It’s so Hardcore! Tagebuch
einer Mexiko-Reise
Seit Ende Januar 2006 bildet das
MARCO Museum im mexikanischen Monterrey die erste Station für "Mehr als
das Auge fassen kann", eine Ausstellung deutscher Gegenwartsfotografie aus
der Sammlung Deutsche Bank. Für fast drei Jahre werden die Werke von
Fotografen und Künstlern wie Thomas Struth, Andreas Gursky, Wolfgang
Tillmans, Katharina Sieverding oder Günther Förg durch Lateinamerika
touren. Doch auf welchen kulturellen Hintergrund stößt die Ausstellung?
Wie sieht die einheimische Kunst- und Fotografieszene aus? Und warum freut
man sich in Mexiko City auf deutsche Fotokunst? Cornelius Tittel
hat seine Koffer gepackt und sich mit dem Fotografen Roberto Ortiz
auf einen Trip durch die beiden mexikanischen Metropolen begeben, in denen
die Ausstellung in diesem Frühjahr zu sehen ist. In seinem Tagebuch
schildert er Ab- und Umwege durch die urbane Kultur Mexikos, seine
Begegnungen mit den unterschiedlichsten und schillernden Persönlichkeiten
fest - einer künftigen Pornoproduzentin, einem Punk-Playboy, einer Leichen
waschenden Künstlerin und dem weltbesten Hochzeitsfotografen.
 Das
MARCO in Monterrey: Erste
Station der Ausstellung "Mehr als das Auge fassen kann" Foto: Roberto
Ortiz
Samstag, 4. 2. 2006
23 Uhr Mein Polyglott-Reiseführer
nennt Mexico City einen "Moloch voll angenehmer Überraschungen". Auf dem
Weg vom Flughafen zum Hotel gleich eine unangenehme: An einer Ampel haben
zwei Polizeiwagen einen alterschwachen VW-Käfer eingekeilt. Der
blutüberströmte Fahrer wehrt sich tapfer gegen einen Kampfhund, den die
Polizisten an einer sehr langen Leine führen. So lang, dass die
blütenweißen Epauletten ihrer Uniform keine unschönen Flecken bekommen.
Der Taxifahrer murmelt etwas, dann wird es grün.
 ©Foto:
Roberto Ortiz
Sonntag, 5. 2. 2006
9.30 Uhr Check-In im Hotel
Habita, Polanco. Das schickste Hotel im schicksten Stadtteil, sagt
mein Führer. Eames-Stühle
, Castiglioni-Lampen,
Hermès-Seife
und ein Pool auf dem Dach. 10.30 Uhr Die Sonne scheint, 24 Grad
Celsius. Am Nationalfeiertag wirkt selbst die Hauptstraße Polancos wie
ausgestorben. Bei Chanel , Max
Mara und Boss ist Sale, morgen
wieder. Wer Geld hat, ist bestimmt in Acapulco. 12 Uhr Auch wer
nicht reich ist, scheint die Stadt verlassen zu haben. Auf dem Zocalo, dem
Hauptplatz im Centro Storico, herrscht gähnende Leere. In der Calle
Uruguay treffe ich doch noch auf Menschenmassen. Sie strömen in die Pasteleria
Ideal, eine gigantische Konditorei, die ihre Waren auf Tischen
präsentiert. Jeder Kunde bekommt am Eingang ein Tablett, nimmt sich was er
braucht und zahlt an der Kasse. Ein paar Meter weiter noch mehr Menschen:
Im Fischrestaurant Danubio
isst man acht Gänge für 140 Pesos, knapp zehn Euro. 15 Uhr
Stadtteil Coyoacán, wo in den vierziger Jahren Frida
Kahlo , Diego Riviera
und die Schauspielerin Dolores
del Rio gewohnt haben. Nur die Stacheldrahtrollen und
Überwachungskameras an den Häusern stören die dörfliche Bohème-Atmosphäre.
Im Blauen Haus kann man die Wohnräume von Frida Kahlo besichtigen,
im Casa de Trotzky
den Tatort einer Exekution. Eine Schlange steht nur vor ersterem.
 ©Roberto
Ortiz, 2006
Montag, 6.2. 2006
12
Uhr Im Norden der Stadt liegt die Basilica
de Nuestra Senora Guadeloupe. Die Jungfrau, der sie gewidmet ist, gilt
als unantastbares Nationalsymbol. "First we are Guadeloupan, than we are
Mexican", erklärt mein Taxifahrer. Unterhalb der kleinen Basilica, die auf
einem Hügel über der Stadt thront, liegt die modernistische
Wallfahrtskirche für mindestens 10 000 Pilger. Sie ist voll, Gottesdienst
ist immer - ein nicht abreißender Strom von Besuchern schiebt sich in den
stadiongroßen Beton-Bau, dessen Deckenlüster an den Palast
der Republik erinnern. 16 Uhr Flug mit Air
Azteca nach Monterrey 17.30 Uhr Der Fotograf Roberto Ortiz
holt mich ab, mein Führer für die nächsten Tag. Erster Eindruck von der
3-Millionstadt: Eine Mischung aus Wuppertal und Beverly Hills, zwischen
mehreren Bergen gelegen. Ohne Schwebebahn, dafür mit einem riesigen
Krümelmonster, das auf dem Grünstreifen der Stadtautobahn Werbung für den
lokalen Freizeitpark Plaza
Sesamo macht. Roberto hat Termine für mich gemacht, mit Künstlern,
Galeristen und Kuratoren. Auf dem Weg zum ersten Termin erklärt er, dass
Monterrey der Motor des mexikanischen Wirtschaftswachstums sei. "Vielen
Mexikanern ist es zu amerikanisch." sagt er. 21.00 Uhr
Check-In im Crown-Plaza
. Roberto schlägt vor beim "Rey
de Cabrito" zu essen. Das Restaurant sieht aus, als hätte Imelda
Marcos eine mexikanische Ranch eingerichtet. Wie Marcos neigt auch der
Hausherr zum Personenkult. Neben unzähligen Fotos, die ihn mit lokalen
Politikern und Schlagersängern zeigen, sind die Hauptattraktion zwei
ausgestopften Löwen, die sich in Kampfpose gegenüber stehen. Der Rotwein
wird eiskalt serviert.
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Señora Larius in ihrer Bauhaus-Villa in
Monterrey. ©Foto: Roberto Ortiz,
2006
Dienstag, 7.2.2006
10 Uhr Franciso Larius lädt zum Frühstück in seine Bauhaus-Villa
am Rande einer Gated Community in den Hügeln über Monterrey. Der Mann hat
Erfolg und genießt ihn. Über Mies
van der Rohes Barcelona-Chairs
hängen seine großformatigen, extrem dekorativen Leinwände, die er vor
allem nach L.A. und Houston verkauft. Was sich weniger gut verkauft,
verwahrt er in schwarzen Kladden. Zeichnungen von Kindern, deren Augen
verbunden sind, deren Pulsadern aufgeschnitten sind, deren Hände brennen,
die an Treibholz gefesselt zu ertrinken drohen. "Diese Dinge malt er nur
für sich", sagt seine Frau. Und Larius erzählt von seiner Kindheit in
einem kleine Ort am Pazifik: "Es ist sehr katholisch dort, immer noch.
Alles dreht sich um Schuld, Schmerz und Bestrafung." Sein kleiner Bruder
sei immer von zu Hause fortgelaufen, solange bis seine Mutter begann, ihn
mit einem langen, groben Strick an einem Baum im Garten des Hauses zu
fesseln. So wusste sie immer wo er war. "Diese Bilder haben mich gerettet"
sagt er. Auch seine jüngsten, digitalen Arbeiten haben mit Rettung und
Erlösung zu tun. Larius will die Tradition der Ex
Voto wieder aufleben lassen, traditionelle Dankesbilder, von
Menschen in Auftrag gegeben, die ein Unglück überstanden haben und nun
Jesus Christus oder der Jungfrau von Gouadeloupe ihre Demut beweisen.
 Francisco
Larius und Cornelius Tittel ©Foto:
Roberto Ortiz, 2006
13 Uhr
Parque Fundidora.
Bernd und Hilla
Becher würden sich heimisch fühlen, ein stillgelegtes Stahlwerk, das
zum Kulturzentrum umgebaut wurde. Die Fotoabteilung zeigt Deutsche
Modefotografie ab 1945. F.C.
Gundlach, Will McBride
, Wolfgang Tillmans, Peter
Lindbergh. Nebenan präsentiert die örtliche Großbrauerei Femsa
ihre eigene Biennale. Larius scheint kein Einzelfall zu sein: Gewalt, Sex
und Katholizismus sind die Themen der Stunde. Zeitungscover mit
Gewalttaten, Dessous mit Kardinalswappen und Fotos von Schmetterlingen,
deren Körper durch Schamlippen ersetzt wurden. Ein Bild heißt Fruta
con Carne – auf das altmeisterlich gemalte Stilleben mit Obst und
Gemüse sind vaginale Close-Ups montiert. Harter Stoff. 15 Uhr
Ramis
Barquet. Die Galerie, die bereits zwei Filialen in New York hat, zeigt
nichts, an das man sich fünf Minuten später noch erinnern könnte. Die
guten Sachen hängen im Büro: Zeichnungen von Marco
Arce, der eine Art mexikanischer Raymond
Pettibon zu sein scheint. Eine zeigt Martin
Kippenberger, tanzend mit nacktem Oberkörper. Laura Pacheno rät
dringend, später am Abend in einem der Altstadt-Restaurants Heuschrecken
zu probieren. 21 Uhr Casa
Oaxaca. Ich esse Heuschrecken-Tacos mit Avocado und bin enttäuscht.
Beim Kauen knackt es. Die Tiere schmecken wie Krabben, die man vergessen
hat zu pulen. Diesmal ist der Rotwein nicht kalt, sondern süß.
Mittwoch
8.2.2006
 Der
Fotograf Juan Rodrigo Lluno in seinem Studio ©Foto:
Roberto Ortiz, 2006
10 Uhr
Besuch bei Juan
Rodrigo Llaguno, dem wahrscheinlich begabtesten Hochzeitsfotografen
der Welt. Llaguno betreibt ein Fotostudio in Garca Garcia, einem Vorort
von Monterrey. Im spartanischen Vorraum liegen ein paar Vanity
Fair, an den Wänden hängen Schwarzweißbilder von glücklichen Familien,
stolzen Müttern und immer wieder von Brautpaaren. Dann der Schock: Was
Llaguno in seiner "Freizeit" macht ("Davon allein könnte ich niemals
leben") gehört zum Besten, was ich seit langem gesehen habe. Für eine
Serie besucht Llaguno, der Diane
Arbus und Irving
Penn als seine größten Einflüsse nennt, seit Jahren den Park, in dem
er selbst als Kind gespielt hat. Dort fotografiert er den Nachwuchs der
oberen Mittelschichten und seine bezahlten Betreuerinnen. Es sei ein
Phänomen, sagt er und zeigt auf seine Bilder, die er Woche für Woche mit
seiner antiken Großkamera aufnimmt: So viel Zeit verbrächten diese Kinder
mit ihren Nannies, dass sie ihnen irgendwann zu ähneln beginnen.
 Juan
Rodrigo Lluno ©Foto: Roberto
Ortiz, 2006
Für eine andere Serie geht er
seit Jahren jedes Wochenende auf einen Platz im Zentrum von Monterrey,
baut dort seine Kamera auf und fragt Passanten, ob sie sich von ihm
fotografieren lassen wollen. Vom Bürgermeister bis zum durchreisenden
Wanderarbeiter gelingt ihm so ein Gesellschaftspanorama, das nicht nur
formal an die Menschen
des 20. Jahrhunderts von August
Sander erinnert. Sein Problem, sagt er, sei allein, dass seine Bilder
nicht mexikanisch genug aussähen. Eine amerikanische Kuratorin habe ihm
einmal geraten, auf mexikanische Klischees zu setzen, um international
wahrgenommen zu werden. Indios, das Elend der Bauern im Süden, vielleicht
noch die Catcher von Mexico City oder die Opfer sinnloser Gewalt. "Leider
ist das nicht meine Welt. Ich kann nicht nach Chiapas
fahren und Rebellen fotografieren. Das ist, als würde ich in ein anderes
Land fahren. Ich muß an dem Ort leben, an dem ich arbeite."
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