"Material ist alles"
Ein Gespräch mit Tony Cragg

Tony Cragg Foto: Hugo Glendinning, ©
Tony Cragg
Constant Change
heißt die fast fünf Meter hohe Skulptur – zwei silbrig glänzende Wirbel aus
Edelstahl, die sich in die Luft schrauben. Fast meint man, die Profile von
Gesichtern zu erkennen. Constant Change – die "ständige
Veränderung" ist bei Tony
Cragg Programm. Der 1949 in Liverpool geborene Bildhauer, der seit
1977 in Wuppertal lebt, lässt sich weder auf einen Stil noch ein Material
festlegen. Neben Bronze, Stein oder Gips arbeitet er mit modernen
Kunststoffen wie Fiberglas oder Kevlar, einer Faser, aus der sonst
schusssichere Westen produziert werden. In einer immer stärker vom
Menschen geprägten Umwelt sucht Cragg die ästhetische Verpflichtung
deutlich zu machen, die aus der Arbeit mit dem Material erwächst. Ende der
siebziger Jahre wird er mit Assemblagen aus Zivilisationsmüll wie bunten
Plastikflaschen international bekannt. Seit den Neunzigern entstehen
durchlöcherte, transparente Bronzeobjekte und biomorphe Formen, die auf
dem Boden lagern.
Der Brite, der vor seinem Kunststudium zwei Jahre
lang in einem Chemielabor gearbeitet hat, hat sich intensiv mit den
Erkenntnissen der Naturwissenschaften auseinandergesetzt. So auch in
seiner monumentalen Skulptur Secretions (1998) aus der
Sammlung Deutsche Bank. Sie hat im Foyer des
Winchester House, dem Londoner Hauptsitz der Bank, einen prominenten Platz
gefunden. Tausende von weißen Plastikspielwürfeln setzen sich hier wie
Moleküle zu organischen Formen zusammen. Mit ihren flirrenden Oberflächen
scheinen sie sich in einer beständigen Verwandlung zu befinden.
In Wuppertal hat der Turner-Preisträger und mehrfache Documenta-Teilnehmer
2006 eine Villa erworben, in deren weitläufigem Garten er einen
Skulpturenpark plant. Nach einer großen Einzelausstellung in der
Akademie der Künste in Berlin und im
Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg öffnete seine aktuelle
Galerieausstellung im Mai bei
Marian Goodman in New York. Brigitte Werneburg hat Tony Cragg in
seinem Wuppertaler Atelier getroffen.

Slice, 2000 Foto: Niels Schabrod, ©
Tony Cragg
Brigitte Werneburg:
Unter den Tausenden von Dingen, die jeden Tag hergestellt werden, sind auch
Kunstobjekte. Fallen Gemälde, Videos, Fotografien, bildhauerische
Installationen und Skulpturen noch auf? Oder werden sie inzwischen als
normales Produkt eines zunehmend prosperierenden Marktes betrachtet?
Tony Cragg: Ich denke, Kunst zu schaffen, ist immer noch eine sehr seltene
menschliche Aktivität. Vielleicht irritiert es deshalb, dass sie einen
Preis hat. Im Grunde genommen ist die Wertschöpfung der Kunst keine
riesige Angelegenheit. Kunst ist nie Massenproduktion. Es geht um die
individuelle Auseinandersetzung des Künstlers mit einer selbstgestellten
Aufgabe. Ein Bild zu malen kann man nicht mit der Herstellung von
Kunststoffflaschen vergleichen.
|
Grey Container, 1983
Foto: Franco Toselli & Co., © Tony Cragg
Was heißt das für Sie als Bildhauer?
Nun ja, nehmen Sie, sofern es das gibt, das durchschnittliche Straßenbild:
Autos, Busse, Lastwagen, dann die Teerflächen und Bordsteine, die
Telefonzellen, Lampen, Reklamen und Straßenschilder, die überall in
gleicher Weise zu finden sind. Das ergibt eine Alltagsrealität, deren Form
Ausdruck einer ökonomischen Zweckrationalität ist. Der bequemste und
wirtschaftlichste Ausstoß hat die größten Überlebenschancen, um die
normale Dingwelt mit
Darwin zu betrachten. Die Bildhauerei, die eminent unnütz ist, macht
deutlich, dass es um diese Zweckrationalität nicht geht. Sie führt zu
einer Verarmung der Formen, deren Möglichkeiten die Bildhauer ja deutlich
machen müssen.

George and the Dragon, 1988 ©Tony
Cragg
Aber andere Bildhauer geben in
ihren Objekten schon existente Dinge wieder. Warum müssen Ihre Plastiken
und Skulpturen Formen aufweisen, die nur Dank Tony Cragg überhaupt in die
Welt kommen?
Bis zum Ende des 19.
Jahrhunderts war Bildhauerei ausschließlich repräsentativ. Nur Dank der
Arbeit anderer Bildhauer und Künstler über den Zeitraum der letzten 100
Jahre hat man andere Möglichkeiten entdeckt als die der figurativen, in
traditionellen Materialien wie Stein und Metall angefertigten Skulptur.
Daher wurde Bildhauerei schließlich als "Denken mit Material"
wahrgenommen. Nimmt man diesen Ansatz ernst, muss man nicht mehr nur über
die Figur nachdenken, oder das, was schon existiert. Man denkt irgendwann
über das nach, was noch nicht existiert. Das fängt in jedem Fall mit
Rodin an. Die Kunst hat die Möglichkeit ergriffen, eine ganz neue Sprache
und ganz neue Formerlebnisse zu schaffen.

Line of Thought, 2002 Foto: Niels
Schabrod, © Tony Cragg
[1]
[2]
|