Meine Malerei kommt aus der Natur: Ein Gespräch mit
Brice Marden
Zurzeit feiert ihn der Hamburger Bahnhof
mit einer großen Retrospektive: Brice Marden. Noch nie war eine solch
umfassende Auswahl seiner Arbeiten in Europa zu sehen. In Berlin zeigt er
die ganze Spannbreite seines Werkes, von frühen minimalistischen Bildern,
bis hin zu seiner jüngsten Serie The Propitious Garden of Plane
Image. Anlässlich der von der Deutschen Bank geförderten Schau hat Brigitte
Werneburg den charismatischen amerikanischen Malerstar getroffen und
sich angeregt mit ihm unterhalten: über Licht, Numerologie und Rockstars.
 Brice
Marden im Hamburger Bahnhof Foto:
Achim Drucks
"Immer, wenn ich hin und
wieder Bob Dylan treffe,
fragt er mich: 'Und du? Du malst wohl noch immer?' Er hat keine Ahnung,
was aus mir geworden ist", lacht Brice
Marden. Er hat gut Lachen, schließlich zählt er zu den besthonorierten
Künstlern unserer Zeit. Vor vier Jahren brachte es eine Version seines
sechsteiligen Cold Mountain-Zyklus (1988-91) auf über 10 Millionen
Dollar. Das schaffen noch Jasper
Johns, Richard
Serra, Lucian
Freud und vielleicht Cy
Twombly.
 Brice
Marden: Bear Print, 1997-98/2000 Collection
Peter Morton, Los Angeles ©2006
Brice Marden/Artists Rights Society (ARS), New York
Das
also ist aus Brice Marden geworden, dem jungen Künstler, der Anfang der
sechziger Jahre mit Pauline Baez, der Schwester von Joan
Baez verheiratet war; dem Maler, der seinem Freund Bob The Dylan
Painting (1966/86) widmete; dessen Bildtitel überhaupt gerne Bezug auf
die Popmusik nahmen, schon weil viele ihrer Protagonisten seine Freunde
waren. Nico (1966)
heißt ein Monochrom, andere Gemälde wie For Otis
(1967/68) oder For Pearl (1970) sind Otis
Redding oder Janis Joplin
gewidmet, das schwarz-grau-schwarze Bild Star (1972/74) ist wie der
Bildtitel in Klammern konkretisiert (for Patti Smith). Überhaupt
sah Brice Marden damals mit seiner androgynen Schönheit und seiner langen
Lockenmähne selbst wie das Idealbild eines Rockstars aus.
 Brice
Marden: For Pearl, 1970 Private
Collection ©2006 Brice
Marden/Artists Rights Society (ARS), New York
Dass
er dann aber ein Malerstar wurde, hätte Bob Dylan eigentlich mitbekommen
können. Trotzdem ist Dylans Reaktion nicht unverständlich. Er trifft in
dem immer noch attraktiven, inzwischen 69-jährigen Brice Marden eben einen
Freund aus alten Tagen, dessen lässiges, entspanntes Auftreten jedes
Anzeichen vermissen lässt, das den Rückschluss auf den bedeutenden
Gegenwartskünstler und Topseller des Kunstmarkts nahe legte.
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Brice Marden Fotografie
von Sidney B. Felsen © 1999
Eine
Version von Cold Mountain ist zurzeit in der großen Brice-Marden-Retrospektive
im Hamburger Bahnhof zu
sehen. Nach New York und San Francisco führt sie ihr einziger europäischer
Abstecher nach Berlin. Aus diesem Grund sitze ich auch dem zur Eröffnung
angereisten Künstler im Gartencafe von Sarah Wiener gegenüber. Im
Hintergrund der Berlin-Spandauer-Schiffahrtskanal. Auf dem Tisch: It's a
Sony. Brav zeichnet das Gerät unser Gespräch auf. Leider wird es sich
später weigern, die kurzen, trockenen, dabei äußerst präzisen und gerne
mit der einen oder anderen selbstironischen Volte versehenen Sätze in
Gänze wiederzugeben, mit denen Brice Marden meine Fragen beantwortet. Ja,
Brice Marden monologisiert nicht, er antwortet. Er geht nicht mit einem
Repertoire vorgefertigter Antworten über die doch nur immer gleichen
Fragen hinweg, er hört genau zu. Und damit wird es zu einem ungeheuren
Vergnügen, mit ihm zu reden.
 Brice
Marden: Cold Mountain 6 (Bridge), 1989-91 San
Francisco Museum of Art. Purchased through a gift of Phyllis Wattis ©2006
Brice Marden/Artists Rights Society (ARS), New York
Natürlich
kommt er auf ihm wichtige Erlebnisse, Geschichten und Gedanken zu
sprechen, über die er sich schon anderenorts ausgelassen hat. Dass die
Zahl Sechs
eine für ihn günstige Zahl sei und daher sechs einzelne Bildtafeln seine
aktuelle große Arbeit The Propitious Garden of Plane Image
bilden, ist so eine Anekdote, die er nun um das Bekenntnis ergänzt, was
"günstig" eigentlich meine, wisse er nicht. Und im übrigen habe der Numerologe,
als Marden auf der Ausstellungseröffnung im Museum
of Modern Art zu ihm sagte, "Jeffrey, dieses Gemälde habe ich gemalt,
weil Sie mir sagten, sechs sei meine Zahl", zu seinem großen Erstaunen
erwidert, "Ihre Zahl ist nicht sechs, sie ist 15".
 Brice
Marden: The Propitious Garden of Plane Image, Second Version (Photographed
unfinished in May 2006), 2000-2006 Collection
the artist. Courtesy Matthew
Marks Gallery, New York ©2006
Brice Marden/Artists Rights Society (ARS), New York
Dann
wird sein nächstes Vorhaben also ein fünfzehnteiliges Gemälde sein? Er
lacht. Und wie sich dann herausstellt, kennt Brice Marden auch keine
Vorbehalte gegen Fragen, die ihm weit hergeholt erscheinen müssen. Wie die
Frage nach dem Zusammenhang von Malerei und Wetter. Wie die Malerei von
Licht handelt, handelt so nicht auch das Wetter von Licht? Definieren wir
das Wetter nicht gerne nach dem dann herrschenden Licht? Hatte er also
jemals die Idee, seine Farben und ihr Licht auf eine bestimmte Witterung
zu beziehen? Immerhin handeln seine Bilder von bestimmten Landschaften wie Nebraska
(1966), oder einem bestimmten Ort wie Towards Brindisi (1972)? Ja,
er wollte immer ein Bild malen, das "herankommender Frühling" heißen
sollte und dazu noch ein Herbstbild. Aber er male zu langsam und dann sei
der Frühling schon wieder vorbei.
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Brice Marden: China Painting, 1995-96 Private
Collection ©2006 Brice
Marden/Artists Rights Society (ARS), New York
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