Baustellen der Moderne: Isa Genzken auf der 52.
Biennale in Venedig
 Isa
Genzken, Oil, 2007, Deutscher Pavillon, Venedig
In
wenigen Tagen ist es soweit: Unterstützt von der Deutschen
Bank als Hauptsponsor wird der deutsche Pavillon auf der 52. Biennale
von Venedig eröffnet. Bespielt wird er von Isa
Genzken, die mit ihrem Beitrag "Oil" nach einer über dreißigjährigen
Laufbahn auf dem Höhepunkt ihrer Karriere steht. In der Kunstszene ist die
1948 geborene Künstlerin eine Legende. Dennoch ist sie in der breiten
Öffentlichkeit kaum bekannt. Das wird sich jetzt ändern. Brigitte
Werneburg und Oliver Koerner von Gustorf über Genzkens
faszinierendes Werk, in denen sie Bildhauerei mit ökonomischen, sozialen
und politischen Aspekten verbindet.
 Nicolaus
Schafhausen und Isa Genzken, 2007
Der Deutsche
Pavillon in Venedig ist für jeden Künstler eine riskante
Angelegenheit. Und das sicher nicht nur, weil hier die Gegenwartskunst
einer Nation im internationalen Vergleich präsentiert werden soll. Wie ein
Brennglas fokussiert der 1909 entstandene Bau deutsche Kunst und
Geschichte: den Siegeszug der Moderne in den zwanziger Jahren, die
Instrumentalisierung der Kunst durch die Nationalsozialisten und die
Bemühungen in den fünfziger Jahren, ehemals verfemte Künstler durch die
Präsentation ihrer Arbeiten zu rehabilitieren. Radikal verändern die
Nationalsozialisten den Pavillon: am Eingang ersetzen monumentale Pfeiler
die zierlichen Säulen, darüber prangt die Inschrift "Germania". Zwar wird
nach dem Zweiten Weltkrieg oft über einen Abriss diskutiert. Doch er
bleibt fast unverändert bestehen. Größere Umbauten im Inneren brechen erst
1964 das Pathos nationalsozialistischer Rauminszenierung. Seitdem
konzentriert sich auch die Präsentation auf einen oder wenige Künstler.
Nicht alle setzen sich explizit mit der Geschichte des Baus auseinander.
Aber stets arbeiten sie im Spannungsfeld zwischen dem schwierigen Erbe und
ihrer künstlerischen Vision.
 Deutscher
Pavillon in Venedig
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"Immer ging es um Katharsis und Trauma", sagte Kasper
König, der Direktor des Kölner Museums
Ludwig, als im März bei einer Podiumsdiskussion im Rotterdamer Witte
de With über Isa
Genzkens Arbeit in Venedig diskutiert wurde. "Und jetzt packt das eine
sehr essentielle Künstlerin an. Sie hat es wirklich drauf." 2007 scheint
eine Art Superheldin von Nöten, um den im Dornröschenschlaf liegenden
Pavillon zu neuem Leben zu erwecken – eine "Unangepasste" wie Nicolaus
Schafhausen, der Kurator des Deutschen Pavillons in Venedig, Isa
Genzken nennt. Seit Gregor
Schneider 2001 mit seinem Haus Ur den Goldenen Löwen holte,
waren die Reaktionen auf die deutschen Beiträge eher lau. Daran änderte
auch der Slogan "Oh this is so contemporary" nichts, den Tino
Sehgal 2005 als konzeptionelles Kunstwerk hier von dem
Aufsichtspersonal vorsingen lies. Diesmal wird wieder ein wegweisender
Beitrag erwartet, der in die Tiefe geht, der die Besucher fesselt, der
wirklich "contemporary" ist - den Nerv der Zeit trifft.
 Elefant,
2006 Courtesy
neugerriemschneider, Berlin
Doch wie wird
Isa Genzken auf diese Erwartungen reagieren? "Ich werde einfach tun, was
ich immer getan hab: mein Bestes geben", sagte sie bereits letzten Herbst
im Interview mit db artmag – "Und ich werde mich auch nicht verrückt
machen lassen, als ob ich da jetzt eine Sensation liefern müsste. Ich
halte sowieso nicht so viel von Kunst, die eine Sensation ist. Ich kann
mit Christo
nichts anfangen. Ich hasse alles, was mit Sensation zu tun hat. Es ist
nicht so, dass die Kunst still sein muss, aber sie muss in sich eine
Attraktion sein, und nicht laut nach außen gerichtet. In Bezug auf den
Deutschen Pavillon fällt mir nur eine Ausstellung ein, die ich ganz
besonders mochte: die von Joseph
Beuys. Seine Straßenbahnhaltestelle von 1976 hat mir sehr
gut gefallen. Sie war nicht laut, sondern sehr eindringlich."
 Leonardos
Katze, 2006 Courtesy
neugerriemschneider, Berlin
In diesem
Sinne wird sie sich dem Pavillon von Außen nähern; behutsam, distanziert,
ohne sich sofort in seinem Innern breit zu machen. Das ist ein radikal
anderer Ansatz als der von Hans
Haacke, der nun einer ihrer Vorgänger im Deutschen Pavillon der
Biennale von Venedig ist. Sehr symbolisch hatte Hans Haacke 1993 den Boden
des Deutschen Pavillons zertrümmert, um einer im Faschismus
kompromittierten Moderne ihren Abgrund zu zeigen. Freilich war dieser
Abgrund in der Verklammerung von Hitler-Porträt und D-Mark-Emblem nicht
wirklich tief. Die moderne Kunst hat eben nur dann eine Zukunft, wenn sie
die Angebergesten ad acta legt; die Patentrezepte zur Befreiung von Kunst
und Gesellschaft, wenn sie von der Esoterik der Reinheit Abschied nimmt.
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