Deshalb war es in Jeff Walls großen europäischen
Retrospektiven spannend zu beobachten, dass ihm ausgerechnet die Arbeiten,
die er der "dokumentarischen Fotografie" zurechnet, nie so berechenbar
scheinen. Erst in den neunziger Jahren, also relativ spät im Verlauf
seiner künstlerischen Karriere, bekannte sich Jeff Wall auch zur
deskriptiven Seite der Fotografie. Nun rückte er die besondere Aura des
Schauplatzes - der immer eine wesentliche Grundlage seiner inszenierten
Fotografien war - unverfälscht ins Zentrum des Bildes. Wieder bewies er
Mut, denn in seinem Zugriff auf die ungestellte Wirklichkeit unterlief er
alle Erwartungen an einen eindeutig dokumentarischen Charakter der Bilder:
Er entwickelte die vorangegangene cinematografische Fotografie mit der
neuen "dokumentarischen" Ausrichtung ästhetisch bruchlos weiter.
 Jeff
Wall, In front of a nightclub, 2006, Sammlung Pilara Family Foundation ©
2007 Jeff Wall
Dawn
(2001), eine Straßenecke in der Dämmerung, lässt einen jedenfalls sofort
nach dem Zwischenfall im Bild suchen, der Geschichte, bis man endlich
akzeptiert, dass dieses Bild nur vom Zusammentreffen von Licht,
Architektur und Natur berichtet. Von nichts anderem scheint auf den ersten
Blick auch Night
(2001) zu erzählen, das große Schwarzweiß-Tableau, eine der älteren
Arbeiten, die das Deutschen Guggenheim zeigt. Ein Irrtum, denn die
Obdachlosen, die kaum sichtbar an der Betonmauer schlafen, sind in die
vordergründig dokumentarische Szenerie hinein inszeniert.
 Jeff
Wall, Tenants, 2007, © Jeff Wall
Jeff
Walls künstlerischer Durchbruch war mit der Farbfotografie verbunden.
Ähnlich spät wie die Dokumentarfotografie entdeckte er die
Schwarzweißfotografie. Dabei vermied er jedoch die historisch bedingte,
konventionelle Identifikation von "Schwarzweiß" mit "Dokumentarisch".
Gerade das strikt dokumentarische Bild Dawn ist in Farbe aufgenommen, die
Inszenierung von Night dagegen in Schwarzweiß. Auch mit dieser
unorthodoxen Zuordnung ging er ein hohes Risiko ein, wie die zunächst sehr
verhaltenen Reaktionen auf Volunteer
(1996), seine erste Schwarzweißarbeit, zeigten. Tatsächlich schien Wall
1999 mit Morning
Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona eine neuerliche,
farbige Version des Bildes realisieren zu wollen.
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Jeff Wall, Cold Storage, Vancouver, 2007, ©
Jeff Wall
Mitte der neunziger Jahre
jedenfalls war - nicht zuletzt durch Jeff Wall selbst - die konzeptuelle
künstlerische Fotografie längst mit Farbfotografie identisch geworden. Die
Wahl von Schwarzweiß musste zunächst auf Unverständnis stoßen, umso mehr
als eine Referenz von Volunteer, Housekeeping oder Cyclist
(alle 1996) an die mit ihm assoziierte Dokumentarfotografie äußerst vage
und zweifelhaft erschien. Tatsächlich nannte Jeff Well als seine
Inspirationsquelle für diese Bilder den italienischen neorealistischen
Film Roberto
Rossellinis oder Vittorio
De Sicas. Dieser Verweis scheint stimmig, insofern Wall seine
Protagonisten in der Halbnahen des Innenraums aufnahm, einer klassischen
Filmeinstellung.
 Jeff
Wall, War Game, 2007, © Jeff
Wall
Mit seinen neuen großformatigen
Schwarzweiß-Tafeln greift Jeff Wall nun einerseits seine
Schwarzweißversuche aus den neunziger Jahren wieder auf. Andererseits geht
er mit diesen Schwarzweißtotalen, die das Umfeld, in dem seine
Protagonisten agieren, weit für den Blick des Betrachters öffnen, über den
Bezugspunkt Film und die Ära des Neorealismus
hinaus - zurück in die Geschichte der Fotografie. Seine Würdigung der
klassischen Dokumentarfotografie in ihrer nordamerikanischen Version der
"Straight Photography" scheint jetzt über jeden Zweifel erhaben. War
Game zum Beispiel, das Foto, in dem ein schwarzer Junge seine
Gefangenen bewacht, ruft unwillkürlich die Erinnerung an Fotografien von Gordon
Parks wach, dessen Karrierebeginn in die Depressionsära fiel. Es ist
in diesem Zusammenhang vielleicht mehr als nur ein Zufall, dass es eben
Gordon Parks war, den Ingrid
Bergmann bat, sie bei den Dreharbeiten zu Stromboli
(1949) zu fotografieren. Sie sah in ihm einen Fotografen, dessen
Bildästhetik stark mit der von Rossellini verwandt war. War Game,
das ist nun in der Schau im Deutsche Guggenheim zu entdecken, ist eine
dieser Ikonen. Das Werk zählt unbedingt zu jenen makellosen,
scharfsinnigen Bildern, die unsere Fantasie nachhaltig beschäftigen.
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