In dieser Ausgabe:
>> Stan Douglas im Interview
>> Karen Kilimnik
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Karen Kilimnik, Patti Boyd Possibly in Black Wig, 2000,
Sammlung Deutsche Bank

Ein solch verwirrtes Innehalten gehört durchaus zu den typischen Erfahrungen bei der Begegnung mit Kilimniks Arbeiten. Die Künstlerin erschafft ein idealisiertes Bild, nur um es einen Augenblick später wieder zu brechen. Besonders gut lässt sich diese Vorgehensweise in ihren Zeichnungen erkennen, von denen auch einige zur Sammlung Deutsche Bank gehören. Man sieht das Sechziger-Jahre-Model Patti Boyd - die spätere Mrs. George Harrison - im Fond einer Limousine sitzen. Wieder so ein Kleinmädchentraum. Doch die junge Frau schaut ziemlich erschreckt aus dem Fenster und anscheinend direkt ins Blitzlichtgewitter der Paparazzi. Die Bürde, die Freundin eines Beatle zu sein, ist ihr regelrecht von den Augen abzulesen. Eine andere Zeichnung zeigt eine mondäne Dame im Tarnfleck-Mini, die einen gesichtslosen Jüngling anschmachtet. Die romantische Stimmung des Bildes wird auch hier durch den handschriftlichen Zusatz der Künstlerin zerstört, dass die Party nach einer Razzia beendet wurde.



Karen Kilimnik, Party in Morroco, 2000,
Sammlung Deutsche Bank


Das Spiel mit dem Gegensatz von glatter Oberfläche und diffizilerem Kontext ist auch in Kilimniks scheinbar harmloseren Gemälden zu entdecken. Hier ist es allerdings ein kunsthistorisches Spiel. Ein Faible für das französische Rokoko und die Genremalerei des 18. Jahrhunderts bringt die Künstlerin häufig dazu, Motive aus Gemälden dieser Epochen zu appropriieren und ihnen ein zweites Leben auf einer frischen Leinwand zu schenken. Ihr Schäferjunge mit Hund ist tatsächlich ein etwas düsterer und expressiverer Doppelgänger des Shepherd Boy, den einst der Engländer Thomas Gainsborough malte. Pose und Gesichtsausdruck von Original und Remake sind nahezu identisch, nur Duktus und Farbgebung hat die Künstlerin variiert.



Karen Kilimnik, The worrywart, 2007
Courtesy Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London

Kilimnik hat sich aber auch Werke anderer Maler wie Jean-Baptiste Oudry, George Stubbs und Henry Raeburn angeeignet. In diesem Zusammenhang ist es erhellend, dass sich die Künstlerin selbst als "Regisseurin" bezeichnet, die zeitgenössische und historische Figuren für ihre Bilder "castet". Sie hat einen ausgeprägten Sinn für die theatralische Inszenierung und nimmt die Welt als eine konstruierte Bühne wahr. Als sie 2001 ein Landschaftsgemälde von Hubert Robert noch einmal neu malte, veränderte sie den Maßstab des Originals und entfernte alle Menschendarstellungen. Am Ende gab sie dem Werk den vielsagenden Titel Giselle's Cottage at the Bolshoi. Natur, so lautete Kilimniks Botschaft, sei nur noch als Kulisse für das Bolschoi-Ballett präsent. Ihr zeitgenössisches Gemälde stellte damit auch kritisch die Authentizität von Roberts originalem Landschaftserlebnis in Frage.



Karen Kilimnik, My brother and me, 2007
Courtesy Galerie Sprüth Magers, Köln, München, London


Mit feiner Ironie hält Kilimnik so bei ihren Remakes das Klischee auf Distanz. My Sister and Me heißt ein Bild, das die Künstlerin Ende der Achtziger malte und das die zwei Mädchen mit lockigem Haar und rosigen Wangen in herzlicher Umarmung zeigt. Ein Selbstporträt ist es trotz des Titels nicht. Denn Kilimnik hat das Motiv einfach aus Thomas Lawrences Tondo The Calmady Children aus dem Jahre 1823 kopiert. Mit diesem Kunstgriff führt sie nicht nur jeden biografischen Leseversuch ad absurdum. Kilimnik zeigt hier letztendlich, dass nicht nur das Selbstbild eines jungen Mädchens, sondern eigentlich ja auch das ganze Leben durch kulturelle "Vorbilder" geprägt ist.

Aktuelle Ausstellung:

Karen Kilimnik
23. Februar - 8. Juni 8, 2008
Museum of Contemporary Art, Chicago

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