So schreitet man durch die Ausstellung, die der
Kulturwissenschaftler Bazon Brock
als "Sammelsurium dritter Klasse" bezeichnet hat – verfolgt von der
"Migration der Formen". Viel Aufhebens ist im Vorfeld der Ausstellung um
dieses Leitthema Buergels gemacht worden. Eine Idee, die sich in der
Praxis als kuratorische Luftblase entpuppt. Denn der Versuch, zum Zwecke
der Erkenntnis formale Beziehungen zwischen Werken zu konstruieren, führt
in die inhaltliche Leere. Im Fridericianum wird etwa über das Stichwort
"Schnur" eine 100 Meter lange rote Kordel der indischen Künstlerin Sheela
Gowda mit dem Electric Dress aus Stromkabeln von Tanaka
Atsuko und einem "Bondage"- Video von Hito
Steyerl gedanklich verknüpft. An keiner Stelle der Ausstellungen
verbinden sich die derart zusammengestrickten Werkinhalte zu einer
erkennbaren These. Schon gar nicht in der Mischung von alter und neuer
Kunst. Stattdessen gilt die bekannte Regel: Sobald Kunstwerke nur deshalb
nebeneinander hängen, weil sie sich formal ähnlich sehen, wird die
Veranstaltung herzlich öde und zu einer Gängelei des Publikums.
 Iñigo
Manglano Ovalle Phantom Truck,
2007 © Iñigo Manglano-Ovalle; Foto:
Katrin Schilling / documenta GmbH
Bei der
Documenta lohnt sich also vor allem die Betrachtung einzelner Werke. Wenn
nur die Ausstellungsmacher die nötigen Informationen zum Verständnis
mitgeliefert hätten. Dann wüsste man, dass Iñigo
Manglano-Ovalles Lkw-Installation Phantom Truck, auf ein nicht
existierendes Gefährt anspielt, in dem Saddam Hussein nach Meinung der USA
biologische Waffen produziert haben soll. Mit Bildern dieses
"Phantom-Lasters" rechtfertigten die Amerikaner ihren Irak-Krieg – was der
Besucher entweder wissen oder für 34,99 € im Katalog nachlesen muss.
 Sheila
Gowda Ausstellungsansicht ©
Sheila Gowda; Foto Roman März /
documenta GmbH
Ohne Information in der
Ausstellung bleiben den Betrachtern also nur zwei Möglichkeiten: Er kann
die Kunst beiläufig streifen – dann erscheint sie ihm als ästhetisch mehr
oder weniger ansprechendes Ornament. Oder er kann sich doch auf die
inhaltliche Sinnsuche begeben und dann fühlt man sich schnell wie in einem
Hauptseminar, das man nie belegen wollte: kryptisch, verschlossen und mit
zwei Ausstellungsmachern als Klassenprimanern, die ihren Wissensvorsprung
genauso begierig zur Schau stellen, wie sie ihn eifersüchtig horten.
 Hito
Steyerl Lovely Andrea, 2007 Video
© Hito Steyerl
Und
auch diesmal übt sich die Documenta in Gesellschaftskritik. Das hat schon
Tradition in Kassel. In diesem Jahr bleibt der politische Gehalt der Werke
allerdings an vielen Stellen seltsam oberflächlich, bisweilen platt. Statt
Ursachenforschung zu betreiben, beschränken sich die Künstler lediglich
darauf, Symptome abzubilden. Beispiel "Brownie":
In kürzester Zeit hat sich die ausgestopfte Giraffe von Peter
Friedl zum Documenta-Maskottchen gemausert. Und tatsächlich wirkt das
arme Tier in der Documenta-Halle auf den ersten Blick, als wäre es gerade
im Fellwechsel begriffen – ein bisschen schäbig.
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Atsuko Tanaka ©
Ryoji Ito; Takamatsu City Museum of Art, Foto:
Shigefumi Kato
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s/w Fotografie von Atsuko Tanaka
1956/2007 Courtesy: Ashiya
City Museum of Art & History, Ashiya ©
Ryoji Ito
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Wer einen Initianten um Kontext-Informationen bittet,
erfährt, dass das Tier in einem Zoo im Westjordanland gelebt hat. Es starb
während einer israelischen Militärrazzia. Und zwar in Panik. Für Buergel
steht Brownie als "Kondensat" für den Israel-Palästina-Konflikt, wobei
sich der Ausstellungsmacher darüber ausschweigt, welchen Erkenntnisgewinn
die Giraffe als Symbol wohl für die verfahrene Situation in Nahost liefern
könnte. Selbstverständlich bringt das Stichwort "Palästina" trotzdem
"Brownie", Künstler und Kurator die einkalkulierte Aufmerksamkeit der
Medien ein.
Das Zusammenspiel von Künstler
und Medien funktioniert auch hervorragend bei einigen außereuropäischen
Kreativen. Zahlreiche Fernsehkameras stürzten sich bei der
Documenta-Eröffnung auf Romuald
Hazoumé aus Benin. Der Künstler hat ein Boot gebaut, das an die
afrikanischen Flüchtlinge erinnert, die bei dem Versuch, Europa zu
erreichen, ums Leben kommen. Leider hat Hazoumé für seine Skulptur
Benzinkanister verwendet, die in Benin gebräuchliche Alltagsgegenstände
sind und daher eine "authentische" afrikanische Aura verbreiten. In Kassel
hat der Künstler zudem sein Boot vor der Fototapete eines afrikanischen
Strandes platziert, so dass sich die Documenta-Leitung rühmen kann, hier
echten Ethno-Kitsch zu zeigen. Wie noch an einigen anderen Stellen, wo
geknüpfte Teppiche oder arabische Kalligraphie die europäische Sehnsucht
nach dem visuell "Anderen" befriedigen.
 Romuald
Hazoumé_03 Detail ©
Romuald Hazoumé / VG-Bild-Kunst Foto:
Jens Ziehe Courtesy the artist
Eher
pittoresk als politisch, eher ethnographisch als erhellend. Bei der
diesjährigen Documenta vermisst man eine klare Haltung – zur Kunst oder
zum Leben. Das Kuratoren-Ehepaar hatte ja bereits angekündigt, sein
Publikum verunsichern zu wollen, auf das es gefälligst lerne, "Spannungen
und Komplexität auszuhalten". Diesen Anspruch kann man durchaus hegen, nur
zeigt sich eben, dass "Verunsicherung" als einziger Programmpunkt doch
etwas zu wenig ist. Besonders wenn es um die Documenta geht, von der sich
die Kunstliebhaber zukunftsweisende Impulse erhoffen. Zum Glück kann man
sich von dem Debakel erholen – an einem besonderen Ort: Die Deutsche
Bank Art Lounge im Café im Turm der Lutherkirche bietet den Besuchern
während der gesamten Dauer der Documenta einen Zufluchtsplatz jenseits
aller Bedeutungshuberei an.
 Peter
Friedl_02 Ausstellungsansicht ©
Peter Friedl; Foto: Egbert
Trogemann / documenta GmbH © VG
Bild-Kunst, Bonn 2007
Buergel und Noack
haben also eine rückwärtsgewandte, verschnarchte und geschmacklich
peinlich private Documenta-Ausstellung abgeliefert, die vergeblich ihre
Relevanz für den zeitgenössischen Kunstbetrieb reklamiert. Ein ziemlich
frustrierendes Ergebnis. Aber auch das hat uns Buergel mit auf den Weg
gegeben: "Frustration ist unverzichtbarer Bestandteil des
Bildungsprozesses."
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