Gekommen um zu bleiben: Die skulptur projekte
münster 07
Nach dem Getümmel auf der
Biennale in Venedig, der Art Basel und der documenta bildete
die Eröffnung der Münsteraner skulptur projekte den
Abschluss der diesjährigen "Grand Tour", die Kunstbegeisterte durch ganz
Europa führte. Mit dabei: Isa Genzken, deren Beitrag von der Deutschen
Bank gefördert wird. Alle zehn Jahre zeigt das Langzeitprojekt, wie sich
der Begriff der Skulptur im öffentlichen Raum geändert hat und verwandelt
dabei die beschauliche westfälische Stadt in ein internationales
Kunstlabor. Doch wie gehen die Teilnehmer mit der zunehmenden
Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Raumes um? Silke
Hohmann hat sich aufs Rad geschwungen und in Münster umgeschaut.
 Andreas
Siekmann: Trickle Down. Der
öffentliche Raum im Zeitalter seiner Privatisierung Foto:
Roman Mensing/sp07
Ganz nebenbei sind Kasper
Königs skulptur projekte
auch eine Ausstellung über die Zeit. Alle zehn Jahre findet die Schau in
Münster statt, und über die vier vergangenen Dekaden hat sich nicht nur
die Stadt sondern auch die Kunst maßgeblich verändert. Die großzügige
Taktung wirkt außerdem wie Gegengift zum durchgedrehten Messe- und
Biennalewesen, in dem sich die globalen Ereignisse inzwischen nahtlos
aneinanderreihen. Und auch die rund dreißig neuen Werke, die größtenteils
zum Bleiben geschaffen wurden, müssen sich der Dauer stellen.
 Bruce
Nauman Square Depression Foto:
Arendt Mensing/sp07
Bruce
Naumans invertierte Pyramide Square Depression in der Nähe des
Universitätsgeländes hätte es schon 1977 geben sollen. Dreißig Jahre
später ist der quadratische Krater, der einige Meter in den Boden führt,
realisiert worden und wirkt, als wäre er schon immer da gewesen. Obwohl er
brandneu ist, sieht man ihm die verstrichenen Jahre ein bisschen an.
Münster
07 zeigt, wie sich der Begriff der Skulptur im öffentlichen Raum seit der
Gründung der Freiluft-Ausstellung verändert hat: Für Claes
Oldenburg und Donald
Judd, die ihre geometrischen Exerzitien in der Vergangenheit in die
Landschaft bauten, ging es noch um radikale Selbstbehauptung, um das Recht
des Künstlers darauf, sich außerhalb des Museums zu äußern. Dieser Kampf
ist 2007 längst ausgestanden – und wurde am Ende doch verloren: gegen die
Übermacht der Berliner
Buddy-Bären, der Züricher
Kühe und Frankfurter
Euros, die zwar ohne explizite allgemeine Zustimmung der Bürger, aber
auch weitgehend ohne Protest inzwischen ganz selbstverständlich die Städte
bevölkern. Und nebenbei den mühsam erarbeiteten Begriff von Kunst im
öffentlichen Raum mit kreischbunter Hurra-Geste endgültig zertrümmern.
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Andreas Siekmann: Trickle
Down. Der öffentliche Raum im Zeitalter seiner Privatisierung Foto:
Roman Mensing/sp07
Andreas
Siekmann hat dazu eine der intelligentesten Arbeiten der skulptur
projekte 07 entwickelt: Er beschaffte sich eben diese Aufstell-Kühe,
-Pferde (Hannover), -Frösche (Quakenbrück), zerschredderte sie und ballte
sie zu einer fast drei Meter hohen Kugel zusammen. Die demonstrative
Verschrottung wirkt erst wie ein destruktiver Kommentar, aber Siekmann
geht weiter. Er hat die so entstandene neue Skulptur und zusätzliche
Info-Elemente mit Piktogrammen über die zunehmende Privatisierung
bedruckt: Sicherheitskräfte vertreiben Menschen, die keine potenziellen
Kunden sind, von Plätzen und Einkaufsstraßen. Andreas Siekmanns Arbeiten
sind oft didaktisch, doch hier ist der Dreh nötig, um einen wichtigen,
größeren Zusammenhang zu zeigen: die Verdrängung urbanen Lebens aus dem
öffentlichen Raum durch Privatisierung und die ästhetischen Folgen.
 Clemens
von Wedemeyer: Von Gegenüber Foto:
Roman Mensing/sp07
Ein Film von Clemens
von Wedemeyer, der im Kino neben dem Bahnhof läuft, stimmt gleich zur
Ankunft in Münster auf den Stadtparcours ein: Der 1974 geborene
Filmkünstler hat den öffentlichen Raum rund um jenen Bahnhof als
Schauplatz gewählt für eine Aneinanderreihung von Episoden, die 24 Stunden
umfassen. Morgens die Bedürftigen in der Bahnhofsmission, die ausländische
Frau ohne Fahrschein, die herrenlose Tasche am Bahnsteig, nachts die Angst
in der Unterführung – von Wedemeyers subjektive Kamera zeichnet ein Bild
der Stadt auf, das dem Kurzbesucher sonst verborgen bliebe. Seine Themen
wie Armut und Sicherheitswahn baut er dabei so wirklichkeitsgetreu ein,
dass man sich fragt, warum er nicht entweder tatsächlich eine
Dokumentation gedreht, oder eben mit seinen Schauspielern – teilweise
wirklich Obdachlose aus Münster – mehr Fiktion gewagt hat. Trotzdem wirkt
von Wedemeyers Film beim Rundgang nach und wird so zur Arbeit im
öffentlichen Raum. Es spricht für die Kuratoren
Kasper
König, Brigitte Franzen und Carina Plath, dass sie Wedemeyer
ausgewählt haben – wegen seines thematischen Anliegens, trotz seines
Mediums.
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