaprio in einem grellen,
schräg von der Seite einfallenden Licht malt, dass den Teint des Gesichts
und die Farbe eines seiner Augen verändert. So bekommt das Bild Dramatik;
und die körperliche Unversehrtheit des Schauspielers scheint bedroht. Die
Entscheidung, Paris Hilton als französische Königin zu malen, erinnert
dagegen frappierend an Sofia
Coppolas Kostümfilm Marie
Antoinette, der die Protagonisten als argloses Blondchen in einem
Luxustraum zwischen Sahnetorten und Schnallenschuhen zeigt.
Wenn
Kilimnik in solchen Bildern kritische Töne anklingen lässt, so sollte das
nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ihre Motive stets mit großer
Zärtlichkeit behandelt. Das hat sie mit Elizabeth
Peyton oder David
Hockney gemein. Die Perspektive, die Kilimnik beim Malen einnimmt,
erinnert an die eines Fans, der seinem verehrten Idol näher kommen will.
Als sei die Porträtmalerei nichts weiter als eine altertümliche Variante
des Bravo-Starschnitts.
 Karen
Kilimnik, Rudolph Appearing on
Stage in 1999 for Christmas, 1999 Courtesy
Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London
Kilimniks
schwelgerische, gelegentlich fast kitschige Bildwelten können leicht als
reaktionär missverstanden werden. Als eine Flucht in eine vormoderne und
vermeintlich bessere Zeit. In der Romantik haben Künstler aus genau diesem
Fluchttrieb heraus, wunderbar dramatische Werke geschaffen. Auch Kilimniks
Kunst handelt von einer Sehnsucht. Ihre Bilder erinnern an einen berühmten
Ausspruch des Schriftstellers Henry
James, der einst erklärte, dass "Sommer" und "Nachmittag" für ihn die
zwei schönsten Worte der englischen Sprache seien. Es scheint, als trauere
die Künstlerin einem distinguiert-dekadenten Lebensgefühl der Oberschicht
hinterher, das heute immer mehr in Vergessenheit gerät.
 Karen
Kilimnik, Salzburg, Ausstellungsansicht
Galerie Sprüht Magers Lee, Salzburg, 2004 Courtesy
Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London
Man
darf vermuten, dass für die Künstlerin ein kleiner Wunschtraum in
Erfüllung ging, als sie während der Venedig-Biennale
2005 eine Ausstellung im Palazzo Tito einrichten durfte. Kilimnik nahm das
gediegene Ambiente der Räume aus dem 18. Jahrhundert mit ihren
Parkettböden und Kristallleuchtern auf und verstärkte es noch, indem sie
nicht nur ihre Bilder sondern auch einige Spiegel und eigens ausgewählte
Mustertapeten an der Wand drapierte und die Fenster mit einem kostbaren
Vorhang betonte. Die Grenze zwischen Kunst und Ausstellungsraum, zwischen
Illusion und Wirklichkeit, wurde so bis zur Unkenntlichkeit verwischt.
Kleine Irritationsmomente gab es trotzdem: In einigen Ecken hatte sie
Nester installiert, über Lautsprecher erklang Vogelgezwitscher durch die
Räume. Hatte die Natur den Palazzo zurückerobert?
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