Spiritual America Richard Prince im New Yorker
Guggenheim Museum
Gekidnappte Images: Egal ob er
Krankenschwestern, Marlboro Cowboys oder Celebrities verewigt - stets
plündert Richard Prince die Bildvorräte der amerikanischen Popkultur.
Jetzt widmet das Solomon R. Guggenheim Museum dem US-Kunststar die bislang
umfassendste Retrospektive, die von der Deutschen Bank gesponsert wird.
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Richard Prince, Debutante Nurse, 2004 ©
Richard Prince
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Spiritual
America taufte der Fotograf Alfred
Stieglitz 1923 sein schwarz-weißes Close-up der Flanken eines
Wallachs. Ein provozierender Titel, erschien doch dem Vorkämpfer der
Moderne ausgerechnet ein kastriertes Pferd als passendes Symbol für die
kulturelle Potenz seines Landes. Fünfzig Jahre später übernimmt Richard
Prince diesen Titel für seine wohl verstörendste Arbeit.
Sie zeigt die Schauspielerin Brooke
Shields, die mit eingeöltem Körper in einer Badezimmer-Kulisse
posiert. Als moderne Venus, die statt den Meeresfluten gerade einer
dampfenden Wanne entstiegen ist. Das in glühende Orangetöne getauchte Foto
entstand im Auftrag ihrer Mutter.
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Richard Prince, Nurse of Green
Meadow, 2004 © Richard
Prince
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Sie ließ die damals Zehnjährige von einem kommerziellen
Fotografen ablichten, um deren Karriere zu forcieren. Prince fotografierte
dieses unglaubliche Bild ab und versah es mit einem billigen Goldrahmen.
Als einzige Arbeit präsentierte er es in der ersten Ausstellung seiner
Galerie, die er ebenfalls Spiritual America nannte. Diese kontroverse
Arbeit führt mitten in den Kunstkosmos des wichtigsten Vertreters der Appropriation
Art. Prince geht es hier aber nicht allein um die Aneignung von
"fremdem" Bildmaterial. Das Bild verweist ebenso auf die Verführungskraft
massenmedialer Images, die Obsessionen einer vom Celebrity-Kult geprägten
Gesellschaft und nicht zuletzt auf beunruhigende Randgebiete des
Verlangens.
 Richard
Prince, Untitled (Cowboy), 1989 ©
Richard Prince
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Richard Prince, Untitled (Fashion),
1982-84 © Richard Prince
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Spiritual
America liefert auch den Titel für die große
Prince-Werkschau des Solomon
R. Guggenheim Museum. Die von der Deutschen Bank geförderte
Ausstellung gibt einen detaillierten Überblick über die dreißigjährige
Karriere des Künstlers. Sie zeigt Schlüsselwerke aus seinen bedeutendsten
Serien in einer speziell für New York entworfenen Installation, die die
komplette Rotunde des Guggenheim sowie zwei angrenzende Galerieräume
füllt. Während vorangegangene Ausstellungen meist seine zentrale Rolle als
Katalysator postmoderner Bilderkritik betont haben, fokussiert sich die
von Nancy
Spector in enger Zusammenarbeit mit Prince organisierte Schau auf
dessen Auseinandersetzung mit der amerikanischen Alltagskultur.
Im
Gegensatz zu Sherrie
Levine, die Anfang der Achziger mit ihren refotografierten Walker-Evans-Aufnahmen
Ikonen des politisch engagierten Realismus benutzte, um den Begriff von
künstlerischer Originalität in Frage zu stellen, bevorzugt Prince
inszeniertes Bildmaterial. Als er in den späten Siebzigern beim
Ausschnittdienst von Time
Life arbeitete, war er ständig mit "entbeinten" Magazinen konfrontiert
- ihre Artikel waren herausgeschnitten, nur die Anzeigen blieben übrig. Er
begann, diese Hochglanzwelt des Konsums abzufotografieren und die
Bildausschnitte neu zu kombinieren. Ein simpler Akt mit großer Wirkung:
Sind diese Bilder überhaupt Originale? Wer ist ihr Autor? Und wo steckt
die Kunst? Gleichzeitig führt Prince den Fetischcharakter der Luxuswaren
ebenso deutlich vor wie die stereotypen Rollen, die von dem Protagonisten
der Reklamen verkörpert werden. Seine kühlen Kamera-Cut-Outs waren auch
ein Gegenentwurf zur neoexpressiven Malerei à la Julian
Schnabel, die damals nicht nur in New York für Furore sorgte.
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Richard Prince, Untitled
(girlfriend), 1993 ©
Richard Prince
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Ob Prince während der Reagan-Ära Marlboro-Cowboys
appropriierte, später dann für seine Serie Girlfriends
posierende Bikerbräute aus Motorradmagazinen refotografiert oder
sexistische Witze per Siebdruckverfahren auf monochrome Leinwände setzt
und so Trash mit High Art kollidieren lässt - immer wieder greift er die
Mythen und Obsessionen Amerikas auf. Aus den Fluten medialer Images
destilliert er einzelne Bilder heraus, bearbeitet sie und lässt sie
sprechen. Von den Sehnsüchten, Fantasien und Begierden der amerikanischen
Gesellschaft - und vielleicht auch von Richard Prince.
Achim Drucks
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