Wie landen Sie bei einer Erzählung?
Für
gewöhnlich habe ich am Anfang ein Thema, wie in einer Horrorshow auf dem
Rummel, aber das verliert sich nach etwa fünf bis zehn Zeichnungen. Ich
ziehe es vor, wenn sich die Dinge organisch entwickeln.
Jeffrey
Deitchhat einmal gesagt, dass "unsere heutige Vorstellung von
einem Künstler eher der eines Philosophen als der eines Handwerkers
entspricht." Mit ihrer Arbeit verhält es sich genau andersherum: sie ist
in starkem Maße von der Beherrschung des Handwerks geprägt. Sie sind ein
virtuoser Zeichner.
Die letzte Generation war sehr mit
philosophischen Diskussionen beschäftigt, sie haben das bis an die
äußerste Grenze getrieben. Heute kehrt man zu visuell stimulierenden
Arbeiten zurück. Es ist schon etwas Besonderes, eine Skizze auf das Papier
zu werfen. Ohne diese "handwerkliche" Fähigkeit gäbe es überhaupt keine
Intimität mehr. An der Universität hat man uns erzählt, dass die Kunst
bald von Computern übernommen würde. Ich habe die Technologie immer
bekämpft.
Gibt es in Ihrem Werk einen Held oder eine
Heldin?
Als Vorbereitung zu meiner letzten Ausstellung habe
ich mir die Werke von James Joyce angehört und dann Bilder von Joyce und Mr.
Bloom gezeichnet.
Joyce steht da oben im Regal.
Ich
habe ihn mit seiner Augenklappe gezeichnet. Er ist exzentrisch.
 James
Joyce in Dzamas Studio Foto:
Courtesy Cheryl Kaplan. ©Copyright
2006 Cheryl Kaplan. All rights reserved.
In
gewisser Weise geht es in Ihren Arbeiten um menschliche Torheiten und
Verirrungen. Sie gleichen Szenen aus dem Sommernachtstraum, wo es ständig
zu den aberwitzigsten Verwechslungen kommt.
Es ist fast wie bei Beckett,
wo surrealer Humor und dunkle, ironische Wendungen zusammentreffen. Ich
bin in Trance, wenn ich an meinen Sachen arbeite.
Ihre Figuren
vermitteln den Eindruck, als kämen sie aus einer anderen Welt.
Als
Kind war ich ganz versessen auf Star
Wars. Ich veränderte die Actionfiguren, indem ich Plastilin über
ihre Köpfe zog. Meine Figuren kommen von weit her, aus einer ganz anderen
Zeit.
 "Ohne
Titel", 2003, Courtesy
David Zwirner, New York
Zugleich sind sie
auch ziemlich abgründig.
Das stimmt. Als ich anfing, habe
ich Cowboy-Figuren gezeichnet, als Rache gegen die Jungs, die mich an der
High School immer schikaniert haben. Es war eine sehr ländlich geprägte
Gemeinschaft, mit diesen Macho-Cowboytypen. Ich war der kleine linkische
Junge, der immer in der Bücherei saß. Auf jemanden wie mich hatten sie nur
gewartet, es war klar dass ich dran glauben musste. Meine Zeichnungen
waren Rache und Strafe.
 "Ohne
Titel", 1997, Courtesy
David Zwirner, New York
Wie sah Ihre
Strafe aus?
Ich habe ihnen etwas amputiert oder ließ sie von
Tieren abschlachten.
Mord und das Abhacken von Gliedmaßen sind
immer ein guter Anfang. Im Sommernachtstraum gibt es eine naive
Qualität, die man in ähnlicher Weise auch bei Ihnen findet.
Das
hat mit dem Aspekt der Kinderbuchillustration zu tun, da wird auch immer
ein Happy End erwartet. Oder eher wie in den Grimmschen
Märchen, in denen die Figuren erst eine Menge durchmachen müssen,
bevor am Schluss alles gut wird.
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You Gotta Make Room for the New Ones
(Detail), 2005, Courtesy
David Zwirner, New York
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Ist das auch die Verbindung zu den bitterbösen Märchen
von Künstlern und Illustratoren wie Henry
Darger und Edward
Gorey? Ich denke da auch an die Tiere, die in Ihrem Werk auftauchen.
Eine
zeitlang war da die Figur des Bären, eine Bärenmutter die einen beschützt
und, an den Cowboys Rache übt. Da ich aus Winnipeg
komme, aus einer Familie, die Farmen besitzt, konnte ich mir gut
vorstellen, dass Tiere Persönlichkeiten haben, die interessanter als die
von Menschen sein können. Mein Großvater hatte dieses Pferd, das auf Kühe
aufpasste. Na ja, vielleicht ist das auch etwas ganz Gewöhnliches. Und
wenn man ein Haustier hat, kann es vorkommen, dass es plötzlich nicht mehr
mit einem spielt, sondern aus heiterem Himmel angriffslustig oder
aggressiv wird. Dann fragt man sich doch "Was ist denn jetzt passiert?"
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"Fades Away", 2005, Courtesy
David Zwirner, New York
Beschreibt
das Ihr Verhältnis zu Ihren Figuren?
Manchmal werden sie
einfach aus heiterem Himmel aggressiv.
Werden
Sie wütend, während Sie zeichnen?
Ich nehme auf diese
Art an vielen Menschen Rache. Michelangelo
hat einmal jemanden in der Hölle untergebracht.
Warum
präsentieren Sie Gewalttätigkeiten so spielerisch?
Wenn
ich Nachrichten anschaue, dann muss ich das sofort danach loswerden und
aus meinem Kopf bekommen. Es ist so hart.
Wie kam es zu Ihren
Filmarbeiten, insbesondere zu Ihrer Zusammenarbeit mit Spike Jonze für Sad
Ghost?
Meine Eltern kauften mir eine Fischer
Price Kamera mit Magnetbandkassetten. Die Kassetten waren billig. In
meinem letzten Jahr an der High School habe ich dann Puppenspiele für
meine Schwester und meinen Cousin aufgeführt. Ich habe Kostüme gemacht.
Ich habe Masken gekauft und sie dann verändert. Die Geschichten waren
wirklich nicht sehr aufregend. Ich habe deswegen Kostüme für die Filme
benutzt, weil die Schauspieler nicht gut waren, ich habe ja meine
Schwester oder auch meinen Vater engagiert, der aber viel besser geworden
ist. Sie war zwölf, als wir damit angefangen haben. Heute hat sie sich
aufs Stricken verlegt.
 "Ohne
Titel", 2005, Courtesy
David Zwirner, New York
Was war Ihr erster
Film?
Ich war vierzehn. Es war alles sehr spielerisch. Ich
hatte eine Band in der High School, habe "künstlerische" Videos gedreht
und sie mit Musik unterlegt. An der Universität haben sie uns dann
hochauflösende Kameras zur Verfügung gestellt. Ich mochte die Ergebnisse
aber nicht und benutzte meine alte Kamera, um damit zu drehen. Die
Spielzeugkamera wirft einen zurück in die Zeit des surrealistischen Films.
Mir gefiel diese gefakete Ästhetik von alten Filmen sehr gut. Als ich die
Kamera wieder zur Hand nahm, war sie so alt, dass sie nicht mehr richtig
funktionierte. Ich konnte mich damit kaum bewegen, weil das Kabel des
Videorecorders so kurz war.
 In
Marcel Dzamas Studio Foto:
Courtesy Cheryl Kaplan.© Copyright 2006 Cheryl
Kaplan. All rights reserved.
Welche war
ihre schlechteste Story?
Es gab da dieses Schachspiel zwischen
einer sehr seltsamen Alien-Kreatur und einem Cowboy. Würde das Alien
gewinnen, sollte die Welt in die Luft fliegen, würde der Cowboy gewinnen,
wäre die Welt gerettet. Am Ende gewann das Alien. Ich steckte einen
riesigen Knallkörper in einen Globus und jagte ihn damit in die Luft. Es
sah nicht besonders gut aus, aber die Funken sprühten …
Und
wie kam es nun zu Ihrer Zusammenarbeit mit Spike Jonze?
Er kam
in mein Atelier. Ich machte gerade 15-Sekunden-Filme mit einer Power-Shot
Kamera von Sony. Wir kamen auf die Idee,
dass ich da stehen und einen Bären malen sollte. Dann sollte ein
Plüsch-Bär seitlich von einer Treppe herunterkommen und mich zerfleischen.
Er bringt mich also um. Rastet aus und verschwindet dann. Dann kriecht ein
Wurm in das Zimmer hinein und verschlingt mich. Die Schlange mit dem
aufgerissenen Maul haben wir auf meinen Kopf drapiert und dann weggezogen.
Das Ganze wurde dann rückwärts abgespielt, dass es so aussah, als ob sie
sich in das Zimmer hineinschlängelt.
 "Ohne
Titel", 2000, Sammlung
Deutsche Bank
Geben Sie Ihre Kostüme
dann anschließend in die Reinigung?
Nein, sie sind
ziemlich dreckig. Ich habe einen Bären aus diesem Haus auf die Straße
heruntergeworfen. Beim Aufprall ist die Maske kaputtgegangen. Mit Spike
habe ich dann überlegt, ob wir das in einer Sequel benutzen könnten. Der
Bär hat solche Schuldgefühle, weil er mich umgebracht hat, dass vor seinem
inneren Auge alle Leute vorbeiziehen, die er auf dem Gewissen hat. Also
bringt er sich um. Anschließend sollte der Wurm ihn verschlingen.
Wie
übel.
Der Film war ohne Ton, die Bärenlaute haben wir
nachher erst hinzugefügt. Und Spike schreit an meiner Stelle, denn ich war
nicht da, als der Ton aufgenommen wurde. Es ist ein wirklich schriller
Aufschrei.
Übersetzung: Jutta von
Zitzewitz
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