Im Zeichen des Krokodils Cai Guo-Qiang – ein
chinesischer Kunststar in New York

Cai Guo-Qiang bei der Vorbereitung eines Gunpowder Drawings,
Lagerhalle der Firma Grucci, 2006, Foto: Maria Morais
In diesem Sommer wird der chinesische Kunststar Cai Guo-Qiang mit einer großen
Einzelausstellung im Deutsche Guggenheim in Berlin vertreten sein. Im
Vorfeld der Schau organisierte die Deutsche Bank Kunst eine Pressereise
nach New York. Auf dem Programm standen auch ein Besuch in Cais Studio und
ein Ausflug nach Long Island, wo Guo-Qiang seine explosiven Werke
herstellt. Oliver Koerner von Gustorf ist mitgereist und dabei
schwarzen Wolken, mysteriösen Krokodilen und "America's First Family of
Fireworks" begegnet.
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Auf dem Dach des Metropolitan Museum
of Art, New York,
Alessandra di Giusto und Friedhelm Hütte, Foto: Maria Morais
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An diesem Frühlingstag sieht New York aus wie ein Traum in
Technicolor - als hätte es nur auf
Cai Guo-Qiangs Kunstwerk Clear Sky Black Cloud gewartet. Im Central
Park blühen die Kirschbäume, an Straßenständen werden Hot Dogs und Eis
verkauft. Ein kristallblauer, wolkenloser Himmel erstrahlt über der Stadt,
wenn der leichte Wind nachlässt, erahnt man bereits die Wärme des Sommers.
Das klare Licht lässt alle Farben leuchtender erscheinen, fast künstlich:
die poppigen Lettern auf den billig nachgemachten
Louis Vuitton-Handtaschen, die Plakatwände und Fahnen, das Gelb der
vorbeirauschenden Taxis. Auf dem mit Buchsbaumhecken eingefassten
Dachgarten des Metropolitan Museums
haben sich Scharen von Menschen versammelt und starren sonnenbebrillt und
mit Kameras bewaffnet in die Luft, als würden sie die Landung eines Ufos
erwarten.

Clear Sky Black Cloud, Metropolitan Museum of Art, New York, 2006, Foto: Maria
Morais
Cai Guo-Qiang on the Roof:
Transparent Monument heißt die Open-Air
Ausstellung, zu der auch ein äußerst flüchtiges Kunstwerk gehört. Noch bis
zum Oktober erscheint hier tagtäglich um Punkt zwölf Uhr Mittags eine
schwarze Wolke über der Skyline Manhattans. Als es heute soweit ist, geht
es so schnell, dass wir kaum blinzeln können: Mit einem kurzen, lauten
Knall explodiert eine Ladung Pulver über unseren Köpfen und hinterlässt
eine dunkle Schwade am Himmel, die sich ausbreitet wie ein Fleck
auslaufender Tinte. Binnen weniger Sekunden ist sie verweht, ganz so als
sei nie etwas gewesen.
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Transparent Monument, Metropolitan
Museum of Modern Art, New York, 2006, Foto: Maria Morais
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Zunächst erscheint diese Arbeit des chinesischen Künstlers
eher unspektakulär, aber nach einem Moment der Irritation wird man gewahr,
dass diese temporäre Skulptur für einen Moment ein Loch in den Himmel
gebrannt hat, so als sei die vermeintliche Realität dieses schönen Tages
nichts anderes als eine Projektion. Und dann ist da Cai Guo-Qiangs
Transparent Monument , eine meterhohe Glasplatte, die diesen Eindruck
verstärkt. Wie eine durchsichtige Leinwand fasst sie das Bild der
frühlingshaften Stadt, des Parks und der Hochhäuser ein. Auf beiden Seiten
der gigantischen Scheibe liegen nachgebildete Vögel, tote Tauben, die sich
das Genick gebrochen haben, als sie gegen diese unsichtbare Hürde
prallten, bei der es kein Außen und kein Innen gibt.
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Transparent Monument, Metropolitan
Museum of Modern Art, New York, 2006, Foto: Maria Morais
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Man erinnert sich vielleicht daran, dass der
11. September 2001 ein ebenso klarer, schöner Tag war und dass die
schwarzen Wolken, die damals aus dem World Trade Center aufstiegen, sich
von den Massenmedien millionenfach reproduziert ins kollektive Bewusstsein
eingebrannt haben – zunächst als unbegreifbares, irreales Bild und dann
als Sinnbild für eine neue Zeitrechnung. So thematisiert Guo-Qiangs
Ausstellung auf dem Dach des Metropolitan Museums auch das Leben in der
Post-9/11 Welt.
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Nontransparent Monument, Detail,
Metropolitan Museum of Art, New York, 2006
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Sein aus grünem Kalkstein gefertigtes
Nontransparent Monument wirkt wie eine Antithese zu der gläsernen
Scheibe. Neun Paneele bilden eine etwa zehn Meter breite Wand, in die
massenmediale Images gemeißelt wurden, die tragisch, komisch oder auch
banal erscheinen: Nachrichtenbilder aus dem Irak, Auftritte von
US-Präsident Bush, homosexuelle Eheschließungen, Szenen aus TV-Soaps,
Paraden und Demonstrationen. Während diese steinerne Tafel wie das
archäologische Fundstück einer längst versunkenen Kultur wirkt, thronen
archaische Ungeheuer auf der Balustrade der Dachterrasse: zwei auf
Holzpflöcke aufgespießte Krokodile. In seiner Installation
Move Along, Nothing to See Here lässt Guo-Quiang die Symboltiere des
Heimtückischen, Gefährlichen und Bösen wie Schutzgeister erscheinen. Die
künstlichen Reptilien sind durchbohrt von Messern, Schraubenziehern, und
scharfen Gegenständen, die sämtlich bei Abfertigungskontrollen an
Flughäfen konfisziert wurden.

Nontransparent Monument, Metropolitan Museum of Art, New York, 2006
Auf unterschiedliche Weise vermitteln alle der hier ausgestellten Arbeiten ein
beunruhigendes, ambivalentes Gefühl und verbinden dabei zugleich scheinbar
mühelos Kunst, Architektur und das sanfte Grün des Central Parks. Bereits
1994 äußerte Guo-Qiang auf einem Symposium zur asiatischen Kunst: "Die
Existenz der Kunst (…) ist abhängig von einer Vielzahl von natürlichen,
sozialen und kulturellen Faktoren. Häufig stehen diese Faktoren in
völligem Widerspruch zueinander, und es gehört zu den fundamentalen
religiösen Grundsätzen fernöstlicher Kultur, diese Widersprüche zu
akzeptieren und in ihnen nach Harmonie und friedlichem Nebeneinander zu
suchen. Es ist ganz deutlich, dass diese östliche Denkweise es gebietet,
dass wir nach einer neuen Methodik in der Kunst suchen."

Move Along, Nothing to See Here, Metropolitan Museum of Art, New York, 2006,
Foto: Maria Morais
Inzwischen hat der
1957 geborene chinesische Künstler mit seiner sehr eigenen und
vielfältigen Methodik Weltrang erreicht. Seit den frühen neunziger Jahren
hat er rund um den Globus eine Vielzahl von Projekten verwirklicht, bei
denen er traditionelle chinesische Kunst und Kultur mit
postkonzeptionellem Denken verbindet. Hierbei bedient Cai Guo-Qiang ein
Arsenal von ganz unterschiedlichen Symbolen, Erzählungen, Praktiken und
Materialen: Feng-Shui
, chinesische Heilkräuter, Drachen, Achterbahnen, Computer, Automaten,
Treibgut, und vor allem Schwarzpulver.
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