Hans Hartung wurde der sogenannten École
de Paris zugerechnet. Was ist darunter zu verstehen?
Eine
solche Bezeichnung entspricht eher einer Verständigung auf der Ebene der
Vermittler. Es ist keine "Marke", die aus einem Diskussionsprozess unter
den Künstlern hervorgegangen ist. Ganz aktuell: die Leipziger
Schule ist ein Produkt des Kunstjournalismus. Neben der École de Paris
gab es zu dieser Zeit auch die sogenannte New
York School des Abstrakten Expressionismus. Der Schulbegriff ist
eigentlich einer des 19. Jahrhunderts. Er stimmte noch im Fall der Düsseldorfer
Malerschule. Sie war ganz klar durch einen Ort, eine Institution und
ein Schüler-Lehrer-Verhältnis definiert.
Was zeichnet
den Stil der École de Paris aus und wer wird ihr zugerechnet?
Die
Pariser Schule ist kein Stil, sondern das Ergebnis zahlloser Begegnungen,
Zusammentreffen und Experimente im internationalen Dialog: das sind die
Franzosen Manessier,
Mathieu und Soulage,
der Nordafrikaner Atlan,
der Schweizer Schneider,
der Russe Poliakoff,
der deutsche Hartung. Es sind allesamt individuelle Handschriften, die
Bilder schaffen und nicht Abbilder einer Realität, die nur Folie ist.
 Hans
Hartung, T 1989-N10, 1989, ©Stiftung
Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes
Was
ist zu Hans Hartungs besonderem Stil, seiner ihm ganz eigenen Abstraktion
zu sagen?
Seine visuellen Notate erinnern
am ehesten an die fernöstliche Kalligraphie,
und das Spannungsverhältnis von Zeichen und umgebenden Raum des
Bildträgers entspricht den Konzentrationen der Zen-Kunst.
Markus
Lüpertz findet es heute besonders aufregend, dass Hartung in der
Kunst eine unpolitische Position bezog.
Ja, das ist deshalb so
interessant, weil Hartung kein unpolitischer Mensch war. Sein Eintritt in
die Fremdenlegion, um
gegen Hitler zu kämpfen, war ein politisch konsequenter Schritt. Aber er
hat ein Abbild von politischer Haltung nie in seine Malerei einfließen
lassen. Hartung als Künstler war freier Ausdruck, Hartung als Person war
der politisch handelnde Mensch.
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Hans Hartung, CP, 1935, ©Stiftung
Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes
Die
Abstraktion hat auch dort an Bedeutung verloren, wo sie einst – auch in
Frontstellung gegen den Sozialistischen Realismus - hoch geschätzt wurde.
Sie gilt heute als schwer zu vermitteln. Wie gehen Sie in der Ausstellung
vor?
Wir zeigen die Jahrzehnte im
Überblick und setzen dabei einzelne Schwerpunkte. Wir beginnen mit
Hartungs Papierarbeiten aus den 20er Jahren, die hier in Leipzig
entstanden sind. Bei diesen Arbeiten haben Sie das Gefühl, das könnte auch Blinky
Palermo sein. Hartung schaut weder nach Dresden zu den Expressiven,
noch nach Weimar und Dessau zum Bauhaus.
Es gibt nur eine merkwürdige ambivalente Beziehung zu Kandinsky, zwischen
Ablehnung und großer Vorliebe, vielleicht ist das noch am ehesten eine
Patenschaft. Dann zeigen wir die Fotografie von Hans Hartung, die bislang
nie wirklich präsent war. Sie bildet in der Ausstellung ein eigenes, für
das Verständnis von Hartungs Werk entscheidendes Kapitel. Denn es handelt
sich um eine Fotografie, die konzeptuell für die Malerei eingesetzt wird.
Die dürren, abgestorbenen Äste, die Licht- und Schattenspiele, die Wolken,
die er immer wieder fotografiert, werden dann in Zeichnungen transferiert
und in einem dritten Schritt in Malerei. Deswegen heißt unsere Ausstellung
auch Spontanes Kalkül. Wir werden keine strenge Beweiskette
verfolgen, die den impulsiven Gestaltungswillen in Frage stellt, aber wir
wollen doch deutlich machen, dass Hartungs impulsiver Duktus durchaus
konzeptuell gesteuert war. Und Malerei als Konzept bindet die Position
Hartungs wieder ein in einen aktuellen Malereidiskurs.
Hans
Hartung Spontanes Kalkül Museum der bildenden Künste Leipzig 4.
November 2007 - 10. Februar 2008
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