In dieser Ausgabe:
>> True North / Jeff Wall - Exposure / Hans Hartung
>> Double Visions / Bob Dylan

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Bob Dylan, Bungalow by Lake, 2007
© 2007 Bob Dylan, courtesy Black Buffalo collection


Einige Titel der Arbeiten – Sunday Afternoon, House on Union Street oder Man on a Bridge – kämen wohl auch für seine Songs in Frage. Und tatsächlich besitzen die Aquarelle die coole Lakonie klassischer Blues Songs. Dylans Momentaufnahmen mit ihren stürzenden Linien und unruhigen schwarzen Konturen erinnern an Vorbilder wie die Brücke-Künstler, Munch oder van Gogh. Manchmal verströmen sie die Melancholie von Hopper-Gemälden. Seine Two Sisters, die sich nebeneinander auf einem Bett räkeln, besitzen die Laszivität von Beckmanns liegenden Frauenfiguren. Besonders beeindruckend sind Dylans Aquarelle leerer, verlassener Räume.



Bob Dylan, Lakeside Cabin, 2007
© 2007 Bob Dylan, courtesy Black Buffalo collection


In der Lakeside Cabin hat er vielleicht einmal während seiner Tournee gewohnt. Jetzt sind hier die Jalousien heruntergelassen, der Fernseher ist ausgeschaltet. Alles wird nur im Anschnitt dargestellt – das Hochbett, das Fenster, der Fernseher und die Kommode, auf der er steht. Diese Fragmentierung und die verschobene Perspektive der Komposition – der Raum scheint fast auseinanderzudriften – verleiht dem Bild seine latent unruhige Stimmung. Das unpersönliche Ambiente scheint wie ein Symbol für eine rastlose Einsamkeit in den wechselnden Hotelzimmern seiner unendlichen Tournee.



Bob Dylan, Woman with Beret, 2007
© 2007 Bob Dylan, courtesy Black Buffalo collection


Im Januar kommt Todd Haynes’ Dylan-Biografie I’m Not There in die deutschen Kinos. Um der multiplen Persönlichkeit des rätselhaften musikalischen Genies gerecht zu werden, wird Dylan darin von sechs Schauspielen verkörpert. "His Bobness", wie ihn seine Fans gerne nennen, war schon seit Beginn der Sechziger stets mehr als nur ein Singer und Songwriter. Er galt als Sprachrohr einer ganzen Generation, die sich zur Zeit des kalten Krieges zunehmend politisierte.

Mit seinen kritischen Texten avancierte Dylan zu einer Symbolfigur der Bürgerrechtsbewegung – eine Rolle, die ihm allerdings gar nicht behagte. Schnell folgte die erste seiner vielen Neuerfindungen. Statt weiter Protestsongs zu klampfen, griff er zur elektrischen Gitarre und verwandelte sich in einen Rockstar. Und er beschränkte sich nicht mehr nur aufs Singen und Komponieren. Er verfasste den experimentellen Roman Tarantula, versuchte sich in Sam Peckinpahs Spätwestern Pat Garrett jagt Billy The Kid als Schauspieler, inszenierte Renaldo und Clara, einen surrealen autobiografischen Spielfilm. 1997 wurde er wegen der Qualität seiner vieldeutigen Songtexte sogar für den Literatur-Nobelpreis nominiert.



Bob Dylan, Still life with peaches, 2007
© 2007 Bob Dylan, courtesy Black Buffalo collection

Gezeichnet hat der ehemalige Kunststudent schon seit Grundschultagen. In seiner Autobiografie Chronicles schildert er, wie er später im New York der frühen Sixties seine Umgebung festhielt: "Was sollte ich zeichnen? Vielleicht erst mal das Naheliegende. Ich setzte mich an den Tisch, nahm Papier und Stift zur Hand und zeichnete die Schreibmaschine, ein Kruzifix, eine Rose, Stifte, Messer und Reißzwecken, leere Zigarettenschachteln. (…) Nicht dass ich mich für einen großen Zeichner gehalten hätte, aber ich hatte doch den Eindruck, dass ich eine gewisse Ordnung in das Chaos um mich herum brachte." In den späten Sechzigern gestaltete er das Cover von Music from Big Pink, der legendären ersten LP von The Band. Das etwas unbeholfen wirkende Bild zeigt die Gruppe beim Musikmachen, wobei ihnen ein Elefant zuschaut. Die naiv-bunte Szene erinnert an Kinderzeichnungen. Die drei Gestalten auf dem Cover seiner 1974 entstandenen Platte Planet Waves sind dagegen deutlich vom Expressionismus beeinflusst und verraten schon mehr von Dylans künstlerischem Talent. Grund für den Qualitätssprung war vielleicht der Zeichenunterricht, den er kurz vorher in New York bei Norman Raeben hatte. Der Maler, der jüngste Sohn des jiddischsprachigen Schriftstellers Scholem Alejchem, verband in seinen Arbeiten Einflüsse der amerikanischen Ashcan School mit der europäischen Moderne und unterrichtete in einem Studio im 11. Stock der Carnegie Hall zahlreiche Schüler.




Bob Dylan, Train tracks, 2007
© 2007 Bob Dylan, courtesy Black Buffalo collection

Damals fand Dylan zu dem Stil, der seine Bilder bis heute prägt. Da der beständige Wechsel und die fortwährende Weiterentwicklung – neben dem Schreiben großartiger Songs – zu den wenigen Konstanten in seinem Leben zählen, könnten in Zukunft aber auch in seiner Malerei noch Überraschungen anstehen. Musikalisch ist der Sänger jedenfalls gerade wieder überaus erfolgreich: Im August 2006 eroberte er mit seinem 32. Studioalbum Modern Times seit 1976 das erste Mal wieder die Spitze der US-Charts. Nach drei Jahrzehnten wieder eine Rückkehr auf Platz eins – das gelang zuvor noch keinem lebenden Musiker. Das letzte Bild der Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz zeigt Bahngleise, die sich dem Horizont entgegen strecken. Die Never Ending Tour geht weiter.

Achim Drucks

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