Schlechtes Wetter und andere Katastrophen Warum die
Documenta 12 nicht wirklich gelungen ist
Ausgetrocknete
Reisfelder, eingestürzte Türme, Kunst mit Mottenkugel-Flair. Die Documenta
12 ist heiß umstritten. Das Kuratorenpaar Roger M. Buergel und Ruth Noack
strickt Kunstwerke ohne erkennbare These zusammen. Doch gerade weil die
Schau in Kassel so offen angelegt ist, kann sich jeder Besucher sein
eigenes Bild machen. Ein sehr persönlicher Kommentar von Tim
Ackermann.
 Sakarin
Krue-On Terraced Rice Field Art
Project, Kassel, 2007 Bergpark
Wilhelmshöhe, Kassel © Foto
/ Montage Sakarin Krue-On
"Die Documenta
bringt die Probleme der Welt mitten in unser Wohnzimmer." Diesen Satz hat
Bundespräsident Horst
Köhler bei der Eröffnung der wichtigsten Kunstausstellung der
Welt in Kassel gesagt. Er hatte wohl keine Ahnung, wie Recht er damit
haben würde.
 Ai
Weiwei documenta 12
Ausstellungsansicht © Courtesy
the artist; Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne; Foto:
Frank Schinski / documenta GmbH
 Ai
Weiwei Ausstellungsansicht ©
Foto: Adrian Christopher Koss
Denn
die altbekannten "Probleme der Welt" – extremes Klima und ungezügelte
Naturgewalten – verursachten zahlreiche Pannen auf der Kasseler
Mega-Schau: Die Reisfeldterassen, die der Künstler Sakarin
Krue-On vor dem Schloss Wilhelmshöhe aufgeschichtet hat, trockneten
kurz nach Eröffnung aus und drohten bei stärkerer Bewässerung vollends
abzurutschen. Das Mohnfeld von Sanja
Ivekovic auf dem Friedrichsplatz wollte ebenfalls zunächst wegen des
Wassermangels nicht blühen. Mittlerweile hat Documenta-Chef Roger
M. Buergel trotz veränderter Wetterlage die erste Mohnpflanze
persönlich begrüßen können. Dafür säuft jetzt der eigens errichtete
Ausstellungspavillon in den Auewiesen des Öfteren ab. Der Höhepunkt der
Katastrophenserie kam in Gestalt eines Sommerunwetters, das kurzerhand
einen zwölf Meter hohen Turm aus alten chinesischen Türen des Künstlers Ai
Weiwei umwehte. Buergel bezeichnete die neue Form sogleich als
"anregend". Der Künstler will das Werk im Trümmerzustand belassen und
erhöhte den Preis auf das Doppelte. Warum wohl? Das fragte sich auch der
Berliner Kunstkritiker Thomas Wulffen und beweist auf seinem Blog
mit Hilfe von zwei Fotos, dass der hölzerne Trümmerhaufen jetzt
tatsächlich Caspar
David Friedrichs weltberühmtem Eismeer-Bild
ähnelt. Die "Migration der Formen" – an dieser Stelle findet das Leitthema
der Documenta seinen satirischen Schlussakkord.
 AuePavillion
© Foto Frank Schinski /
documenta GmbH
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Das Possenspiel um Klimadebatte und Kasseler Turmsturz ließ
sich selbstverständlich medial ausgezeichnet aufbereiten. Fast ist dabei
in Vergessenheit geraten, dass die Documenta 12 als Gesamtkonzeption
visuell erschreckend schwachbrüstig ist. Man möchte nicht so weit gehen,
wie der Kritiker des englischen Daily
Telegraph und von der "schlechtesten Ausstellung aller Zeiten"
sprechen. Aber nah dran ist die Großschau schon.
Um
"Schönheit" sollte es diesmal gehen. Schluss mit dem Theoriegewälze,
forderte Buergel, und her mit der reinen "Lust am Sehen". Doch nun sieht
der Betrachter in der Ausstellung vor allem, dass Schönheit eine
Geschmacksfrage ist, über die sich trefflich streiten lässt. Darüber
hinaus ist die Schau ziemlich inhaltsleer, die Auswahl der Kunstwerke
scheint vor allem im neu errichteten Aue-Pavillon
beliebig.
 James
Coleman Retake with Evidence,
2007 Performed by Harvey Keitel.
Projected Film. Courtesy: James
Coleman; Marian Goodman Gallery; Simon
Lee Gallery; Galerie Micheline Szwajcer. ©
James Coleman
Man sollte nicht ungerecht
sein: Natürlich gibt es wie bei jeder Documenta auch diesmal tolle
Arbeiten zu entdecken. Einen Film des irischen Künstlers James
Coleman etwa, in dem ein abgerockter Harvey Keitel hinreißend über die
Sinnhaftigkeit des eigenen Daseins schwadroniert. Oder eine Textilmalerei
von Lu
Hao, die sämtliche Gebäude an der Chang'an-Straße in Peking
dokumentiert. Lu zitiert damit einerseits Ed
Ruschas berühmten Fotozyklus Every Building on The Sunset Strip
und zeigt andererseits, dass die größten räumlichen Veränderungen der
chinesischen Hauptstadt durch die Landnahme internationaler Multikonzerne
ausgelöst werden.
 Lu
Hao recording 2006 chang' an
street, 2005 Sammlung Sigg ©
Lu Hao Courtesy Galerie Urs
Meile, Beijing-Lucerne
Neben dieser
detailliert-distanzierten Auflistung bestechen andere Werke voll
brodelnder Emotionen: Lee
Lozanos sexuell aufgeladene Gemälde etwa oder auch ein zartes Bild von Gerhard
Richter, der seine Tochter Betty gemalt hat. Für die beiden
letztgenannten Beispiele musste der kuratorische Bogen der Documenta
allerdings schon bis in die Sechziger und Siebziger zurück gespannt
werden. Und das ist noch lange nicht der Schlusspunkt der Zeitreise: Über
indische Gouachen aus dem 17. Jahrhundert geht sie zurück bis zu
persischen Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert. Man meint den Duft von
Mottenkugeln zu riechen und sehnt sich nach relevanten zeitgenössischen
Positionen. Zumal die Documenta mit John
McCrackens garstiger Mandala-Malerei aus den Siebzigern gleich
mehrfach belegt, dass "alt" nicht auch gleich "gut" bedeuten muss.
 Lee
Lozano Ohne Titel, ca. 1962 ©
The Estate of Lee Lozano and Hauser & Wirth Zürich London; Photo:
Barbora Gerny
 John
McCracken_03 Dog Star II, 1972 Courtesy
of Elkon Gallery, Inc., New York ©
John Mc Cracken, Foto: Egbert
Trogemann / documenta GmbH © VG
Bild-Kunst, Bonn 2007
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