Manche ihrer Bilder strahlen eine Art Stillstand aus,
eine unheilvolle Ruhe. Sie scheinen einen Moment festzuhalten, nachdem
etwas passiert ist, oder nach dem noch etwas passieren wird. Sie selbst
aber weisen jede narrative Absicht von sich.
Das Publikum sagt,
meine Bilder seien narrativ. Das ist eine sehr gängige Lesart. Ich glaube
allerdings nicht, dass das ihre herausragende Qualität ist. Die hat jedes
Bild auf die eine oder andere Weise. Jedes Bild macht den Moment davor und
den Moment danach unsichtbar. Das Entscheidende ist, was auf dem Bild ist.
Das und nichts anderes ist darauf zu sehen. Das eine Bild löscht alle
anderen aus, darin liegt seine Schönheit. Wundervoll daran ist, dass der
Betrachter seinen eigenen Roman im Kopf darüber schreiben kann, was das
Bild bedeutet. Das ist die Bestimmung von Bildern: Sie sind eine Form, die
genau das vermag.
 Jeff
Wall, Passerby, 1996 ©Jeff Wall
Sie
sagen, die Bedeutung sei völlig dem Betrachter überlassen. Was ist mit den
Titeln, mit denen Sie eine zweite Informationsebene neben dem Bild
anbieten?
Sehen Sie, solche Titel sind dann schlechte Titel.
Wenn ich zurückschaue, stelle ich fest, dass ich einige Male mit Titeln
gearbeitet habe, und das erscheint mit heute keine gute Idee mehr. Ein
Titel sollte den Betrachter meiner Meinung nach nicht so lenken. Aber wir
machen alle Fehler. Trotzdem, bei einigen Bildern würde ich gerne die
Titel ändern.
Von welchen denn?
Das
spielt keine Rolle, jetzt ist es sowieso zu spät. Aber die meisten
Menschen erinnern sich ohnehin nicht an den Titel. Sie sprechen eher von
"dem einen Bild mit dem Typ...". Und ich denke, das ist ganz gut so. Den
Titel zu vergessen ist eine Art, sich das Bild anzueignen. Man sollte das
Bild lesen und nicht das Benutzerhandbuch.
Auf der einen Seite
weisen Sie narrative Elemente von sich, gleichzeitig rekonstruieren Sie
mit größter Genauigkeit und Ausdauer tatsächliche Begebenheiten. Ein
Prozess, der selbst eine Story ergibt.
Richtig, wenn ich eine
Woche oder einen Monat an etwas arbeite, dann, weil die Dinge sich
währenddessen verändern. Ich entdecke Details über den Gegenstand, über
den Ort, über die Tageszeiten – es sind Details, die mir entgingen, wenn
ich schneller arbeiten würde. Mir gefällt, dass es langsam geht. Ich
empfinde wie ein Maler, bei dem das Ergebnis sich völlig von dem
unterscheidet, was er sich am Anfang vorgestellt hat. Ich erlaube mir also
einiges an Freiheit.
 Jeff
Wall, Overpass, 2001 ©Jeff Wall
Wie
nah bleiben Sie dabei an dem Moment, den sie erlebt haben?
Wenn
ich Cartier
Bresson oder Gary
Winogrand wäre, hätte ich meine Kamera immer dabei und wäre stets auf
der Jagd nach einem Motiv. Aber das möchte ich gar nicht. Ich wäre darin
wahrscheinlich nicht gut, und ich mag es auch nicht. Trotzdem will ich mir
nichts entgehen lassen, also nähere ich mich wie ein Kameramann einer
Situation und rekonstruiere sie. Die Rekonstruktion ist beides:
wahrheitsgetreu, denn ich versuche, mich so nah an die Tatsachen zu halten
wie möglich, und zugleich von Freiheit geprägt, denn sie gestattet es mir,
bestimmte Dinge zu ändern. Wie zum Beispiel den Ort, die Tageszeit, die
Jahreszeit.
In wie weit interagieren Sie mit den Menschen in
ihren Bildern? Zum Beispiel mit den Kindern in War Game?
Das
ist ein gutes Beispiel für eine Herangehensweise, wenn auch nicht die
einzige: Als ich das Motiv machen wollte, traf ich diese Jungen an einer
nahe gelegenen Schule. Von der Schule erhielt ich auch die Erlaubnis, mit
ihnen zu arbeiten. Ich ließ sie nach ihren eigenen Vorstellungen Krieg
spielen, so wie sie es wollten. Dabei filmte ich sie auf Video und
beobachtete ihre Handlungen. Irgendwann beschlossen wir, dass wir ein Fort
brauchen, irgendetwas zum Verteidigen. Ich sagte: Wir brauchen eine
Festung! Und sie errichteten eine, die wir jeden Tag aufs Neue aufbauten.
In den drei Wochen, die das Shooting gedauert hat, suchte ich nach und
nach die Elemente aus, die ich wollte. Dieser Moment mit einigen
Gefangenen im Fort, einem Wächter und den anderen Jungs, die weglaufen,
erschien mir als der interessanteste Augenblick in diesem Spiel. Also
konzentrierte ich mich darauf. Aber ich gab den Kindern keine
Regieanweisungen. Nur einmal musste ich verbieten, mit der Wasserpistole
zu schießen. Ich sagte: "Du bekommst eine Geldstrafe, wenn du nicht
aufhörst, die Kinder nass zu spritzen, Gennaro." Schließlich belegte ich
ihn mit einer Strafe von fünf Dollar. Es dauerte viele Tage, um etwas
Gutes aus ihnen herauszubekommen. Aber am Ende waren sie wirklich toll.
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Jeff Wall, War Game, 2007 ©Jeff
Wall
Welcher Art ist das Verhältnis, das
sie zu Ihren erwachsenen Laiendarstellern aufbauen?
Bei dem
Bild Men Waiting musste ich überhaupt nichts machen. Sie waren
perfekt so wie sie waren. Ich habe höchstens einmal einen an einen anderen
Ort gestellt. Wir hatten ein sehr nettes Verhältnis zueinander. Der
offensichtliche Grund war zwar, dass sie bezahlt wurden und Frühstück
bekamen. Aber ich versuche immer, alle gut zu behandeln, mit denen ich
arbeite, denn ich brauche sie ja. Und das merken sie fast immer. Die
Leute, mit denen ich arbeite, haben in aller Regel ziemlichen Spaß dabei.
Identifizieren
Sie sich mit ihnen?
Ich will es nicht komplett abstreiten, dass
ich mich mit ihnen identifiziere, aber ich will auch kein allzu großes
Thema daraus machen. Ich bin natürlich keiner von ihnen. Und danach sehen
wir uns nie wieder.
Sie haben sich für die Ausstellung im
Deutsche Guggenheim für Schwarzweißfotografien entschieden. Warum?
In
erster Linie, weil es mir gefällt, und weil ich mehr Schwarzweißfotografie
machen will. Aber ich mache nie Pläne, also war es schwer für mich, dem
Deutsche Guggenheim zu versprechen: Ich werde genau das und das machen.
Ich hoffte einfach nur, eine Bildergruppe entwickeln zu können, die man
als Ensemble versteht, obwohl jedes Bild unabhängig ist. Das versuchte ich
in Schwarzweiß, und war froh, dass es gelang. Ich habe alle Aufnahmen auch
in Farbe gemacht, aber es gab verschiedene Gründe dagegen, die allerdings
schwer zu erklären sind.
 Jeff
Wall, Men Waiting, 2006 ©Jeff
Wall
Versuchen Sie es trotzdem: Was
wäre bei War Game in Farbe anders gewesen?
Es gab
zu viel Grün darin. Diese große Rasenfläche hat sehr abgelenkt. Ich habe
einfach festgestellt, dass es kein gutes Motiv für eine Farbfotografie
ist. Ich habe verschiedene Tests gemacht und festgestellt, dass in
Schwarzweiß der Grauton des Grases alles zusammenhält, während das Grün
alles auseinanderreißt.
Sie sprechen von zu viel Grün, aber
was ist mit der Aussage ihrer Bilder? Die Ästhetik von Schwarzweißbildern
verbindet man mit dokumentarischer Fotografie. Sie sind offensichtlich
interessiert daran, ein ganz bestimmtes soziales Milieu zu zeigen.
Viele
fragen mich "Warum fotografieren sie nicht in ihrem eigenen sozialen
Milieu?". Aber das setzt ja voraus, dass Sie wissen, was mein soziales
Milieu ist. Oder auch, dass ich mir dessen selbst genau bewusst bin. Ich
bin es natürlich in gewisser Hinsicht, aber meine Erfahrungen sind oft
andere. Ich kann ein bestimmtes Interesse an der weniger begünstigten
Seite der Welt nicht verleugnen, ich fotografiere sie oft. Für Tenants
wollte ich ein Motiv außerhalb der Stadt haben, und ich fand dafür das
wahrscheinlich schlimmste aller Apartmenthäuser. Die Architektur hat mich
fasziniert. Aber ich verwehre mich dagegen, hier eine soziale
Fragestellungen zu vermuten. Das interessiert mich nicht.
Was
interessiert Sie also an der ärmeren Bevölkerungsschicht?
Zunächst
mal: Viele der Dinge, die da passieren, sind nicht so unerfreulich. Die
armen Teile der Gesellschaft sind interessant, lebendig, es passieren
viele positive Dinge. Aber vielleicht liegt mein Interesse einfach daran,
dass Menschen, die härter zu kämpfen haben, weil es nicht gut für sie
läuft, interessanter sind. Zumindest für mich. Sie sind gezeichnet vom
Scheitern, von Leid, Konflikten, Erfolg, Hoffnung. Die Mischung daraus
fasziniert mich mehr als jemand, der Erfolg hat. Was ich zum Beispiel an
diesen wartenden Tagelöhnern so mochte, war nicht, dass sie kein Geld
hatten. Sondern dass sie voller Energie waren. Sie waren bereit,
loszulegen. Sie waren zu haben. Sie hatten einen enormen Willen, etwas zu
tun, und das hat mich sehr angezogen. Ja, sie sind arm, sonst wären sie
nicht hier. Aber das ist nicht ihre ganze Geschichte.
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