Die Dinge in Gang bringen: Wolfgang Tillmans und sein
Londoner Ausstellungsraum "Between Bridges"
Wolfgang
Tillmans versteht seine eigene Arbeit durchaus als politisch. Aber das
reicht ihm nicht. Statt Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit in der
Kunstwelt nur zu beklagen, wurde er jetzt aktiv: Mit "Between Bridges"
eröffnete er einen eigen Kunstraum in London, in der politische und vom
Markt ignorierte Künstler und Positionen präsentiert werden. Den Anfang
machte der 1992 an AIDS verstorbene New Yorker Künstler und Aktivist David
Wojnarovicz mit Fotografien, einem Kurzfilm und einem Krokodil. Louise
Gray befragte Tillmans zu seinem Projekt und bekam trotz seiner
anfänglichen Zurückhaltung beinahe ein Interview.
 Wolfgang
Tillmans, Between Bridges, 1999, Courtesy
Wolfgang Tillmans
In der Londoner Cambridge
Heath Road treffen zwei Eisenbahnbrücken so dicht aufeinander, dass sie
sich beinahe berühren. Eben an dieser Stelle hat Wolfgang
Tillmans im April dieses Jahres seine erste eigene Galerie eröffnet.
Treffender Weise "Between Bridges" benannt, verdankt die Galerie ihren
Namen zugleich einem Bild, das der deutsche Fotograf 1999 aus einem
fahrenden Auto heraus machte, während er eine leere Landstrasse entlang
fuhr. In diesem Sinne bezeichnet die Galerie ebenso einen präzisen Ort,
als auch einen "Raum zwischen Räumen". Tatsächlich ist Between Bridges auf
kleinstem Platz untergebracht – im ehemaligen Flur, im Treppenaufgang und
in einem Zwischengeschoss des Nachkriegsbaues, der zugleich auch Tilmans
Studio beherbergt.
 David
Wojnarowicz, Untitled, 1991, ©Between
Bridges, London
Beim Betreten des Gebäudes
wird der Besucher gleich mit einem intimen Raum konfrontiert, in dem zehn
Arbeiten des verstorbenen amerikanischen Künstlers David
Wojnarowicz zu sehen sind; zumeist Fotografien, aber auch ein Kurzfilm
und das kleine Modell eines Krokodils. Mit dieser kleinen Schau wird
Wojnarowicz' Arbeit erstmals in Großbritannien gezeigt – und das auf sehr
zurückhaltende Weise. Denn bei der Eröffnung seines neuen Galerieraumes
verzichtet Tillmans auf die übliche Pressearbeit. "Es geht ausschließlich
um David Wojnarowicz", sagt er sehr bestimmt am Telefon und fügt hinzu,
"Ich will meine eigene Person dabei im Hintergrund halten". Er spricht es
nicht aus, aber Tillmans weiß, dass sein eigener Ruhm von der Arbeit
ablenken würde, um die es hier tatsächlich geht.
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David Wojnarowicz, aus der Serie "Arthur
Rimbaud in New York", 1978-79/2004, Courtesy
Cabinet, London
Doch dann lässt er sich doch
zu einem Gespräch erweichen. "Between Bridges ist eine Künstlergalerie,
deren Programm sich auf politische Kunst konzentriert, aber nicht
ausschließlich", erläutert Tillmans. "Sie wurde gegründet, um Kunst zu
zeigen, die nicht gerade im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, für die
sich kaum jemand einsetzt - entweder weil die Künstler tot oder ihre Werke
für den Markt nicht relevant sind. Ich möchte Dinge in Gang bringen, für
die sich andere kaum interessieren würden."
 Wolfgang
Breuer, Untitled, bench with berries, 2005, Installation
London 2005 ©Wolfgang Breuer
Die
nächste Ausstellung bei Between Bridges wird vom jungen Berliner Künstler Wolfgang
Breuer bestritten. Wolfgang Breuer arbeitet zumeist im öffentlichen
Raum, in Städten wie Berlin und London. Seine Interventionen sind oft sehr
leise und erst beim zweiten Blick zu erkennen. Es sind Hilfestellungen –
wie seine gesprühten Hinweise, die darauf verweisen, wo sich in einer
Strasse die nächste Apotheke befindet oder die reflektierende Wand, die er
für eine Pflanze am Straßenrand malt. Oder es sind feine "Verschönerungen"
der Umgebung, wie die Blätter, die er als Ornamente an Absperrgittern
anbringt oder die Beeren, die er fast wie Intarsien in Parkbänke
einarbeitet. Für seinen Beitrag zum Berliner Kunstprojekt "Sehnsüchtig
gleiten Ballone rund um die Welt" schloss Wolfgang Breuer auf
der Straße neben dem Ausstellungspavillon ein Fahrrad mit einer selbst
gefertigten Sicherung an. Das Schloss fertigte er aus Federstahl,
Schrumpfschlauch und Vogelbeeren. Dabei sollte vielmehr die Erscheinung
des Schlosses als seine offensichtlich geringe mechanische Festigkeit den
Diebstahl des Fahrrades verhindern. Breuers ortspezifische Arbeiten
stecken voller Referenzen an Konzeptkunst,
Minimal - und Land-Art.
Zugleich irritieren sie auf völlig eigenwillige Weise, denn mit seinen
vermeintlich poetischen und versponnenen Lösungen verknüpft sich das
subversive Hinterfragen von ökonomischen, sozialen und ökologischen
Bedingungen. "Er steht noch am Anfang, macht aber extrem aufregende
Sachen", so der offensichtlich begeisterte Tillmans.
 Wolfgang
Breuer, Untitled (bikelock that
protects by the way it looks rather than its strength) , Installation
Berlin 2006 2006 Courtesy Longing
Balloons ©Wolfgang Breuer
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