Graft, Entwurf für ein Hotel in Tiflis,
Georgien, 2006 Courtesy Graft
"To
graft" bedeutet aufpfropfen. Der Begriff stammt aus dem Weinbau. Ich muss
dabei allerdings immer an Kakteen denken. Grünen Kakteen werden ja gelbe
oder rote Exemplare aufgepfropft, die ohne diese Unterlage gar nicht
lebensfähig wären.
Genau das
ist das entscheidende: Alleine sind sie nicht lebensfähig. Das ist für uns
die Metapher einer Strategie für den Prozess der Globalisierung. Bevor wir
in ausschließende Konkurrenz zu uns unbekannten Kulturen treten, sollte
man erst einmal den Standpunkt einnehmen, dass man nur gemeinsam
lebensfähig ist. Die großen Diskussionen über den Klimawandel spielen
genauso in diesen Kontext hinein wie kulturelle Konflikte. Mit unseren
Strategien möchten wir die bestmögliche Koexistenz oder Kooperation
unterschiedlicher Ansätze herstellen. Das lässt sich im globalen Kontext
genauso beschreiben wie hier im Büro, wo fünf Mitarbeiter ganz
unterschiedlicher Nationalität an einem Projekt sitzen. Oder wenn
Architekt und Bauherr um ein Problem ringen. Oder – ganz banal – es gibt
ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. In welchem Verhältnis stehen die
beiden Räume? Wir vertreten eben nicht die Auffassung, dass man zwischen
allem eine Wand zieht und dann eine Tür baut. Sondern dass man das Leben
nicht in Kategorien einteilt. Wir versuchen, ein Umfeld für eine
Lebensszenerie zu schaffen, das ein kontinuierliches Erlebnis ermöglicht.
 Graft,
Entwurf für einen Hotelkomplex in Palm Springs, 2006 Courtesy
Graft
Eines ihrer beeindruckendsten
Projekte ist für mich Ihr Entwurf für einen Hotelkomplex in Palm Springs,
eine spektakuläre Wasserlandschaft mitten in der Wüste.
Dieses
Projekt ist sehr interessant, weil wir uns mit möglichen Lösungen
konfrontieren wollten, die nicht unserem vorhandenen formalen Vokabular
entstammen. Deshalb haben wir jemand anderes für uns entwerfen lassen –
den Computer. Wir haben ihm das Grundstück eingegeben und ein Programm
benutzt, mit dem die NASA Erosionsprozesse simuliert. Damit haben wir
dieses Sandgrundstück dem Wind ausgesetzt, der dort auch tatsächlich
vorhanden ist. Wir wollten sehen, wie sich der Wind bei bestimmten
Parametern, die wir vorgegeben haben, auswirkt. Natürlich haben wir
wichtige Entscheidungen gefällt, uns aber eben nicht einfach hingestellt
und die Landschaft ruiniert. Wir dachten, wenn uns jemand anders etwas
vorsetzt, entdecken wir Dinge, auf die wir selbst nicht gekommen wären.
Deshalb sieht das Projekt auch so anders aus. Wir waren einfach offen
genug, um das Unvorhergesehene zuzulassen.
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Graft, Spa, Hotelkomplex in Palm Springs,
2006 Courtesy Graft
Welche
Rolle spielt denn die jeweilige Umgebung für das Projekt. Etwa, wenn Graft
einen Hotelkomplex für eine Bucht inmitten unberührter Natur entwirft, die
dadurch ja auch zerstört wird?
Wenn
man etwas baut, muss man gleichzeitig etwas zerstören. Wir denken dabei
immer an den Architekten Luigi
Snozzi. Er fragte einmal: Woran denken Sie, wenn Sie einen Baum sehen?
Viele Leute sagen dann: an schöne Natur oder dass er Sauerstoff
produziert. Snozzi meinte allerdings, ein Architekt würde immer denken:
Daraus kann ich einen guten Tisch bauen. Und das ist natürlich die
Tätigkeit eines Architekten, eher wie ein Metzger vorzugehen und nicht wie
ein Fundamentalbewahrer. Ein guter Architekt wird aber immer versuchen,
die Qualitäten eines Ortes zu verstärken. Also das direkte Gegenüber von
Artefakt und Umfeld so stark wie möglich zu machen, indem das Gebäude die
Landschaft überhöht und nicht alles komplett abgeholzt wird. Bei einer so
fantastischen Bucht möchte man dafür sorgen, dass man sie von jedem Haus
aus sieht, möglichst ohne dabei andere Häuser im Blickfeld zu haben. Aber
davon zu träumen, dass die Bucht unberührt bliebe, hieße ja auch, dass
niemand sie genießen kann.
 Graft,
Entwurf für eine temporäre Kunsthalle in Berlin, 2006 Courtesy
Graft
Wie sieht der Bezug zum Umfeld
bei der temporären Kunsthalle aus, die sie für die Schlossbrache in Berlin
entworfen haben?
Da hat uns die Umgebung
sehr stark beeinflusst. Noch mehr allerdings die Diskussion um das Stadtschloss
und den Palast
der Republik. Und natürlich auch die Diskussion darüber, dass man
angeblich nichts anderes als das Schloss an diesen Platz stellen könne.
Unsere "Wolke" lässt sich nur aus diesem Kontext heraus erklären. Die
Tatsache, dass die Qualität der Metapher Wolke sich vor allem auf den Kern
der Diskussion – also das steinerne Berlin und den Wiederaufbau des
Schlosses – bezieht, macht einen großen Teil ihrer Kraft aus. Das Objekt
wirkt schwerelos und tritt nur als temporärer Besucher auf. Dennoch nimmt
es eine extrem starke Beziehung zu seinem Umfeld auf. Allerdings ganz
anders als das Schloss, indem es nämlich nicht vier separierte Szenerien
entwirft, sondern versucht, ein Raumkontinuum um sich selbst herum zu
schaffen, das einen Zusammenhang zu allen Bauten in der Umgebung
herstellt. Es geht dabei aber nicht um ein entweder oder, sondern darum,
dass beides möglich ist. Was temporär denkbar ist, das ist der notwendige
Widerpart zu der Behauptung, dass man das ewig Gültige braucht, um
glücklich zu sein. Mir kann niemand erzählen, dass er hundertprozentig
davon überzeugt ist, dass Berlin nur dann eine glückliche Zukunft haben
wird, wenn ein programmatischer Bau wiederentsteht, dessen Inhalt sich in
Luft aufgelöst hat.
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