"Meine Zeichnungen waren Rache und Strafe" Marcel
Dzama im Gespräch mit Cheryl Kaplan
In
den letzten Jahren ist der Kanadier Marcel Dzama vom Geheimtipp zum
internationalen Kunststar avanciert. Seine subtilen, von schwarzem Humor
nur so strotzenden Zeichnungen, in denen der bekennende Pazifist seine
phantastische und gelegentlich grausame Welt entwirft, erinnern an die
Illustrationen viktorianischer Bilderbücher. Cheryl Kaplan ist
dem weißen Kaninchen in Dzamas New Yorker Studio gefolgt und hat sich mit
dem Künstler und Filmemacher über sein Wunderland unterhalten.
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"Ohne Titel", o. J., Sammlung
Deutsche Bank
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In New York regnet es so heftig wie schon lange nicht mehr.
Man könnte an diesem grauen Tag schlechte Laune haben, aber Marcel
Dzama lächelt und erinnert dabei ein bisschen an einen Hobbit
aus Der Herr der Ringe.
Willkommen im Auenland!
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Marcel Dzama in seinem New Yorker
Studio Foto: Courtesy
Cheryl Kaplan. ©Copyright
2006 Cheryl Kaplan. All rights reserved.
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Sein Atelier wirkt genauso verzaubert und magisch wie die
Welt von J.R.R.
Tolkien. Hier arbeitet der 1974 geborene Künstler, seitdem er vor mehr
als einem Jahr aus Kanada hergekommen ist. Immer noch stehen Kästen mit
Kinderklamotten und entsprechende Möbel herum. Dzamas Regale sind mit
seinen Kostümen voll gestopft, die all denen bekannt vorkommen dürften,
die vor kurzem seine Filme im Museum of
Modern Art in New York gesehen haben.
 Der
Künstler bei der Arbeit Foto:
Courtesy Cheryl Kaplan. ©Copyright
2006 Cheryl Kaplan. All rights reserved.
Er
hat mit Spike
Jonze zusammengearbeitet, ist aber ebenso bekannt für die Royal
Art Lodge, die er 1996 ins Leben gerufen hat, und die Royal
Family, eine Art Familien-Wanderausstellung, die in Winnipeg ihren
Anfang nahm. Der hochtrabende, königliche Name bescherte beiden Projekten
internationale Aufmerksamkeit. Aber es waren vor allem Dzamas Zeichnungen,
die für Furore sorgten. Seine Arbeiten zeichnet er mit einer Lösung aus
rötlich schimmerndem Root
Beer, einer Kräuterlimonade. Auf den ersten Blick gleichen sie
anheimelnden Zeichnungen aus Märchenbüchern. Bei genauerer Betrachtung
führen sie allerdings nicht in ein Kinderreich, sondern konfrontieren den
Betrachter mit verstörenden Szenarien, die von Edgar
Allen Poe oder aus Truman
Capotes Kaltblütig
stammen könnten.
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Eine neue Zeichnung in Dzamas Studio Foto:
Courtesy Cheryl Kaplan.© Copyright 2006 Cheryl Kaplan. All rights
reserved.
Dzamas Sinn für ironische
Kostümierungen, Irrungen, Tollheit und Wahnwitz sind wesensverwandt mit
den poetischen Verwechslungsspielen in Shakespeares
Sommernachtstraum,
und dabei ist sein Sinn für das Makabre durchaus ausgeprägt. Amputationen,
Blutbäder und tanzende Bären sind die Komponenten einer arachischen
Handlung, in die gelegentlich auch Figuren der Literaturgeschichte, wie James
Joyce einbrechen, der in jüngerer Zeit immer häufiger als
Nebendarsteller in Dzamas Welt fungiert. Gerade waren seine Zeichnungen
in der Ausstellung Blind
Date zu sehen, die Neuerwerbungen der Sammlung
Deutsche Bank präsentierte.
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"Ohne Titel", o. J., Sammlung
Deutsche Bank
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CHERYL KAPLAN: Wenn
es um Illustrationen geht, denken die meisten Menschen an verzauberte
Parallelwelten – auch in der Kunst. Das ist besonders der Fall, wenn
zusätzlich noch Fantasiefiguren ins Spiel kommen. Wie vermeiden Sie als
Künstler solche vorschnellen Rückschlüsse?
MARCEL DZAMA: Ich weiß nicht, ob mir das überhaupt gelingt.
Wie
sieht Ihre Parallelwelt aus?
Ich habe einen Rückzugsort.
Begegnen
Ihnen dort Ihre Figuren?
Sie tauchen einfach auf und entwickeln
sich auf dem Papier. Ich zeichne sie und erstelle außerdem 3D-Versionen.
Ich sammle Dinge, die mir in Gesprächen, in der Zeitung, in Büchern und
Filmen begegnen und halte sie in meinem Skizzenbuch fest. Als der
Irak-Krieg begann, habe ich Soldaten mit Maschinengewehren gezeichnet, die
durch eine assoziative Geschichte miteinander verbunden waren. Ich weiß
nicht, ob ich mein normales Leben noch fortführen könnte, wenn ich
gezwungen wäre, an einem Krieg teilzunehmen.
Sie hatten
damals Ihre eigenen Truppen.
Ich habe mir meine Armee
zusammengestellt. Ursprünglich befanden sich die Fledermäuse in den
Zeichnungen auf einer Flagge. Sie sollten dieses faschistische Regime
symbolisieren, das eine Welt infiltriert.
 "Training
Film", 2005, Courtesy David
Zwirner, New York
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