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Produktionsaufnahme von Wölfen für die Ausstellung
"Cai Guo-Qiang - Sammlung Deutsche Bank" im Deutsche Guggenheim, 2006 /

©Courtesy Cai Studio

Zugleich gibt es viele Assoziationen, die sich im Zusammenhang mit der deutschen Vergangenheit gerade in der Hauptstadt Berlin einstellen können – die Bilder des Zweiten Weltkriegs zum Beispiel. In Ihrer Installation Head on attackiert ein Rudel Wölfe die Wand so wie in einem Grabenkrieg. Zugleich ist der Wolf in Fabeln und Märchen ein gefährlicher Gauner, Betrüger und Verführer, der seine Opfer verschlingt.

Das Ganze ist nicht so ausgearbeitet und auf den Punkt gebracht, wie Sie vielleicht annehmen. Jede neue Arbeit ist für mich eine Möglichkeit, über Geschichte nachzudenken – über die gegenwärtige Gesellschaft und die historischen Bedingungen, die sie geprägt haben. Aber genau so wie ich versuche, etwas über die ganz spezifischen Gegebenheiten einer Stadt herauszufinden, geht es mir dabei zugleich um Dinge, die die menschliche Existenz auf grundsätzliche Weise betreffen. Es ist durchaus möglich, die von Ihnen angesprochenen Referenzen mit den Wölfen oder dem brennenden Haus zu verbinden. Aber der Arbeit liegen auch ganz andere Überlegungen zugrunde.

Warum haben Sie gerade den Wolf als Motiv für Ihre Ausstellung gewählt?

Ich habe versucht, ein Tier zu finden, das kollektives Heldentum repräsentiert, das gesellig ist und im Rudel lebt. Ich wollte die universelle menschliche Tragödie abbilden, die aus diesem blinden Vorwärtsstürmen resultiert, auf der Kompromisslosigkeit, mit der wir versuchen, unsere Ziele durchzusetzen. Das wiederholt sich in der gesamten Menschheitsgeschichte. Im Zen gibt es die Vorstellung von "tragischer Schönheit", die darauf beruht, dass die meisten dieser Handlungen völlig sinnlos sind.

Wenn die Aspekte Ihrer Arbeit von solch universeller Natur sind und sich die Mauern sozusagen in unseren Köpfen befinden, warum attackieren die Wölfe dann – ausgerechnet im Deutsche Guggenheim - eine Nachbildung der Berliner Mauer?

Weil ich hier vor Ort mit den Berlinern in Dialog treten möchte. Für meine aktuelle Ausstellung im Metropolitan Museum of Art habe ich eine meterhohe Glasplatte auf dem Dachgarten des Gebäudes installiert. Sie korrespondierte mit den Wolkenkratzern der Stadt, die man wie durch ein riesiges Fenster sehen konnte – wie durch eine transparente Wand. Es gibt alle möglichen Arten von Wänden. Hätte ich mich im Deutsche Guggenheim für eine Nachbildung der Chinesischen Mauer entschieden, hätte das für die Besucher wohl nicht solch eine Bedeutung gehabt. Mir ging es darum, etwas aus dem städtischen Zusammenhang zu lösen, etwas auf das die Leute ganz direkt reagieren können. Deshalb sind meine Arbeiten für New York, Berlin und China auch so unterschiedlich.



Produktionsaufnahme von Wölfen für die Ausstellung
"Cai Guo-Qiang - Sammlung Deutsche Bank" im Deutsche Guggenheim, 2006
©Courtesy Cai Studio

Ist das nicht auch ein bisschen korrupt, so auf lokale Befindlichkeiten einzugehen? Die Mauer ist mit Erinnerungen und Symbolik extrem aufgeladen. Und sie repräsentiert die Trennung zwischen politischen Systemen, zwischen Ost und West. Sie können sich der Aufmerksamkeit der Besucher sicher sein. Aber vielleicht müssen Sie sich auch anhören, dass sie die komplexe deutsche Geschichte vereinfachen und auf eine einfache Metapher reduzieren, nur um die Leute zu fesseln.

Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich nun die Mauer mit einbeziehen sollte oder nicht. Natürlich hätte ich auch die bloße Wand der Ausstellungshalle für die Installation nutzen können. Aber es ging mir auch darum, die vorwärts preschende Kraft des Rudels zu unterstreichen. Diese Energie verstärkt sich, wenn man eine zusätzliche Wand vor die eigentliche Gebäudewand setzt. Gestern bei der Museumsbegehung haben wir uns sogar dazu entschlossen, die Wand leicht anzuschrägen, um die Wucht des Aufpralls zu potenzieren. Es geht hier sowohl um ästhetische als auch physikalische Entscheidungen. Ich will die Installation aufladen. Ich will, dass das Publikum sich wirklich auf diese Wand konzentriert. Dass durch die Symbolik der Mauer die Aufmerksamkeit für die Bewegung des Rudels, die Energie und Schönheit der Wölfe verloren gehen könnte, ist dabei allerdings sicher eine Gefahr.



Tornado,Festival of China,
Kennedy Center for Performing Arts, 2005
photo by Hiro Ihara, all rights reserved
©Deutsche Guggenheim, © Cai Guo-Qiang

Wieso finden Ihre Aktionen so oft an Monumenten wie der Chinesischen Mauer oder an Orten statt, die historisch aufgeladen sind? Wonach wählen Sie diese Orte aus?

Als Chinese hat man immer viel mit Geschichte zu tun – es ist eine Verpflichtung, das habe ich von meinem Vater, der Kunstgeschichtler ist. Insofern ist Geschichte zwangsläufig Teil meiner Arbeit. Es geht um eine leichte, verspielte und humorvolle Weise, sich der Geschichte anzunehmen – nicht um eine akademische Variante von Pädagogik. Ich will keine Lektion erteilen. Es gehört zu meiner Kunst, dass sie in der Vorwärtsbewegung auch zurückgehen kann. Zum Beispiel der Venice's Rent Collection Courtyard, der 1999 auf der Biennale in Venedig zu sehen war: Die Installation stellte eine Figurengruppe aus der Propaganda der Mao-Zeit dar, als eine Beschäftigung mit dem China der sechziger Jahre – ausgerechnet zur Jahrtausendwende.

Der Kommunismus sollte ja nie an der Vergangenheit orientiert sein, sondern immer nur an der Zukunft. Bei Ihnen scheint die Kunst die Vergangenheit eher blitzlichtartig kurz aus dem Dunkel zu holen und sie danach wieder dem Vergessen anheim zu geben.

Die Explosion des Schießpulvers, das ist tatsächlich der Moment, wo die Geschichte des Ortes durch die Kunst mit der Gegenwart der Betrachter zusammen gebracht wird. Zugleich verschwindet die Zeit im Ereignis, sie wird eliminiert, der Moment wird visuell eingefroren.



Illusion II: Explosion Project, 9:30pm, July 11, 2006
Stresemannstrasse/ Möckernstrasse, Berlin, Germany
Foto: Hiro Ihara, © Courtesy of Cai Studio

Wo das Feuerwerk in den meisten Kulturen aus Anlass von Feiern stattfindet, wird bei Ihnen ja praktisch das Kunstwerk selbst gefeiert.

Feuer ist etwas Heiliges, es ist ein Element, das die Menschen gelernt haben zu beherrschen. In der chinesischen Medizin war Schwarzpulver ein Heilmittel, etwas Alchemistisches, das auf der Suche nach Unsterblichkeit erfunden wurde. Es eröffnet einen Dialog mit dem Element Feuer, also auch mit der verborgenen Macht des Feuers. Diese Verbindung hat mich gereizt. Es ist ein Kunstwerk, aber es bringt ja große Mengen von Leuten zusammen, die bei einer Ausstellung an meiner Arbeit teilhaben – vom Museumsdirektor bis zu den Angestellten, dem Publikum etc. Insofern ist das Feuerwerk auch eine Feier für die Leute, die beteiligt sind.



Illusion II: Explosion Project, 9:30pm, July 11, 2006
Stresemannstrasse/ Möckernstrasse, Berlin, Germany
Foto: Hiro Ihara, Courtesy of Cai Studio

Ihre Arbeit bewegt sich häufig zwischen Zeremonie, Spektakel und Kunst.

Es ist genau diese Grauzone, die mich interessiert, diese sehr feinen Grenzen, die überschritten oder eingehalten werden. Mit dem Gefahrenpotential der explosiven Materialien, für die man einen hohen Sicherheitsaufwand benötigt, geht eine andere Gefahr einher: dass die Arbeit zu spektakulär, zu gefällig und erlösend für den Zuschauer wird – dass es keine Kunst mehr ist. Wenn man in diesem Event-Bereich arbeitet, bewegt man sich in einer Gefahrenzone. Aber ich liebe Gefahren und Schwierigkeiten. Deshalb mache ich meine Sachen auch nicht so "groß" wie möglich und versuche auch nicht, so etwas wie eine Katharsis zu erzeugen. Ich mache es etwas "kleiner". Ich nehme in Kauf, dass die Leute vielleicht irritiert sind, wenn sie nicht die Sylvesterfeuerwerke sehen, die sie gerade erwarten. Zugleich könnte ich auch keine reine Museumsinstallation machen. Meine Arbeit bewegt sich also zwischen all diesen Bereichen.

Als Stratege müssen Sie ständig um Genehmigungen ringen - für das Feuerwerk, für Dreherlaubnisse und so weiter. Sind Sie ein solches Organisationstalent wie Jeanne-Claude und Christo?

Bei Christo und Jeanne-Claude geht es darum, dass die beiden das Kunstwerk ganz und gar besitzen, dass sie es vollständig finanzieren durch den Verkauf von kleineren Arbeiten und deshalb auch den Anspruch auf den Besitz haben. Bei mir steht die Vorstellung von Eigentum nicht im Vordergrund. Der große Maßstab ist bei mir stets den vielen Leuten geschuldet, die die Arbeiten am Ende möglicherweise sehen.



Illusion II: Explosion Project, 9:30pm, July 11, 2006
Stresemannstrasse/ Möckernstrasse, Berlin, Germany
Foto: Hiro Ihara, Courtesy of Cai Studio

Ihre Kunst ist oft ein Mix aus vergangenen Kulturen, bis hin zum Rückgriff auf archaische Motive. Ist die Betonung solcher Traditionen auch eine Reaktion auf die Kurzlebigkeit von künstlerischen Trends?

Es gehört zum Konzept der Gegenwartskunst, dass jedes Gefühl und jede Vorstellung zur Kunst werden kann. Insofern gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Deshalb kann ich als Künstler ja auch ständig neu über die Orte und meine Beziehung dazu nachdenken. In China wird aus dieser Freiheit schnell die Idee, es sei egal, was man tut, man kann alles zu Kunst erklären. Das hat auch etwas von "messing up", das gefällt mir als Bild für meine Beschäftigung – ich mag es, ein wenig zu pieksen. Es muss nicht immer alles tiefgehend analysiert werden.


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