Die Fotografien der Serie Nootka
Sound, die ich dort 1996 realisierte, sind teilweise als Kommentar
zur kanadischen Landschaftsmalerei zu verstehen. Sie zeigt oft leere,
unbewohnte Landschaften, die für eine kommerzielle Ausbeutung oder als
Projektionsort für europäische Fantasien bereitstehen. Klassisches
Beispiel dafür sind die Arbeiten der Group
of Seven mit ihren Gemälden vom Algonquin
Park. Wenn Leute, die diese Gegend nicht kennen, sich deren Bilder
anschauen, denken sie oft, sie sähen eine makellose, unberührte
Landschaft. Aber jeder, der diese Art von Gegend kennt, sieht, dass sie
mindestens einmal abgeholzt worden ist. Meine Fotoarbeiten heben bestimmte
menschliche Eingriffe hervor: Jahrtausende alte Felszeichnungen, steinerne
Fischfallen, die Hunderte von Jahren alt sind, und Spuren der europäischen
Gewerbetreibenden aus den letzten Jahrhunderten.

 Stan
Douglas, Nu.tka. (Videostill), 1996, ©
Stan Douglas
Aber in der
Videoprojektion löschen Sie die Hinweise auf die Industrialisierung aus
und erschaffen das Bild einer entlegenen Landschaft, das sich nur dann
klärt, wenn die Interferenzen zur Ruhe kommen. Es ist eine doppelte
Auslöschung, bei der die Elektronik ein völlig virtuelles Bild entstehen
lässt.
In den Fotografien sind diese Hinweise ganz klar
vorhanden. In meiner Videoarbeit Nu.tka. ist das offensichtlich
nicht der Fall, denn sie setzt sich ja auch mit einer bestimmten Art von
Blindheit auseinander. Es gibt besondere Umstände, in denen Menschen auf
Grund ihrer Vorurteile nicht erkennen, was geschieht. Sie sehen nur, was
sie sehen wollen. Auf den Fotos sind die Spuren vergangener und heutiger
Besiedlungen klar zu erkennen. In der Videoarbeit könnte man die
Landschaft - mit der Ausnahme der Kahlschläge, die gelegentlich zu sehen
sind - für die des späten 18. Jahrhunderts halten, in der Colnett und
Martinez ihren Konflikt austrugen, besonders dann, wenn der Rastereffekt
über dem Bild liegt. Nur wenn die beiden Gegner ihre Texte synchron
rezitieren, erhält die Szene eine gewisse Klarheit. In dem Skript sind
Motive aus der europäischen Schauer- und Kolonialliteratur miteinander
verwoben. Sobald sie aber anfangen, ihre persönlichen Geschichten und
Meinungen zu schildern, ihr Unfähigkeit, die Situation, in der sie sich
befinden, auszuhalten oder zu verstehen, beginnt sich das Bild wieder zu
verschwimmen.
 Stan
Douglas, Nu.tka. (Videostill), 1996, ©
Stan Douglas
Die Geschichte, die Sie über
das Geschehen am Nootka Sound im späten 18. Jahrhundert erzählen und die
Sie auch in mehreren Katalogbeiträgen geschildert haben, ist erstaunlich
detailreich und komplex. Erfahren eigentlich schon Schulkinder vom Nootka
Sound, der Nootka Kontroverse und den Nootka
Verträgen?
Mittlerweile vielleicht, aber als ich ein
Kind war, erfuhr ich nichts von dieser Geschichte - und auch nichts über
den Mord an dem Tsilhqot'in-Häuptling Klatsassin,
eine historische Figur, über die ich 2006 eine Arbeit
gemacht habe. Dieser Mord ist für die Menschen aus Chilcotin-Cariboo noch
immer von immenser Bedeutung und deshalb wird dieses Geschehen auch an den
dortigen Schulen behandelt, aber wahrscheinlich nicht in Vancouver oder
anderswo.
Historisch ist Ihre Arbeit in den Tagen unmittelbar
vor der Französischen Revolution angesiedelt.
Ich glaube,
Colnetts beschlagnahmtes Schiff, die Argonaut, wurde am 14 Juli 1789 nach
New Spain geschickt - also am Tag, als die Bastille gestürmt wurde.
Die
Aristokratie war damals in einer sehr schwachen Verfassung, auf jeden Fall
wenn man den psychologischen Zustand der beiden Erzähler betrachtet: der
Brite sitzt im Zustand geistiger Verwirrung in Haft, der Spanier ist
völlig frustriert.
Martinez war frustriert, weil die
Hälfte seiner Mannschaft an Syphilis erkrankt war und er befürchtete, dass
die Russen oder Amerikaner jeden Moment auftauchen könnten, um ihm seine
Ansprüche streitig zu machen. Er dachte auch, er wäre als Repräsentant
seiner katholischen Majestät jemand ganz besonderes, während Colnett für
ihn nur der Vertreter eines kommerziellen Unternehmens und nicht des
Empires war.
 Stan
Douglas, View of Clearcuts from Blowhole Bay, aus
der Serie "Nootka Sound", 1966, ©
Stan Douglas
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Stan Douglas, Collapsed Structure at
McBride Bay, aus der Serie
"Nootka Sound", 1966, ©
Stan Douglas
Und er träumte davon, die
ganze Westküste in eine spanische Kolonie zu verwandeln.
Das
war sein Plan, als er aber nach San
Blas zurückkehrte, um sein Vorhaben vorzustellen, war dort der Tod von
Häuptling Callicum schon bekannt und er wurde deswegen geächtet.
Sehen
Sie eine Wechselbeziehung zwischen der Chronologie dieser historischen
Ereignisse, und der Situation der Protagonisten, die dort im Stich
gelassen wurden - wie Sie es in der Tonspur von Nuotkao beschreiben?
Ich
denke die Beiden beschreiben sowohl ihre gegenwärtige Situation wie auch
vergangene Ereignisse - wie sie dahin kamen wo sie sich jetzt befinden.
Sie können diese Situation nicht verstehen. Sie versuchen, ihre Handlungen
zu rechtfertigen und herauszufinden, wie sie in dieses Dilemma geraten
sind. Colnett ist Monate gereist, um dorthin zu kommen und seine Ansprüche
auf das Land anzumelden. Er hat die Geschichte aber total verpfuscht.
Martinez hatte weder genügend Männer, um sich des englischen Schiffs und
dessen Crew zu bemächtigen, noch um sich mit anderen Eindringlingen
auseinander zu setzen. Beide steckten also in einer sehr angespannten
Position. Wir fanden eine Menge Quellenmaterial zu den Ereignissen, denn
sie schworen ja fast einen Krieg zwischen Spanien und England herauf.
Deshalb konnten wir aus den Tagebüchern von Colnett and Martinez zitieren,
die bei dem Gerichtsverfahren als Beweismittel dienten.
Welche
Rolle spielten die Indianer, die Angehörigen der First
Nations?
Auf sie wird ständig verwiesen, denn der Grund für
die Anwesenheit der Europäer bestand in erster Linie im Handel mit
Seeotterfellen - die besten Exemplare wurden ja für 4000 Dollar verkauft.
Als Resultat der Auseinandersetzung, bei der Häuptling Chief Callicum
ermordet wurde, zogen sich Maquinna
und seine Leute allerdings völlig entsetzt nach Yuquot zurück. Deshalb
befanden sich die Europäer ganz allein in einer Art Geisterstadt.
Sie
betrachten die Angehörigen der First Nations als die eigentlichen
Eigentümer des Landes, denn sie besaßen es seit vielen Tausend Jahren.
Was
das Werk anbetrifft, ist ihre Abwesenheit sehr präsent. Sie waren da um zu
handeln, aber nicht um sich demütigen oder ermorden zu lassen. Für
Martinez und Colnett besitzen sie eine fremdartige Präsenz, die man
paradoxerweise als eingeboren bezeichnen kann.
 Stan
Douglas, The Spanish Well at Yuquot, aus
der Serie "Nootka Sound", 1966, ©
Stan Douglas
Was bedeutet "Nu.tka."
eigentlich?
Nu.tka. ist nicht wirklich ein Wort, es sind
zwei Silben, mit denen normalerweise Wörter beginnen, die sich auf "umher
bewegen" oder "umdrehen" beziehen. Als Captain Cook mit Maquinna
zusammentraf und ihn fragte, wie der Name der Gegend und seines Volkes
lautet, antwortete ihm Maquinna, für den dies ja der erste Kontakt mit
Engländern war und deren Sprache er nicht verstand, etwas, das mit den
Silben nu.tka. begann. Er wollte ihm wohl mitteilen, dass Cooke mit
seinem Schiff umkehren sollte, denn Resolution Cove war kein guter Platz,
um dort zu ankern. In Nuotkao ist die Kamera genau auf dem
Verteidigungsareal der Spanier aufgebaut. Sie ist das Objekt, das sich
dreht und "umher bewegt".
 Stan
Douglas, Nu.tka. (Videostill), 1996, ©
Stan Douglas
Was bedeutet der Norden für
Sie? "True North", der Titel der Ausstellung im Deutsche Guggenheim, ist
ja sehr bedeutungsträchtig.
Es gibt dieses berühmte
Radiohörspiel des Pianisten Glenn
Gould, The
Idea of North (1967), das er als "kontrapunktisches Radio"
bezeichnete. Er führte darin Interviews mit verschiedenen Leuten, die in
den entlegenen nördlichen Regionen Kanadas lebten, und mischte sie
"kontrapunktisch" zusammen, sodass die Stimmen einander wie bei einer Fuge
überlappten. Ich hatte es damals noch nicht gehört, aber die Idee von The
Idea of North hat mich bei der Arbeit an Nu.tka. wohl
beeinflusst. Der Norden ist eine Abstraktion. Er ist nicht wirklich ein
Ort, sondern er setzt uns mit allen nicht nördlichen Orten in Beziehung.
Nur wenige sind je am Nordpol gewesen, doch zu wissen, wo er ist, zeigt
uns, wo wir uns auf der Erde befinden und wohin wir uns bewegen.
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