In dieser Ausgabe:
>> A Delicious Feeling of Confidence
>> Der lachende Pinsel
>> Kunst-Nukleus Villa Romana
>> Preis für junge polnische Kunst

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Für weite Teile der polnischen Öffentlichkeit sind die Strategien der Gegenwartskunst wie Ironie, Doppeldeutigkeit und Verfremdung noch immer gewöhnungsbedürftig. Während die hybriden Wesen, die Janek Simon für Views aus Brot und Metall konstruiert hat, für die meisten Besucher noch dadaistischen Charme besitzen dürften, liefert das feministische Performance-Duo Sedzia Glówny da schon härteren Stoff. Ob sich Aleksandra Kubiak und Karolina Wiktor in einem gigantisches Hamburger-Kostüm als lebende Ware anbieten oder die Aufführung eines populären Theaterstücks stürmen - mit ihren kompromisslosen Aktionen stellen sie die Rolle der Frau, sexuelle Unterdrückung und repressive Gesellschaftsstrukturen radikal in Frage.


Sedzia Glówny, Performance 2005, BWA Zielona Gora,
Foto Anna Smarzynska


Ihre Performances knüpfen an Positionen feministischer polnischer Künstlerinnen der siebziger Jahre an. In einem Land, dessen konservatives Frauenbild stark vom Katholizismus geprägt ist, wirken ihre Arbeiten besonders provokant. In der Zacheta lässt Sedzia Glówny auf Videoprojektionen die Furien los, die wilden Rachegöttinnen der griechischen Mythologie.



Karol Radziszewski, Pomoc/Help, 2007, Video Still,
courtesy Karol Radziszewski


Auch an Karol Radziszewski dürfte die polnische Rechte keine Freude haben. Mit Fags hat er 2005 in einer Warschauer Privatwohnung Polens erste Ausstellung schwuler Kunst organisiert. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem noch immer Christopher-Street-Day-Paraden zusammengeknüppelt werden. Von entscheidender Bedeutung für Radziszewski ist die Beteiligung seiner Familie, manchmal auch von Nachbarn und Kindern, an seinen öffentlichen Aktionen. Ganz selbstverständlich eignet er sich ein Terrain an, das üblicherweise voOlga Lewickan der homophoben Parteien wie der fundamentalistisch-katholischen Liga der polnischen Familie okkupiert wird.


Karol Radziszewski, Pomoc/Help, 2007, Video Still


Auch in seinem Beitrag zu Views spielt die Familie eine zentrale Rolle: Seine Verwandschaft half ihm beim Bau eines Leseraums für die Zacheta, in der man sich über die Aktivitäten des Künstlers informieren kann. Denn Radziszewski ist nicht nur Maler, Fotograf, Performer und Blogger. Als Mitbegründer der "Fliegenden Galerie szu szu" hat er über 30 Austellungen und Aktionen nicht nur in Polen realisiert, und er gibt das schwule Kunstmagazin DIK Fagazine heraus.



Olga Lewicka, all-over, 2005, aus der Serie Showdown
© Olga Lewicka


Typisch für die junge Szene Polens erscheint auch Olga Lewicka: nicht auf ein Medium festgelegt, international vernetzt und äußerst umtriebig. Die von ihr organisierte polnisch-deutsche Ausstellung Aurora wurde von der Deutschen Bank gefördert. In Lewickas Werk verliert sich der Betrachter in Bezügen zu Kunstgeschichte, Philosophie oder Soziologie. Es geht der Künstlerin mit ihren anspielungsreichen, oft unfertig wirkenden Arbeiten darum, herauszufordern und Denkprozesse anzustoßen.


Olga Lewicka, Tableau vivant (Suede Peek-a-Boo-Toe Pump With
Swarovski-Crystal-Encrusted Heel) 2005, Installation,
Foto Olga Lewicka, © Olga Lewicka


Für Force & Grace, ihrem Beitag für Views, verbindet sie abstrakte Gemälde mit einem Text über Samson. In dieser überaus zwiespältigen altestamentarischen Figur verbinden sich fundamentale Gegensätze: Einerseits gilt Samson Held, aber gleichzeitig auch blindwütender Rächer, der bei seinem Ende tausende von Menschen mit in den Tod nimmt - für Lewicka ein "biblischer Selbstmord-Terrorist".



Galeria Rusz, Opór, Plakat, 2007,
Courtesy Galeria Rusz


Dem Duo Galeria Rusz - Joanna Górska und Rafal Góralski - geht es darum, die Öffentlichkeit ganz direkt mit ihren Arbeiten zu konfrontieren. Auf Litfasssäulen und Plakatwänden installieren sie bunte, manchmal fast naiv wirkende Bilder oder gesellschaftskritische Statements wie "Ich weiß, dass der freie Wille existiert aber es gibt immer nur eine Wahl". Ihr Beitrag kreist um das Thema Widerstand - von historischen Widerstandbewegungen bis zu individuellem Ungehorsam. Auf einem Plakat sind elektronische Bauteile, Widerstände, zu sehen, begleitet von dem Text "Einst Symbol für aktiven Widerstand, heute für ungehorsames Denken". Und an die Ausstellungsbesucher werden Widerstände verteilt, die sie sich anstecken können - wenn sie sich zu subversiven Gedanken bekennen möchten. Angesichts der bei Views versammelten Arbeiten eine überaus passende Geste.

Views 2007
15. September - 11. November 2007
Zacheta Nationalgalerie
Warschau

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