Verstärkt fließt Material in Genzkens Arbeiten ein, das sie
auf urbanen Streifzügen sammelt. Ende der Neunziger entstehen ihre Stelen,
die an Hochhäuser oder Totems erinnern: schlanke, hohe rechteckige Säulen,
die mit Spiegelfolien, Aluminium, Glas, Lack, Fotos oder leuchtend bunten
Klebestreifen bedeckt sind. Die Künstlerin gibt ihnen die Namen ihrer
engsten Freunde – Kai, Wolfgang , Daniel – oder
benennt sie nach Heroen der Moderne. Mies ist zum Beispiel eine
Hommage an den Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe, der mit seinem
Einfluss das architektonische Erscheinungsbild von New York entscheidend
geprägt hat - jener Stadt die Genzken liebt, und der sie in ihrem
Collagenbuch I LOVE NEW YORK CRAZY CITY (2006) ein Denkmal setzt.
In den zunehmend fragiler wirkenden Oberflächen von Genzkens Arbeiten
spiegeln sich kollektive und persönliche Geschichte wider. Die Anschläge
vom 11. September erlebt sie vor Ort. Und fast wirkt es, als fänden die
Nervosität und Anspannung, die neue, von Globalisierung, Digitalisierung
und Terrorangst gekennzeichnete Weltordnung einen formalen Niederschlag in
ihrem Werk.

 Aus
der Serie Empire / Vampire, Who Kills Death, 2003 Courtesy
Galerie Daniel Buchholz
Die
Serie der 2004 entstandenen Skulpturengruppe Empire/Vampire – Who kills
Death erscheint Lichtjahre von den frühen, minimalistischen Arbeiten
entfernt. Sie lässt an das miniaturisierte Setting für einen
apokalyptischen Science-Fiction-Film denken. Kleine Fantasy-Plastikfiguren
kämpfen unter riesigen Cognac-Schwenkern aus Kristallglas, zwischen
Schilden aus Spiegelfolie und Plastikgestrüpp – Konstruktionen, die so
endzeitig wirken wie der Thunderdome von Mad
Max. Das "unvollendete Projekt der Moderne" wird bei Genzken zum
Experiment mit offenem Ausgang: hysterisch, glamourös, kaputt. Genzkens
jüngste Arbeiten, wie die Arbeiten, die sie im Winter 2007 in der New
Yorker Galerie David Zwirner
zeigt, sehen aus wie unglaublich ästhetische Horrorvisionen einer ruinösen
Freizeitgesellschaft: object trouvé–Skulpturen, die sie aus Krücken,
zerfetzten Sonnenschirmen, Spiegelfolie, Vintage-Möbeln und
Designerklamotten zusammensetzt.
|
Skulpturen von Isa Genzken vor der
Überwasserkirche Foto:
Roman Mensing / sp07
Was anmuten mag wie
intuitive Assemblagen beruht tatsächlich auf monatelanger Arbeit. Minutiös
lotet Genzken die Beschaffenheit der unterschiedlichen Materialien und die
räumliche Wirkung ihrer Fundstücke aus. Die Zerbrechlichkeit ihrer Objekte
ist genauestens ausbalanciert – ähnlich wie die zeitgenössischen, amorphen
Bauwerke von Architekten wie Zaha
Hadid oder Frank Gehry,
deren Entwürfe vom Computer mathematisch und statisch berechnet werden.
Der Weg von Genzkens frühen Hyperbolos zu der goldenen
Spiegelfolie, die sie zwischen die Beinstützen eines Rollstuhls
klemmt, ist also nicht so weit: noch immer geht es um die Biegung einer
Fläche, noch immer geht es auch um die bloße optische oder formale
Wahrnehmung.
 Installationsansicht:
neugerriemschneider, Berlin 2006 Courtesy
neugerriemschneider, Berlin
Auch wenn man in
Genzkens Werke unendlich viele Verweise auf das aktuelle Zeitgeschehen
hineinlesen kann, funktionieren ihre Arbeiten ohne Pathos: die großen
Geschichten setzen sich im Kopf des Betrachters zusammen, Genzken liefert
die Projektionsflächen. Dabei darf ausdrücklich assoziiert werden. So
spielt auch Oil der Titel von Genzkens Biennale-Projekt mit
verschiedenen Bedeutungsebenen. Ganz konkret benennt er einen globalen,
zunehmend umkämpften Rohstoff. Zugleich ist dieser Begriff ein Ausdruck
unserer Zeit. Dabei verbindet er sich mit einer geradezu epischen
Geschichte – mit zukünftigen Krisenszenarien, bei denen das Öl zu einem
Sinnbild für ökonomische und ideologische Vorherrschaft hochstilisiert
wird. Auch die nationalsozialistische Geschichte steht für solch einen
Kampf. Doch während Hans Haacke in dramatischen, martialischen Bildern die
verdrängte Vergangenheit der BRD beschwor, wird Genzken wohl eher in die
globalisierte Zukunft blicken. Dabei will sie, wie Kasper König sagt, mit
allen möglichen Menschen kommunizieren, nicht nur mit der Kunstwelt: "Sie
hat diese unglaubliche Ambition. Sie will tatsächlich
Hollywood-Produzentin sein. Sie will nicht modernistisch, sondern im
wahrsten Sinne modern sein. Sie wäre begeistert, als Erste zum Mars oder
zum Jupiter zu fliegen, dorthin wo noch kein Mensch war." Zugleich wird in
Genzkens Arbeiten immer wieder das Scheitern offenbar, die Träume der
Moderne, die sich nicht erfüllt haben. Der imaginäre Strand, an dem sich
ihre silbern besprühten Babys und Gummienten sonnen, sieht schon jetzt aus
wie nach einem atomaren Fallout. Vielleicht kann man sich ihren
Biennale-Beitrag wie eine utopische Baustelle vorstellen, als Startrampe
in einen künstlerischen Kosmos, der keine historischen Wahrheiten
offenbart, sondern zukünftige Katastrophen vorstellbarer macht – all die
unüberbrückbaren, wundersamen Widersprüche, mit denen wir auch morgen
leben müssen.
[1]
[2]
[3]
|