In dieser Ausgabe:
>> A Delicious Feeling of Confidence
>> Der lachende Pinsel
>> Kunst-Nukleus Villa Romana
>> Preis für junge polnische Kunst

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Fischli & Weiss, Mick Jagger and Brian Jones going home satisfied after composing
'I Can't Get No Satisfaction') Aus: Suddenly this Overview, 1981,
Copyright The Artists


Heutzutage setzt eine neue Generation ganz schlicht und ergreifend auf Cartoon-Kunst. Meister der Cartoon-Skulptur ist dabei Maurizio Cattelan. Wer könnte wohl ernst bleiben beim Anblick seines Porträts von Supermodel Stephanie Seymour als Jagdtrophäe? Oder bei dem klitzekleinen Puppenhaus-Drama eines Eichhörnchens, das im Begriff ist sich umzubringen - auf dem Küchentisch liegt schon die Pistole bereit. Fischli & Weiss fertigen ihre eigenen geistreichen Tableaux vivants, Entwürfe aus ungebranntem Ton mit absurden Titeln wie Mick Jagger and Keith Richards "walking home satisfied after recording 'I can't get no satisfaction'". Ein Hauch von Laurel & Hardy schwingt auch bei ihren Equilibres mit - Fotografien von sorgsam austarierten Skulpturen, die aus Dingen wie Gabeln oder Würstchen bestehen. Takashi Murakami hat seinen eigenen Kunstcomic entworfen, in dem ein gewisser Mr. Dob Abenteuer in der Welt der Moderne erlebt. In einem Bild verzieht sich sein Gesicht zu einer Grimasse à la Francis Bacon, in einem anderen mutiert er zu einem Arrangement aus Streifen wie auf einem abstrakten Bild.

Ich bin nicht der einzige, der zeitgenössische Kunst komisch findet. Letztens versuchte ich einen wichtigen TV-Redakteur für eine satirische Serie zum Thema Gegenwartskunst zu begeistern. So etwas sei nicht möglich, sagte er, die Wirklichkeit ist doch viel unglaublicher als alles, was man erfinden könne. Ich ließ mich davon nicht entmutigen und versuchte meine Idee bei einem Produzenten der Comedy-Serie The Office unterzubringen. Auch er war nicht begeistert und meinte nur: "Es ist besser mit Situationen anzufangen, die nicht von vorneherein komisch sind."


Fischli & Weiss, Natürliche Grazie, aus: Quiet Afternoon, 1984,
Kunsthaus Zurich


Die Welten von Kunst und Comedy sind für mich inzwischen so sehr miteinander verschmolzen, dass ich nicht mehr sicher bin, was ich in der Kunstszene noch ernst nehmen soll. Bei Sotheby's beobachtete ich Jay Jopling dabei, wie er für eines der Schmetterlingsbilder von Damien Hirst bot. Er kaufte es schließlich für mehr als eine Millionen Pfund. Die dreiste Manipulation des Marktes durch Hirsts eigenen Galeristen - das wäre in jedem anderen Finanzmarkt undenkbar - zauberte ein süffisantes Grinsen auf meine Lippen. Allerdings fragte ich mich gleichzeitig, weswegen mir diese Episode so komisch vorkommt. Weil Jay wissen sollte, dass Hirst, wenn er es wollte, noch Hunderte Bilder dieser Art Bilder produzieren und ihm eines für einen bescheideneren, fünfstelligen Betrag verkaufen könnte? Oder ist der Preis an sich der Witz? Dass dies eine lachhaft hohe Summe Geld für eine sehr bescheidene Idee ist? Und wenn dies so sein sollte, wäre das nicht gleichzeitig auch entsetzlich? Damiens diamantenbesetzter Schädel kostet so viel wie ein erstklassiges Tizian-Portät. Für mich ist das eine weitere Form von Humor in der Gegenwartskunst - Galgenhumor.

Und dann gibt es da noch die Presseinformationen. Mit dem Kunstmarkt ist auch die Zahl der Galerien explodiert. Jetzt gilt es sich richtig ins Zeug zu legen, um den eigenen Künstler bedeutender erscheinen zu lassen als den der Konkurrenten. So hat der Berg von Waschzetteln neue Gipfel erreicht. Wie viele schöne Stunden habe ich mit diesem Quatsch verbracht, der tagtäglich meinen Briefkasten verstopft.



Fischli & Weiss, Modenschau, aus: Sausage Photographs 1979
Walker Art Center, Minneapolis,
Copyright The Artists


Raten Sie einmal, welchem Künstler folgende Zeilen gewidmet sind: "Diese spektakulären Bilderfindungen verhindern jeden Versuch des Auges, einen Ruhepol zu finden. Leuchtend farbige Umrisse schneiden sich durch multiple Schichten, Konturen von Images rücken rhythmisch ins Blickfeld, Formen zeichnen sich ab, um dann wieder in einem Delirium von Farben und Linien zu versinken." Nein, falsch! Es handelt sich um - Jeff Koons. Gestresste Kuratoren laden mich zu Ausstellungen ein, zu denen es heißt: "In dem es Themen wie Erinnerung, Erfahrung und Nostalgie aufgreift, hat das Kollektiv auf den Raum geantwortet und Arbeiten geschaffen, die einen Diskurs zwischen Dauer und Flüchtigkeit eröffnen." Eine andere Schau möchte, dass ich mich in eine zwei Meter große Neonschrift vertiefe. In Großbuchstaben verkündet sie "I need sexual healing". "Ohne Licht und den Summtons des Neons", so lese ich, "ist dies nur ein hohles, armseliges Statement, eine sinnlos komplizierte Simulation. Diese Arbeit spricht von der Entropie einer spätkapitalistischen Produktion und hinterfragt die Rolle des Künstlers als angeblichem Helden und als gesellschaftlichem Sprachrohr."


Erwin Wurm, The artist who swallowed the world, 2006
Installationsansicht, BALTIC Centre for Contemporary Art, Newcastle,
Foto: BALTIC/ Colin Davison, Newcastle,
© VBK, Wien, 2006


Diesem einzigartigen Moment unserer Kulturgeschichte möchte ich einen eigenen Beitrag hinzufügen: Ich sehe mich als bahnbrechenden konzeptuellen Performancekünstler, der seine Aktionen auf Fotografien festhält. In Sechserauflage - plus zwei Abzüge für den Künstler. In den großformatigen Abzügen sieht man mich von hinten vor weltberühmten Gemälden stehen. Vor Davids Der Schwur der Horatier gehe ich leicht in die Knie. Neben Botticellis Geburt der Venus stehe ich mit einem Fuß auf dem Boden, während ich das andere Bein in einem Winkel von 35 Grad abspreize. Und auf einer dritten Arbeit sieht man mich im Vordergrund Grimassen schneiden, während im Hintergrund unscharf Rembrandts Nachtwache zu erkennen ist. Ich bin gleichermaßen von Hans Haackes Politisierung der Kunst beeinflusst wie von Douglas Hueblers Erkenntnis: "Die Welt ist angefüllt mit mehr oder weniger interessanten Objekten. Ich möchte ihnen keine weiteren hinzufügen." Für meine Serie furze ich in Museen vor Alten Meistern. Ich verstehe das als Kritik an dem elitären, patriarchalen und bourgeoisen Wertekanon der Kunst, ganz in der Tradition von Manzoni. Nur dass ich die Dematrialisierung des Kunstwerks konzeptuell noch weiter vorantreibe. Mein Medium ist die Luft, mein Pinsel der Schließmuskel. Und stellen Sie sich jetzt bitte vor, ich zeige diese Serie in einer Galerie und alles wird verkauft. Wer lacht dann als letztes. Die Künstler, die Sammler - oder ich?

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