Hans-Peter Feldmann: WC-Anlage
am Domplatz Foto: Roman
Mensing/sp07
Ansonsten wirkt Münster nämlich
fast erschütternd intakt, die Tour mit dem dringend empfohlenen Fahrrad –
als Fußgänger oder Autofahrer zählt man in der Uni-Stadt zur gefährdeten
Minderheit – kommt bei gutem Wetter einem Ferienerlebnis in einem leicht
verschnarchten Seebad gleich. Darum scheitert auch die mit Spannung
erwartete Arbeit Hans-Peter
Feldmanns: Er setzte seinen Etat um in die Verwandlung einer
öffentlichen Toilette in einen "Wellness Raum" – von dem der Künstler
offenbar selbst nur vage Vorstellungen hat. Und dabei obendrein vergisst,
welchen Wohlstand Münster ohnehin für viele Besucher ausstrahlt. Am Ende
wirkt sein Eingriff mit den grünen Kacheln, den billigen bunten
Pseudo-Chandeliers und den großen Bildern einer Orchidee so bemüht wie die
Toilettengestaltung der Szene-Gastronomie von Städten wie Würzburg,
Göttingen oder halt Münster.
 Pawel
Althamer: Pfad / Sciezka Foto:
Roman Ostojic/sp07
Künstler wie Pawel
Althamer oder Tue
Greenfort bringen die heile Welt von Münster ganz gezielt
durcheinander: Althamer fiel bei seiner Recherche in der für ihre
Lebensqualität ausgezeichneten Stadt das geradezu absurd durchorganisierte
Nebeneinander von Fußgängern, Autos und den allgegenwärtigen Radfahrern
auf. Mit für das ungeübte Auge komplizierten Straßenmarkierungen wird
ihnen jederzeit eine sichere Schneise im Verkehr geschlagen. Der gebürtige
Warschauer ließ jenseits aller vorgesehenen Routen einen Pfad trampeln,
der aus der Stadt hinaus in ein Feld führt. Seine archaisch-anarchische
Markierung steht in schönster form-follows-function-Tradition, wobei der
Weg selbstverständlich das Ziel bleibt. Auch der Däne Tue Greenfort nimmt
ein paar Umkehrungen vor und lässt einen Güllewagen sauberes Wasser in den
Aasee sprinkeln – der Jahr für Jahr von Algen verseucht wird, als Folge
überdüngter Felder im Umland.
 Tue
Greenfort: Diffuse Einträge Foto:
Thorsten Arendt/sp07
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Viel subtiler sind Isa
Genzkens Puppen-Arrangements: Die Künstlerin, die den Deutschen
Pavillon auf der Biennale in
Venedig gestaltet hat, lässt auf einem großen Platz ein kleines Heer
aus Puppen in ihren jeweiligen Gefährten, Sitzen und Unterständen auf die
Öffentlichkeit los. Gesponsert hat diese Arbeit die Deutsche
Bank. Schirme, bizarre Accessoires, Farbe und glotzende Babys, Teddys
und Maskottchen bilden ein freundlich-schauriges Spalier für die
interessierten Passanten – etwa Familien mit Kinderwagen, die sich
interessiert durch die Installation schieben und dabei unversehens in den
Genzkenschen Formenkanon eingegliedert werden. Isa Genzken macht den
öffentlichen Raum zur bizarren Bühne, ohne dass irgendwer von diesem
Kommentar ausgeschlossen wäre. Damit schafft sie eine ziemlich
einzigartige Dialektik aus Zynismus und Versöhnlichkeit, was sich erst
dann vollends zeigt, wenn die Skulptur im öffentlichen Raum auch ihre
Betrachter findet. Ihre Arbeit sieht, wie immer, auf den ersten Blick
schrottig aus, ist aber eine formal fein austarierte, präzise Assemblage
über Sehnsüchte und Versehrtheiten. Die Szene-Gastronomie im Hintergrund
heißt, wie ein böser intelligenter Witz, "Lazzaretti".
 Isa
Genzken: Ohne Titel Foto:
Roman Mensing/sp07
Der für den Turner-Preis
nominierte Mark
Wallinger hat eine große soziale Plastik geschaffen, so minimal
invasiv der Eingriff auch sein mag: Er spannte einen nahezu unsichtbaren
Faden um die Stadt. Wallinger musste an allen Befestigungspunkten
Erlaubnisse einholen, und nun zeichnet in vier Metern Höhe eine
Angelschnur den Stadtradius nach – so gut wie nicht vorhanden, und doch
als Geste so stark, dass sie die Identifikation der Bürger von Münster mit
ihren Aufsehen erregenden skulptur projekten sanft bündelt. Darum
ist Wallingers Arbeit vielleicht nicht die aufregendste Plastik, aber im
Sinne einer Standortbestimmung der Kunst im öffentlichen Raum die beste
Arbeit der skulptur projekte 07: Es ist eine Skulptur, die formale
und soziale Fragen gleichermaßen stellt, die die Rolle der Kunst selbst
thematisiert, und Gemeinsamkeiten schafft. Und das ist vielleicht die
größte Herausforderung an die Skulptur im öffentlichen Raum im 21.
Jahrhundert: Mit den Mitteln der Kunst auf der Höhe der Zeit eine
Verbindlichkeit herzustellen zwischen dem Raum und den Menschen, die sich
darin bewegen.
 Mark
Wallinger: Zone Foto:
Roman Mensing/sp07
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