Glanzvolles Elend Avner Ben-Gals abgründige Welt
Obdachlose,
Kleinkriminelle, Männer mit geschulterten Gewehren – solch dubiose
Gestalten bevölkern die Bilder von Avner Ben-Gal. Sie zeigen eine düstere
Welt voller Gefahren, seine aquarellhaften Gemälde sind dabei aber von
hohem ästhetischen Reiz. Das Baseler Museum
für Gegenwartskunst würdigt die Katastrophenszenarien des in Tel
Aviv lebenden Künstlers dieses Jahr mit einer umfangreichen Soloschau. Cheryl
Kaplan hat mit Ben-Gal, der auch in der Sammlung Deutsche Bank
vertreten ist, in New York gesprochen.
 Avner
Ben-Gal, Tsunami, 2006 Courtesy
of the artist and Bortolami Gallery, New York
Schon
ein Blick auf die Titel seiner Gemälde macht klar: Avner
Ben-Gal hat ein Faible für Katastrophen. Auf Arbeiten wie Tsunami,
Sudden Poverty und Fear of Falling in the Street platziert er
seine Protagonisten inmitten desaströser Szenarien. Tsunami
zeigt ein Paar, das in einem angedeuteten Raum auf allen Vieren einer
grauen Wasserwand entgegensieht, die ihm wahrscheinlich den Tod bringen
wird. In Sudden Poverty sieht man zwei abgeschlagene Köpfe über
einer von einem Hurrikan verwüsteten Landschaft schweben. In Fear
of Falling in the Street liegt ein dicker, bärtiger Mann auf einem
Berg Abfall und bettelt mit letzter Kraft um ein paar Münzen. Ben-Gal hat
eine seltsame Vorliebe für Charaktere in hoffnungslosen Situationen. "Sie
besitzen eine verborgene Seite, die enthüllt werden will", sagt der
israelische Künstler. Sein Ensemble zwielichtiger Gestalten bewohnt eine
Welt, die geprägt ist von Desastern. In Ben-Gals Werk fällt eine seltsame
Dichotomie auf: Er zeigt einerseits Menschen, die hilflos Naturgewalten
ausgesetzt sind, die sie nicht kontrollieren können. Oder eine von
Menschen geschaffene Hölle, bevölkert von Individuen, die anscheinend
keine andere Wahl haben, als in ihrem Elend weiterzuleben.
 Avner
Ben-Gal, Sudden Poverty, 2006 Courtesy
of the artist and Bortolami Gallery, New York
Sein
Gemälde Public Phone, ganz in verwischten Grautönen gehalten,
zeigt einen einsamen Mann, der wie ein in die Jahre gekommener Hippie
wirkt. Er lungert in einer Telefonzelle herum, als wäre sie sein zweites
Zuhause. "Das Bild ist etwas schräg und ein bisschen
achtziger-Jahre-mäßig. Wer benutzt denn heute überhaupt noch öffentliche
Telefonzellen? Doch nur Leute, die etwas seltsam sind", kommentiert der
Künstler. Er malt bevorzugt Menschen am Rande der Gesellschaft. "Es sind
Junkies und dubiose Gestalten, entkommene Gefangene und Obdachlose. Sie
sind nicht unbedingt Outlaws, aber oft nahe dran. Sie sehen unheimlich aus
und irgendwie verdächtig. Bei uns in Israel gibt es viele Typen, die
wirken, als wären sie gerade einem Roman von Charles
Dickens entsprungen."
 Avner
Ben-Gal, Public Phone, 2006 Courtesy
of the artist and Bortolami Gallery, New York
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Avner Ben-Gal, Monkey in Bath, 2005, Sammlung
Deutsche Bank Courtesy of the
artist and Sadie Coles HQ, London
Wie die
Taschendiebe und Kleinkriminellen des englischen Dichters haben sich auch
Ben-Gals Schurken in ihrem Schicksal eingerichtet und geben sich ihrem
Elend mit Freude hin. Assoziationen zu den politischen
Auseinandersetzungen im Nahen Osten sind dabei nicht beabsichtigt. "Ich
male nicht, um politische Geschichten zu erzählen. Mich interessieren die
verschiedenen Zustände der menschlichen Natur. Diese Leute versuchen
einfach nur zu überleben." Sozusagen der Bodensatz der Gesellschaft, der
sich kaum beachtet auf den Straßen herumtreibt.
 Avner
Ben-Gal, Gang, 2000 Courtesy of
the artist and Bortolami Gallery, New York
Auch
Ben Gals Zeichnungen und Aquarelle führen in eine düstere Welt. "Für die
Zeichnungen arbeite ich mit Magic Markers und unruhigen Linien." Ihr
schneller Stil erinnert an Comics – so auch seine Serie Salt Mine
. Der Tenor dieser Arbeiten, die um Themen wie Sexualität und die Lust an
Bestrafung kreisen, erscheint als besonders abgründig. Gang
zeigt fünf Männer, die buchstäblich in Blut waten. Ihre besudelte Kleidung
zeugt noch von einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Mit ihren
aufgesetzten Tough-Guy-Posen wirken die bärtigen, langhaarigen Männer in
ihren beigen Schlaghosen und den Rollkragenpullovern als wären sie einem
brutalen B-Movie der siebziger Jahre entsprungen. Cool und völlig
unbeteiligt haben sie sich wie für ein Familienfoto aufgestellt. Das Bild
vermittelt eine erschütternde emotionale Leere und verunsichert den
Betrachter, weil es die Brutalität der Szene als etwas völlig
selbstverständliches präsentiert.
 Avner
Ben-Gal, Saltwater, 2002 Courtesy
of the artist and Bortolami Gallery, New York
Genauso
unbeteiligt wirken auch die Personen auf seinem Gemälde Saltwater.
Eine Frau kniet mit nacktem Oberkörper vor vier Männern, die sich an
dieser demütigenden Situation weiden. Einer hält in der rechten Hand eine
Sektflasche, deren Inhalt er über die Brüste der Frau gießt, während er
mit der Linken masturbiert. Die seltsame Mischung aus Aggression und
Passivität vor dem Hintergrund einer in hellen Pastellfarbenen gehaltenen
Landschaft verleiht dem Bild seine Sprengkraft.
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